Die himmlische Erde

Unsichtbare Dimensionen der Landschaft

von Marco Bischof erschienen in Hagia Chora 1/1999

Die Mythen verschiedenster Völker berichten von einem heute "versunkenen", nicht immer alltäglich zugänglichen "Land" - dem, was wir Paradies nennen -, dessen Landschaft von einem eigenartigen, von innen kommenden Leuchten erfüllt und von einer unirdischen Lebendigkeit ist. Diese "himmlische Erde" ist eine andere Dimension der Landschaft, in der wir leben, ist gleichsam "hinter" dieser oder in dieser verborgen. Früheren Kulturen waren Erde und Landschaft noch "heilig", weil transparent für diese "andere Welt". Marco Bischof beleuchtet in diesem Artikel die unsichtbare Dimension der Landschaft aus der Sicht der modernen Physik und der schamanischen Traditionen der Naturvölker.

Ohne Ausnahme berichten die Mythen von einer Art Sündenfall, einer Austreibung der Menscheit aus dem Paradies durch eigene Schuld. Der Kulturprozeß mit seiner zunehmenden Unterwerfung von Natur und Landschaft unter menschlichen Gestaltungswillen hat eine immer größere Entfremdung des Menschen von der Natur in der Umwelt, aber auch von seiner eigenen Natur mit sich gebracht; das ist die Bedeutung von "Sünde" (= Sonderung, Trennung). Doch der Mensch hat eine Möglichkeit, mit dem nicht eigentlich verlorenen, nur "versunkenen" Paradies wieder Kontakt aufzunehmen, denn es handelt sich im Grunde eher um einen Bewußtseinszustand als um ein geografisch lokalisiertes "Land". Ob die Menschheit nun tatsächlich einmal in diesem Zustand oder dieser anderen Realitäsebene gelebt hat oder nicht, die zumindest zeitweilige Rückverbindung mit diesem Zustand ist für den Einzelmenschen und für gesamte Gesellschaften und Kulturen lebenswichtig. Frühere Kulturen waren sogar auf der Grundlage dieser Rückverbindung aufgebaut.

Der Äther in der modernen Physik
Auch die moderne Physik hat Konzeptionen entwickelt, die für die Existenz einer solchen Dimension der Wirklichkeit sprechen. Ich möchte nur die "holografische Theorie der Wirklichkeit" des Einstein-Schülers David Bohm erwähnen. Bohm spricht davon, daß es neben der "expliziten Dimension" der von unseren Sinnen wahrgenommenen und physikalisch meßbaren Objektwelt eine sogenannte "implizite Dimension" der Wirklichkeit gibt. Wie auf einer holographischen Photoplatte nehmen wir in der impliziten Dimension keine Objekte, sondern nur Schwingungszustände wahr (beim Hologramm entsteht das Bild der aufgenommenen Objekte erst wieder, wenn dasselbe Laserlicht wie bei der Aufnahme hindurchgeschickt wird). Was in der expliziten Ordnung "Gegen-Stand" ist, wird hier als "Zu-Stand" erlebt, weil hier die Trennung zwischen Ich und Welt aufgehoben ist, der Beobachter vollkommen Teil des Beobachteten ist. Hier gibt es keinen Standpunkt, keine Perspektive mehr - mit anderen Worten: Die gewohnte Art der Raumhaftigkeit ist aufgehoben. Alles ist hier mit allem verbunden, weil alles in allem anderen enthalten ist. David Bohms implizite oder holographische Dimension ist im Grunde eine neue, vertieftere Formulierung des "Vakuums" (des sogenannten "leeren" Raums) oder der "Nullpunkt-Fluktuationen" der Physik, und damit des uralten esoterischen Konzeptes eines universellen "Äthers", der bereits für die alten Inder mit dem "lebendigen Raum" identisch war (Akascha).

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