West-östlicher Nord-Süd-Konflikt

Ist Feng Shui in die heutige Zeit übertragbar?

von Siegfried Prumbach erschienen in Hagia Chora 1/1999

Wer sich mit Feng Shui auseinandersetzt, stößt an eine Grenze, die durch die kulturellen Unterschiede zwischen Asien und Europa gesetzt ist. In China lebt Feng Shui als stetig tradierte, in menschlichem Maß gewachsene Naturphilosophie. Im Westen war Feng Shui vor zehn Jahren noch kaum bekannt - heute wird damit Geld verdient. Siegfried Prumbach, Leiter der Freien Akademie für Geomantie Anima Mundi fragt sich, wie die fernöstliche Gestaltungskunst in den Westen übertragen werden kann.

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"Wind und Wasser" ist die bildhafte Bezeichnung für die alte Geomantie der Chinesen. Es ist die Übersetzung des Begriffes Feng Shui und meint das Erkennen der Umwelteinflüsse und die Kunst der Umweltgestaltung nach den Gesetzen von Yin und Yang. Wir wollen untersuchen, inwiefern die historische, kulturbezogene Gestaltungskunst des Feng Shui in unsere heutige Zeit und Kultur übertragbar ist.
Feng Shui geht - wie jede Geomantie - von der Idee aus, daß unserer Wirklichkeit eine energetische Kraft zugrunde liegt, die in der chinesischen Philosophie als Chi oder Qi bezeichnet wird. Die chinesische Philosophie wiederum arbeitet mit Bildern und Symbolen, die ursprünglich den geographischen Gegebenheiten Chinas entlehnt wurden. Im Feng Shui sind denn auch die sich schlängelnden Wasserläufe der Flüsse das Vorbild für die wellenförmigen Bewegungen des Qi in der Landschaft. So kommt es, daß besonders gerade Linien als unangenehm, ja gefährlich eingestuft werden.
Nun besteht aber unsere westliche Welt aus geraden Straßen, rechtwinkligen Häusern und Stadtvierteln, geraden Schienensträngen, Flugschneisen und begradigten Flüssen, die nach Auffassung des Feng Shui den energetischen Fluß zu einer reißenden, ungebremsten Kraft anschwellen lassen. Andererseits werden Umweltfaktoren wie Luftverschmutzung und Elektrosmog, Einflüsse radioaktiver Strahlung sowie Magnetfeldveränderungen im Bereich geologischer Störungen von einer historischen Geomantie nicht erfaßt. Diese Widersprüche sind schwer überwindbar. Typisch für die Geomantie ist ja gerade ihre regionale Bezogenheit, die landschaftsbezogene Zuordnungssysteme entstehen ließ, in die auch kulturelle Aspekte eingeflossen sind.

Die Himmelsrichtungen
Wie alle Geomanten gaben auch die Chinesen den Himmelsrichtungen verschiedene Qualitäten. Schon am Beginn der chinesischen Geschichte galt der Nordosten und der Norden als unheilbringend. Der Grund dafür wird heute darin gesehen, daß die eisigen Winterwinde und die unzähligen feindlichen Invasionen, die China überrollten, aus diesen Richtungen kamen. Eine weitere Bedrohung, vor allem der patriarchalen Philosophie, könnte durch die Mütterkulturen entstanden sein, die im Norden Chinas lange vor der Zeit der großen Kaiserreiche bereits eine Hochkultur besaßen. Seitdem werden im Feng Shui die nördlichen Richtungen durch Berge oder Mauern, bis hin zur "Großen Chinesischen Mauer", geschützt. In jener Zeit stand der Westen für die Reinheit, zum einen, weil die Reinheit der buddhistischen Lehre aus dem westlich gelegenen Indien kam, und zum anderen, weil in der gleichen Richtung die schneeweißen Berge Tibets liegen. Reinheit und Schnee vereinen sich zum Symbol des Wassers, und da die meisten Flüsse Chinas in den westlichen Schneebergen entspringen, wurde dem Westen die Qualität des Wassers zugeordnet. Dazu im Gegensatz steht in den Kulturen der Altsteinzeit der Osten für das Element Wasser. Die lebenspendende Kraft der aufgehenden Sonne, die das Leben aus dem Wasser gebiert, ist der Grund, warum der frühe Mensch den Osten mit dem Element Wasser in Verbindung brachte, und das, wie es scheint, in allen Erdteilen. Sogar im Altchinesischen scheint man noch dieser Auffassung gewesen zu sein. Kaiser Yu, im 3. Jahrtausend v.Chr., der die Wasser des "Gelben Flusses" bändigte, wurde als "Wassermann" stets mit dem Drachen verglichen. Der Drache wiederum wird in China dem Osten zugeordnet. Nun weht aber der Wind bei uns nicht in erster Linie aus dem Norden, sondern aus dem Westen, und die Bedrohung Westdeutschlands kam nach Vorstellung mancher Politiker aus dem roten Osten, was schließlich zum Bau unserer "Großen Mauer" führte. Geomantisch gesehen, wären unsere "unheilvollen" Richtungen demnach Westen und Osten. Das zeigt, daß jede Kultur ihre eigene Interpretation zu den Himmelsrichtungen schafft. Das Schema der chinesischen Geomantie nach Europa zu verpflanzen, wird also unweigerlich zu Problemen führen, obwohl die Grundidee des Feng Shui sicherlich unsere ganze Unterstützung finden kann. Denn das Ziel des Feng Shui ist es, durch Licht und Farbe, durch Luft und Klang Bewegung in die Innenräume und Landschaften zu bringen.

Glaubenssätze des Feng Shui
Wenn wir uns mit der Kulturgeschichte des Feng Shui und der Frage beschäftigen, wem diese Kunst diente, führt uns das zu den Glaubenssätzen und Wertvorstellungen, die hinter Feng Shui stehen. Seit der Zhou-Periode (1045 bis 771 v.Chr.) kommt alles Gute von oben, aus dem Himmel. Folgerichtig heißt nun der Kaiser "Himmelssohn" und steht an oberster Stelle der Hierarchie. Der Himmel wird in der Geomantie mit der Richtung des Südens in Verbindung gebracht. Im Feng Shui wurde der Süden die wichtigste, weil heilbringende Richtung. Diese Bevorzugung führte zu einer Wertung von wichtig und unwichtig, richtig und falsch, gut und böse. Yang stand fortan für den Süden, den Himmel, männlich und gut, während Yin für den Norden stand, die Erde, weiblich und schlecht. Hierin spiegelt sich der Übergang von der matriachalischen Gesellschaft der Frauen zur patriachalischen Gesellschaft der Männer. Diese Grundvorstellung der Himmelsrichtungen führt uns zu der älteren Form des Feng Shui, die Kan-Yü heißt und auch als die "Kompaßschule" bekannt ist, weil sie sich auf die vier Himmelsrichtungen bezieht und z.B. den günstigsten Zeitpunkt für Unternehmungen mit deren Hilfe festlegt.

Das Magische Quadrat
Kan-Yü befaßt sich auch mit der Energieverteilung in geschlossenen Formen, wie z.B. dem Quadrat und Analogformen wie Bauwerken und Räumen. Man geht dabei vom Lo-Shu, dem magischen Quadrat aus, dessen Zahlen den acht Himmelsrichtungen zugeordnet sind. Im magischen Quadrat ergibt die Addition der Zahlen in jeder Richtung die Summe 15. Diese Tatsache wurde als göttlich gegeben angesehen. Das Lo-Shu gilt als "heilig" und wurde damit zur Grundlage der Kultur Chinas.
Ein Quadrat ist ein geschlossenes Zeichen, ohne Anfang und Ende, ohne Zeit. In einem geschlossenen Raum findet keine Bewegung mehr statt, das Leben stagniert. Um diesen Mangel an Lebendigkeit und Bewegung auszugleichen, entwickelte man im Kan-Yü eine Rotationsfolge für geschlossene Räume auf der Basis des magischen Quadrats. Praktisch hieß das, daß der Kaiser innerhalb seiner quadratischen Palastanlage jährlich seinen Wohnsitz in eine neue Richtung verlegte, damit er die positiven Kräfte der jeweils herrschenden Himmelsrichtung in sich aufnehmen konnte. Dies ist eine durchaus intelligente Lösung, um den statischen und lebenshemmenden Einflüssen in geschlossenen Räumen zu entgehen, war aber, wie wir sehen, nur den Machthabern vorbehalten, denn wer hat schon einen genügend großen Palast, um dieses Rotationsverfahren durchzuführen? Heute benutzen Feng-Shui-Berater häufig das achteckige Bagua bei der Gestaltung von Räumen. Es hat sich aus dem magischen Quadrat entwickelt. Die acht Qualitäten, die jeder der acht Seiten zugeordnet sind, werden auf jedes Haus oder Grundstück stereotyp angewandt, denn das Bagua orientiert sich entweder am Eingangsbereich, oder es ist nach den Himmelsrichtungen festgelegt. Das Achteck ist der Versuch, den Energiefluß des Raumes durch Vermeidung rechter Winkel zu verbessern. Da aber aufgrund der heutigen begrenzten Wohnverhältnisse keine jährliche Rotation erfolgen kann, wurde die Idee der Bewegung auf die mentale Ebene verlagert, so daß zur Stärkung einer Richtung Symbole verwendet werden konnten. Das führte so weit, daß zur Belebung einer Richtung heute auch Plastikblumen oder Poster von Wasserfällen herhalten müssen. Darüber hinaus wird die spezifische Energiestruktur, die jeder Ort besitzt, außer acht gelassen.

Wertvorstellungen des I Ging
Wir sind nun tief in das Wesen von Feng Shui eingetaucht, haben aber den Grund noch nicht erreicht. Wenn wir jetzt weiter suchen, kommen wir nicht umhin, uns mit dem I Ging, dem "Buch der Wandlungen", dem Grundwerk der gesamten chinesischen Philosophie zu befassen. In China wird der große Uranfang als Tai Chi bezeichnet, wobei das Schriftzeichen für Chi die aus der Erde ausströmende Energie zeigt. Das sollten wir uns gut merken, denn diese Auffassung steht in krassem Gegensatz zu späteren Interpretationen von Chi-Energie. Chi wurde auch als waagerechte Linie dargestellt: Mit der Idee von Anfang und Ende, Leben und Tod, Frau und Mann, Yin und Yang usw. entstand eine Polarisierung oder Zweiteilung dieser Linie. Aus diesem binären Code von ganzer und unterbrochener Linie ließen sich dann durch Verdoppelung die ersten vier Bigramme (Bi = 2) erzeugen, die den Himmelsrichtungen zugeordnet wurden: Eine zusätzliche Yanglinie verdoppelte die Möglichkeiten auf acht Trigramme, so daß nun auch die Zwischenhimmelsrichtungen eine Zuordnung erhielten. Die acht Trigramme des I Ging wurden im Feng Shui zu den acht Eigenschaften (Lebensaspekten) des Bagua. In dieser Interpretation des I Ging ist bereits eine grundlegende Umkehrung der Werte verankert. Die Senkrechte (Yang, ganzer Strich, stark, männlich) wurde gestärkt, indem man das Yang-Prinzip (Himmelssohn, Süden) an die Spitze der Hierarchie setzte, während die Waagerechte (Yin, geteilter Strich, schwach, intuitives weibliches Prinzip) untergeordnet wurde.
Die Beherrschung weiblicher Werte spiegelt sich auch in der mythologischen Gestalt des Fu Hsi, des ersten Kaisers. Er gilt nicht nur als der Begründer des I Ging, sondern auch als der Erfinder von Ackerbau, Schrift und den acht Richtungen der Architektur. Der Sprachforschung nach sind aber alle Wortschöpfungen, die mit Ackerbau, Schrift und Architektur zusammenhängen, weiblichen Ursprungs. Auch die Archäologie zeigt: Ackerbau und Architektur lagen zu Beginn der Kultur in den Händen der Frauen.
Das Emblem des Kaiser Fu Hsi war das Winkelmaß, ohne das kein Quadrat entworfen werden kann. Aus der Geomantie wissen wir, daß die energetische Ladungsverteilung in geschlossenen, rechtwinkligen Formen und Räumen zur Verstärkung des Energiefeldes führt. Geschlossene Formen wie Quadrate sind demnach Energiesammler, und viel Energie entsprach damals wie heute viel Macht. Feng Shui diente mit der Konzentration von Energie in einem Zentralpunkt, wie dem (quadratischen) Palast des Kaisers, in erster Linie dem Streben nach Sicherheit und Macht. Durch das Fokussieren dieses Potentials entwickelte sich seit dem Seßhaftwerden des Menschen die Gesellschaftsform der autoritären Hierarchie.
Diese Entwicklung wird im I Ging dokumentiert und später durch angefügte Kommentare immer weiter ausgebaut. Die aus sechs Linien bestehenden Hexagramme, die aus den Trigrammen entstanden, ergeben denn auch konkrete Anweisungen für das politische und militärische Handeln der Herrscher. Auf Konfuzius geht schließlich die uns heute vorliegende rigide und frauenfeindliche Form des I Ging zurück. Die Philosophie des I Ging wurde im Kün-Yü, der ältesten Form des Feng Shui, zur Grundlage der chinesischen Geomantie, deren Hauptaufgabe es war - und darin unterscheidet sie sich absolut nicht von der historischen westlichen Geomantie - die männliche Macht zu stützen. Von Kaiserpalästen bis zu Konzernzentralen wurde und wird Feng Shui zur Sicherung von Macht und Herrschaft eingesetzt. So wie sich Feng Shui heute dem Westen präsentiert, verspricht es uns Glück, Erfolg und Reichtum, immer versehen mit dem Hinweis, daß es keine chinesische Bank auf der Welt gibt, die nicht einen Feng-Shui-Spezialisten konsultiert, um ihren Geldfluß zu sichern. Der Erfolg von Feng Shui beruht auf seinem Heilsversprechen: Durch Beeinflussung der acht Aspekte des Baguas läßt sich auf mystische Weise das persönliche Schicksal verbessern, vor allem, wenn man ein Mann ist.

Am Anfang der Kultur standen die Mütter
Das I Ging zeichnet demnach ein Bild vom "männlichen" Anfang der Kultur, das in China bis zum heutigen Tage als unumstößlich gilt, oder besser gesagt: galt. Denn neue archäologische Funde im Norden Chinas und in der inneren Mongolei beweisen die Verehrung von Göttinnen im religiösen Kult des Neolithikums. In der Provinz Liaoning wurde Nüshen Miao, der Tempel der Göttin, ausgegraben, der zur Hongshan-Kultur um 3200 v.Chr. gehört. An diesem sakralen Ort fand man erstmalig lebensgroße und überlebensgroße Göttinenstatuen aus Ton neben einer Vielzahl von kleinen Statuetten, wie sie auch aus Europa und Vorderasien bekannt sind. Die Tatsache, daß diese Göttinnen aus Ton modelliert wurden, zeigt Ihre Verbindung zur Erde. Die Göttinnen standen im Zusammenhang mit dem Leben und Sterben, das aus der Erde geboren wird und wieder zu ihr zurückkehrt. Diese zyklische Bewegung ist ein Aspekt der dreigeteilten Zeit aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Demzufolge waren Göttinnen aufs innigste mit der Qualität der Zahl 3 verbunden. So sind denn auch drei parallele Linien seit den Anfängen der Menschheit das Symbol der Göttin. Interessanterweise ist eines der ältesten Schriftzeichen für Chi ebenfalls eine Darstellung dreier Linien: Die wörtliche Bedeutung des Zeichens war "Dunst steigt über einem Reisfeld auf" oder anders ausgedrückt: "der energetische Atem (Dunst) aus dem Prinzip der Feuchtigkeit der Erde (Reisfeld)". Das läßt die Interpretation Chi = Lebensenergie, drei, Göttin, weiblich, Erde und Norden zu. Die Umwertungen späterer Kulturen verkehrten dann die Bedeutung ins Gegenteil: Chi = Lebensenergie, Himmel (Kosmos), Kaiser, männlich, Süden. Vor der Weisheit des I Ging (des Himmels) gab es die Weisheit der Göttinnen (der Erde). Die weibliche Kraft muß den ersten männlichen Herrschern Chinas Furcht eingeflößt haben. Sie schotteten den Norden ab und belegten ihn mit einem Bann. Noch heute spricht man im Feng Shui vom Sha, dem giftigen Atem, der aus dem Norden, der Heimat der dreifachen Göttinnen weht. Vielleicht versteht man auch jetzt, warum das Dreieck im Feng Shui als ungünstig, ja sogar unheilvoll gilt. Einige tausend Jahre Patriarchat haben unseren Planeten Erde an den Rand der ökologischen Zerstörung gebracht. Besitztum und Macht, in deren Folge Ausbeutung und Gewalt auftreten, sind bis heute die Grundwerte unserer Kultur. Wenn wir einen Feng-Shui-Berater ins Haus holen, akzeptieren wir dann nicht die patriachalen Wertvorstellungen und Symbolsysteme, die sich für die Zukunft des Menschen, der Gesellschaft und der Erde als nicht tragfähig erwiesen haben? Ökologisch gesehen, handelt es sich bei der alten Geomantie, gleich ob sie nun chinesisch, indisch, keltisch oder mittelalterlich ist, um geschlossene, autoritäre Formen, die wenig Überlebenschancen haben. Die Natur arbeitet hingegen mit offenen Systemen, in denen alles miteinander in Beziehung steht und sich so selbst reguliert. Selbstverständlich werden wir auch in Zukunft nicht ohne Wertvorstellungen leben können. Geomantie war immer die Übersetzerin dieser Werte in eine Symbol- und Formsprache. Was wir heute brauchen ist eine neue Geomantie, die die Gesetze von Gaia, dem Lebewesen Erde, wieder respektiert: beziehungsfähig, offen und ausgleichend.