Der Hauch des Drachen

Grundlagen der fernöstlichen Landschaftsinterpretation

von Dipl. Ing. Stefan Brönnle erschienen in Hagia Chora 1/1999

Das chinesische Geomantie-Konzept Feng Shui erlebt zur Zeit im Westen einen Boom. Es wird allerdings meist mit Architektur assoziiert - der Gestaltung von Lebens- und Arbeitsräumen oder allenfalls von Plätzen innerhalb einer Stadt. Der Aspekt der Landschaftsgestaltung wird wenig beachtet oder nur unmittelbar auf das Gebäude bezogen. Die Ursprünge des Feng Shui liegen jedoch in der Erkenntnis, welche Wirkung die Qualität einer Landschaft auf den Menschen hat. Stefan Brönnle, Leiter der Schule für Geomantie Hagia Chora, gibt einen Einstieg in Grundlagen und Geschichte der Landschaftsinterpretation im Feng Shui.

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In der antiken stoischen Philosophie (begründet durch Cenon von Zypern, 340-260 v.Chr.) wird die Landschaft als ein zusammenhängendes Ganzes verstanden, verbunden durch die alles durchdringende Kraft des Pneuma, des "aus Feuer und Luft gewordenen Hauchs". Jedes Landschaftselement, jeder Baum, jeder Stein, jeder Wassertümpel ist auf diese Weise mit allem verwoben und zugleich an das Göttliche angekoppelt. Die Landschaftselemente sind Emanationen - "Ausatmungen" (Pneuma = Atem oder Luft) - des Göttlichen. Mit dieser Auffassung, die auch in späteren Jahrhunderten in philosophischen Theorien in Ansätzen immer wieder auftaucht (z.B. im Pantheismus des 18. Jahrhunderts), steht die europäische Denkweise der chinesischen nicht so fern, wie dies gemeinhin angenommen wird. Auch hier durchpulst der "Atem" (Qi) Mensch und Natur und verbindet diese, so daß die chinesische Medizin, Kunst und Landschaftsdeutung auf der gleichen Wertvorstellung beruhen. Letztere avancierte im 4. Jahrhundert nach Christus unter der Bezeichnung Xiang Di ("die Erde interpretieren") zur eigenständigen Wissenschaft, die wir heute unter der Bezeichnung Feng Shui ("Wind und Wasser") kennen.
Das Qi kann so auch im Feng Shui als der zentrale philosophische Begriff der Lehre gesehen werden. Ein chinesisches Sprichwort sagt: "Wenn ein Geomant Qi erkennen kann, versteht er Feng Shui". Wie der griechische Begriff Pneuma bedeutet Qi zunächst einmal einfach Atem oder Luft und steht damit wiederum anderen Lebenskraftkonzepten nahe, wie dem indischen Prana oder dem deutschen Od ("Odem Gottes"). In China nahm man nun an, daß Qi zwar die gesamte Schöpfung erfülle, ja die Voraussetzung dieser sei, denn es entsteht durch den Zerfall in die Polaritäten Yin und Yang, andererseits jedoch die Tendenz hätte, sich an bestimmten Orten zu verdichten. Im Körper entsprächen diese Verdichtungszonen den Dantiens (vergleichbar den indischen Chakren), in der Landschaft den "Drachennestern" oder schlicht Xue (wobei Xue sowohl Akupunkturpunkt als auch geomantisches Zentrum sein kann).

Das Qi in der topographischen Interpretation
Durch das topographieabhängige "Flußverhalten" des Qi wurde eine gezielte Landschaftsinterpretation möglich. Sie war die Basis der im 9. Jahrhundert n.Chr. durch Yang Yun-Sung entwickelten Formen-Kraft-Schule (besser bekannt unter dem Kürzel "Formenschule"). Ausgehend von wenigen Grundregeln konnten "Drachennester" in der Landschaft leicht gefunden werden:
A) Wo die Aufmerksamkeit hingeht, geht das Qi hin.
B) Das Qi folgt der Bewegung und die Bewegung dem Qi.
C) Wasser und Qi binden sich wechselseitig.
D) Topographie ist der Ausdruck des inneren Qi-Potentials des Erde.
E) Wo Yin und Yang nahe beieinanderliegen, besteht ein starkes Spannungspotential (= Qi).
Aufgrund dieser wenigen Grundregeln entwickelte sich eine Fülle von Methoden und Techniken zur Qi-lnterpretation in der Landschaft: So zeigen Wälder und Berge Qi-Fülle an, Wüsten und Ebenen dagegen Qi-Mangel (Regel D); der Lauf von Wasser wurde detailliert analysiert (Regel C) und führte zum "Klassiker über die Wasserdrachen"; die Geomantie-Meister (Xienshang) interpretierten Tierfährten oder ließen Menschen willkürlich mehrfach Hügel hinablaufen, um zu sehen, wo sich ihre Bahnen kreuzten (Regel B); sie ließen ihren Blick schweifen und achteten darauf, wo er verweilte (Regel A); schließlich wurden unterschiedliche Landschaftsqualitäten in Beziehung gesetzt, wie z.B. ein höherer und ein niedrigerer Bergrücken. Wir kennen solche Formationen heute als "Drachen-Tiger"-Formationen. Das Xue lag hier im Spannungsfeld zwischen "Drachen" (Yang) und "Tiger" (Yin) (Regel E), dort, wo sich die Geschlechtsteile der Tiere befinden - Ort des Schöpfungsaktes und Tor für den im Daoismus angestrebten "Zustand des frühen Himmels". Die erste Auffassung, Qi als eine die ganze Welt erfassende Ursubstanz und "Lebenskraft" zu begreifen, wich bald einer differenzierteren: Dem materiellen Aspekt von Qi als feinstofflicher Materie wurde ein letztes Prinzip Li zugrunde gelegt. Wie bei einem Haus der Baustoff das Qi versinnbildlicht, symbolisiert Li den Bauplan - die platonische Ideenwelt.
Die dem Qi zugrundeliegenden Gesetze zu erfassen und daraus den Qi-Strom zu bestimmen, wurde zum Kern der im 10. Jahrhundert entstandenen "Struktur-Qi-Schule" (besser bekannt als "Richtungschule"). Die weitere Differenzierung des Qi-Begriffs führte schließlich dazu, daß die subtile Lebenskraft, die anfangs damit gemeint war, später nur noch eine unter vielen Qi-Arten darstellte: das sogenannte Wai-Qi. Grundsätzlich können im Feng Shui zwei bedeutsame Formen des Wai-Qi unterschieden werden: Das Di-Qi ("gastgebendes Qi") der Erde wird in den breiten Strömen der Lebenskraft erkannt, welche die Landschaft durchziehen und von Geomanten erspürt werden. Hieran orientiert sich die erwähnte Formen-Kraft-Schule in ihrer Landschaftsinterpretation. Die zweite Form ist das Tien-Qi, das "Gast-Qi" des Himmels. Es wird zum Bewertungskriterium der Himmelsrichtungen (Struktur-Qi- bzw. Richtungs-Schule). Bleiben wir bei der chinesischen Landschaftsinterpretation. Während die ersten Anfänge der Formenschule schlicht das "angenommene" Fluß- und Verdichtungsverhalten des Qi in der Landschaft interpretierten, wurde mit der Lehre der Fünf Wandlungsphasen die Interpretation bald differenzierter. Sie ermöglichte die Erkenntnis über die zugrundeliegenden Beziehungssysteme der Landschaft.

Die Fünf Wandlungsphasen und ihr Wirken in der Landschaft
Die Fünf Wandlungsphasen Erde - Metall - Wasser - Holz - Feuer können sich zyklisch in eine erzeugende und eine kontrollierende Qualität wandeln: Feuer erzeugt Asche (= Erde), in der Erde wächst Metall, an Metall kondensiert Wasser aus, Wasser läßt Holz wachsen und Holz nährt Feuer. Andererseits aber zerstört Wasser das Feuer, Feuer schmilzt Metall, Metall zerschneidet Holz, Holz laugt Erde aus und Erde dämmt Wasser ein. Den Wandlungsrhythmen der fünf Aspekte des Lebens folgend, können diesen Organe, Farben, Geschmack, Charaktereigenschaften, Gefühle, Wetter oder eben Landschaftsformen zugeordnet und in ihrer jeweiligen Beziehung interpretiert werden. Berge z.B. wurden in China - wie wohl überall in frühen Kulturen - als Wohnstätten der Götter angesehen. Sie galten als Spiegelungen des Himmels mit seinen Sternen. So wundert es nicht, daß die Bergformen auch in ihrer Beziehung zu Planeten gesehen wurden, von denen im alten China fünf bekannt waren: Jupiter, Saturn, Mars, Venus und Merkur.
Ein hoher zylindrischer Berg, wie es viele in der Provinz Guilin im Süden Chinas gibt, stand für Jupiter, Saturn glaubte man in Plateaubergen wiederzuerkennen, Mars in spitzen, steilen Bergformen, Venus in sanften, runden und Merkur in undefinierbaren, gewellten Formen. Analog der Lehre von den Wandlungsphasen stand Jupiter für Holz, Saturn für Erde, Mars für Feuer (rote Farbe), Venus für Metall (weiße Farbe) und Merkur für Wasser. Lebt nun ein Mensch mit eindeutigem Metall-Charakter (ordentlich, rational, materialistisch) in einer Feuer-Landschaft (spitze Dächer und Berge, Hitze, rote Farben), so wird sein Qi permanent durch das Qi der Landschaft "attackiert". Oder anders: Zwischen beiden Qi-Arten kommt es zur Interferenz. Fügt man nun Erde hinzu (gelbe Farbe, rechteckige, flache Formen, Lehm) wird das Feuer sanft gekühlt. Die resultierende Atmosphäre entspricht dem Metall-Menschen. Ein konstruktiver Wandelphasen-Zyklus ist geschaffen: Feuer erzeugt Erde erzeugt Metall.

Die Funktionsinterpretation nach den Fünf Wandlungsphasen
Über diese bloße Farb- und Formenzuordnung hinaus werden die Landschaft und die in ihr wirkenden Elemente im Feng Shui aber auch aufgrund ihrer Funktion interpretiert. Der massive Bergschild, der den "Rücken decken" sollte, wurde (unabhängig von seiner Form) zur schwarzen Schildkröte und damit dem Wasser zugeordnet. Die fernen Hügel, die dem Blick einen Zielpunkt in der Ferne gaben, wurden "Roter Phoenix" genannt und verkörperten das Feuer; Berge und Schutzwälder zur Linken und zur Rechten waren Drache und Tiger mit ihren entsprechenden Wandlungsphasen Holz und Metall. Der Standort selbst schließlich, das Xue, wurde als Schlange (Erde) gesehen. Diese Funktionsinterpretation ermöglicht in Verbindung mit der Form der Landschaftselemente eine tiefere Interpretation: So kann die Schildkröte, die den Rücken deckt und dem Wasser zugeordnet wird, spitz geformt sein, was Feuer bedeutet. Wasser und Feuer aber liegen im Widerstreit, was die Funktion des Berges schwächt. Eine solche Landschaftssituation ist daher ungünstig. Ist die Schildkröte aber sanft geschwungen, so repräsentiert die Form Metall und stärkt die Funktion der Schildkröte (erzeugender Zyklus).

Der Landschaftscharakter
Im dritten Schritt innerhalb der Landschaftsinterpretation nach den Fünf Wandlungsphasen kann schließlich ein Landschaftsausschnitt als Ganzes aufgrund seiner Atmosphäre interpretiert werden. Die Wandlungsphase Erde ist hier nicht mehr nur eine flache Landschaft (reine Formeninterpretation), vielmehr kann jeder Landschaftstyp Erde repräsentieren, der mit folgenden Eigenschaften charakterisiert ist: ruhend, zentrierend, sammelnd, traditionell, bodenständig, nährend, ertragreich usw. Die Wandlungsphase Metall wird auf diese Art charakterisiert: geordnet, strukturiert, klar, eindeutig, ausgeräumt, flurbereinigt, kommunikativ, kontrolliert, rhythmisch usw. Wasser würde sich zeigen durch: geheimnisvoll, wandelnd, wertkonservativ, formprogressiv, unheimlich, undurchschaubar usw. Eine Holz-Landschaft wäre: kreativ, spontan, inspirierend, chaotisch, lebendig, formenreich ... Feuer würde sich in Charaktereigenschaften zeigen wie: industriell, pragmatisch, wertprogressiv, aber auch vergeistigt, spirituell, erhaben usw. Wiederum sind interpretierende Rückkopplungen mit den vorhergehenden Interpretationsmethoden möglich und sinnvoll. Ein erhabener, spirituell-vergeistigend wirkender Berg (Feuer) sollte uns nicht im Rücken liegen (Schildkröte/Wasser), sondern wir sollten aus einiger Entfernung auf ihn blicken können (Phoenix/Feuer), so daß sich Charakter und Funktion entsprechen.

Assoziation und Symbolik
Wir sind nun von der reinen Formeninterpretation schrittweise zur Interpretation der Charaktereigenschaften einer Landschaft gelangt und haben damit den Weg von der Materie zum Geist durchschritten. Um dem zugrundeliegenden Geist eines Baumes, Berges oder einer Landschaft näherzukommen, ließ man im Feng Shui dessen Assoziation und Symbolhaftigkeit wirken: Berge können wie Löwen aussehen, Bäume wie Menschen, Felder wirken aus der Luft durch Hecken, Wege und Grenzen wie mythische Tiere oder auch Gebrauchsgegenstände. So waren und sind im Feng Shui für die Platzwahl von Tempeln und Klöstern Landschaftsformen beliebt, die martialisch-göttlichen Wächter ähneln. Gräber dagegen positionierte man gerne an Orten, die von mehreren Bergen hufeisenförmig umgeben waren. Klassische Darstellungen in Feng-Shui-Werken zeigen, worauf der Sinologe Manfred Kubny verweist, daß es sich um Orte handelte, die aussahen, als läge das Grab in der Gebärmutter einer riesenhaften Gestalt. Man führte den Toten zurück in den pränatalen Zustand oder, wie es in der chinesischen Denkweise heißt, in den Zustand des frühen Himmels. So erfährt die Landschaft in der chinesischen Geomantie nach und nach eine vollständige Interpretation ihrer Gestalt, der hier wirkenden Kräfte und Energiesysteme und dem zugrundeliegenden geistigen Gehalt. Der "Hauch des Drachen", der kosmische Atem, der die Landschaft durchwebt, wird zu einem Weg der Erkenntnis, die zum göttlichen Wirken in der Materie führt.