Balance und Transformation

Avantgarde und megalithische Steinsetzungen - Werner Ratering gibt Auskunft über seine Skulpturen

von Werner Ratering erschienen in Hagia Chora 1/1999

"Als Bildhauer ist mein Vertrauen in das So-Sein einer Skulptur größer als zu Wörtern, die in den Raum gestellt werden." So eingeschränkt, möchte Werner Ratering seinen Text eher als einkreisende Annäherung denn als Interpretation aufgefaßt wissen.

Ich sehe mich durchaus in der Tradition der megalithischen Steinsetzungen unserer Vorfahren, die auf diese Weise in direkten Kontakt zu den Kräften der Erde traten. Die komplementären Qualitäten von eher männlich orientierten, phallushaften Menhiren, zu den weiblich umschließenden, höhlenartigen Dolmen zeugen von einem tiefen Verständnis für die Balance der kosmischen Kräfte. Wir bewegen uns ständig im Spannungsfeld dieser Kräfte, das durch jeden neuen Impuls, sei es durch einen Gedanken oder durch das Setzen einer Skulptur, beeinflußt wird. Dieser Impuls mag noch so winzig sein, er findet die ihm angemessene Resonanz und beeinflußt auf seine Weise das Gesamtgefüge.

Kunst in homöopathischer Dosis
In diesem Sinn trug eines meiner Projekte in den letzten Jahren den Titel "Kunst in homöopathischer Dosis": In 56 Städten Deutschlands stationierten Künstler an besonderen Orten verschiedene "Kleinstkunstwerke", minimalistische Installationen, die wohl nur dem aufmerksamen Besucher auffallen konnten, aber trotzdem auf ihre Weise strahlten. Meine eigene Installation in der Stadt Bergheim trug den Titel "27 1-2 Forms for Incident Ray Points". 27 1-2 Kleinbronzen in Form von Becherpilzen wurden in einem Halbkreis oder Kreis im Gras an sieben markanten bzw. stadtgeschichtlich relevanten Orten im Stadtkernbereich aufgestellt, z.B. im Umfeld der mittelalterlichen Stadtmauer, in der Nähe einer romanischen Kirche und neben dem ältesten Baum der Stadt, einer Rotbuche. Zum Motiv der Pilze wurde ich in einem Hagia-Chora-Seminar angeregt, bei dem Stefan Schmid darauf hinwies, daß Pilze die größten Lebenwesen der Erde sind. Die in arithmetischer Folge zu 1 1-2 , 2, 3, 4, 5, 6 und 7 Exemplaren plazierten Objekte symbolisierten sieben geistige Räume oder energetische Felder, deren Qualität aus dem Zusammenspiel zwischen dem bewußt gesetzten Kunstobjekt, der kulturgeschichtlichen Spur und den Naturkräften des Ortes entstand. Die Zahl 27 1-2 verweist dabei auf den Mondzyklus.

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