Landschaft als geistiger Raum

Der Ort als Tor zu Jenseitswelten am Beispiel des Alatsees

von Hans-Jörg Müller erschienen in Hagia Chora 1/1999

Aus persönlichem Erleben heraus stellt der Künstler und Geomant Hans-Jörg Müller eine Dimension der Landschaft dar, die zunehmend ins Bewußtsein rückt: die Landschaft als Tor zu geistigen Welten. Demnach "inkarnieren" sich geistige Kräfte über einen heiligen Ort in die Welt hinein. Sagen, Mythen und nicht zuletzt das Alte Testament geben beredtes Zeugnis davon, daß dieses Wissen zu den ältesten Erfahrungen des Menschen gehört.

Gemeinsam mit meinem Freund David Lucyn besuchte ich im südöstlichen Allgäu den Alatsee, einen idyllisch gelegenen See westlich von Füssen. Dieser in einem Talkessel liegende See wird von vierzehn Quellen umsäumt, welche in keltischer Zeit vermutlich mit Quellkulten in Verbindung standen. Die Allgäuer Sage berichtet, der Alatsee wäre wie ein Trichter geformt, an dessen Ende sich aber der See wieder verbreite und einen noch tieferen Hohlraum von unermeßlicher Tiefe bilde, welcher ein Ungeheuer berge. Schon gleich bei Eintritt in das Seenareal ergriff mich das Gefühl, an einen außergewöhnlichen Ort gelangt zu sein. Eine erste geomantische Betrachtung ergab, daß das nahe Aggenstein-Massiv das Zentrum dieses Naturraumes darstellt. Im See selbst, der von Hügelketten umhüllt wird und so eine natürliche Mitte bildet, war radiästhetisch ein "Einstrahlpunkt" wahrnehmbar, eine kosmische Achse, die Erde und Himmel verbindet. Wir fuhren mit einem Boot hinaus an diese Stelle, und ich konzentrierte mich auf die innere Qualität dieses Platzes. Mit einem Male wurde ich in einem Strudel jäh hinabgerissen. Ich tauchte ein in eine dunkle Farbigkeit, aus der sich bald die Stimme und das kaum faßbares Antlitz einer "Frau des Sees" herausschälte - einer Wesenheit mit weit über den Platz ausgedehntem Bewußtsein. Nach einem Moment gegenseitigen Wahrnehmens forderte sie mich durch ihre emotionale Nähe auf, sie persönlich anzunehmen, mich auf sie einzulassen; ich spürte, daß ich ihr - als Kraft - fehlte. Frei ließ ich mich darauf ein und erlebte eine mich ergreifende räumliche Verschmelzung, bis das Gefühl einer vertrauensvollen, gelösten Atmosphäre eintrat. Plötzlich und unerwartet wurde ich wieder frei für den Aufstieg zu mir selbst, wie ich leiblich noch immer im Boot lag. Doch bevor ich mich ganz in meinen Körper einlassen konnte, zog es mich nach oben, weit über des See hinaus. Ich kam in einen ausgedehnten Bereich, der dem des Sees zunächst ähnlich schien. Meine persönlichen Emotionen schienen hier nicht auf das Kommende eingestimmt. So konzentrierte ich mich auf meinen inneren Wesenskern und ließ alle Belastungen hinter mir. Da wandelte sich die Situation, ich wurde eingelassen in einen Lichtraum, wie ich es noch nie erlebt habe: ein sich in ständiger Bewegung befindlicher Raum, lichtdurchzogen, Kräfte webend, gedankenerfüllt; viele Formen an Wissen und Geistigkeit in sich tragend.

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