Im Fluss des Steins
Im Dialog mit der Natur wird eine Grabgestalt geboren
Gestaltungsprozesse gleichen einem Traum - Grenzen lösen sich auf, Neues formt sich aus dem Nichts. Die Bildhauerin Eva-Gesine Wegener erzählt die Geschichte eines Grabsteins.

Im Oktober 1995 kommt durch das offene Fenster ein Schmetterling in mein Zimmer geflogen. Ich freue mich über den späten roten Gast. Seine kurzen, müden Bewegungen zeigen mir, dass er zum Sterben in die Wärme meines Zimmers gekommen ist. Ich spüre deutlich, dass er mit seinem eigenen Sterben zum Boten des nahenden Todes von Christof B. wird, dem Ehemann einer guten Freundin. Bisher kenne ich ihn noch nicht persönlich, weiß aber, dass er dem Tod entgegengeht. Am selben Tag unterrichte ich eine Gruppe, mit Stein zu arbeiten. Mein eigener ist ein transparentes, weißes Specksteinchen. Bald sehe ich in ihm eine Erd-Frau sitzen, die einen Schmetterling im Schoß birgt. Ich weiß, dieser Stein gehört Christof. Ein paar Tage später stehe ich an seinem Bett. Die Geschichte vom Schmetterling in meinem Zimmer rührt ihn sehr. Fortan liegt das Steinchen an seiner Seite. Er mag den Gedanken gern, dass er so im Schoß der Erden-Mutter willkommen geheißen wird, wie dieser kleine Schmetterling es ist. Am 13. November trinken meine Freundin Marieluise, Christof und ich einen guten Champagner auf mein Geburtstagswohl. Vier Stunden später stirbt Christof mit einem tiefen, letzten Atemzug. Ihm gegenüber am Fußende leuchtet das Steinchen, lichtdurchflutet.
Als ich nach einigen Monaten von Marieluise die Anfrage bekomme, ob ich den Grabstein für Christof arbeiten mag, sage ich gerne ja. Christofs Leben war der Musik gewidmet. Als Operndirektor in Frankfurt und später als Hauptabteilungsleiter der E-Musik in Baden-Baden war es ihm ein Anliegen, der Neuen Musik neben der Klassischen einen entsprechenden Raum zu geben. Zusammenarbeit und Freundschaft verbanden ihn mit den vor ihm verstorbenen Venizianern Luigi Nono und Bruno Maderna, beide enthusiastische Vertreter der Neuen Musik.
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