Genius Monacensiae
Eine ortsbiografische Annäherung an den Genius Loci von München
Der Naturphilosoph Reinhard Falter nähert sich dem Genius Loci Münchens, indem er die geistigen Strömungen, welche die Stadt seit ihrer Gründung geprägt haben, betrachtet und historisch auswertet. Dieser nicht nur für die Geomantie eher ungewöhnliche Ansatz macht den Text zu einem wertvollen Dokument, das eindrucksvoll beweist, dass kulturelle Wirklichkeit tatsächlich aus Ideen entsteht.

Der Geist eines Ortes wurde in mythischen Zeiten als Stadtgöttin mit Mauerkrone oder als menschen- oder schlangengestaltiger Gott dargestellt. Solche Personifizierung hat Erkenntniswert. Die erste Entscheidung, die bei der Personifizierung eines Genius Loci wie überhaupt einer starken Atmosphäre zu treffen ist, ist diejenige, ob der Geist einer Stadt männlich oder weiblich ist. Ludwig Klages, der z.B. Florenz, Zürich, Berlin als männlich und Venedig, Bern und Paris als weiblich bezeichnet, versuchte eine Beschreibung des Genius Loci von München: "Kein Genius Loci lässt sich zerlegen, weil er Auszug und Essenz unübersehlicher Elemente ist (...) Und so müssen wir von den Elementen jener Ortsseele weiterhin nennen: die bayerische Hochebene mit ihren Seen und Hochmooren, ihren reißenden Bergströmen, ihren strahlenden Mittsommertagen, der Herbheit ihrer Luft, den herbstlichen Nebelschwaden, den schwülen Föhnstürmen und peitschenden Regenschauern. Wir haben Bedingungen aufgezählt, die Ortsseele selbst ist das nicht, man kann sie nicht aussprechen, man kann nur mit mehr oder weniger Glück ihre Sinnbilder aufsuchen. Wir finden deren zwei: rostbraunen Brodem und tiefdurchsichtiges Himmelblau. Symbole, wie wir hören werden, sind Wirklichkeiten, und Wirklichkeiten lassen immer auch ihre Spur zurück in der Realität der Dinge: weißblau waren die bayerischen Landesfarben, blau die Briefkästen, die Trambahnen, die Uniformen, blau war im ?Wahrzeichen Münchens , der unvergleichlichen Frauenkirche, das mit Sternen durchstickte Deckengewölbe, blau ist oder sollte sein der Mantel der ?Mutter Gottes . Der rostbraune Brodem aber, der heimlich zur Nacht über jedem Bräuhaus und den sommerlichen Kastanienkerzen jedes Bierkellers zitterte, wölkte bei unbedecktem Himmel sichtbarlich über dem abendlichen Menschengewirr und Lärm und Dunst und Lichtergefunkel und Feuerschein jedes Oktoberfestes." Das Herangehen bei der Suche nach dem Genius Loci Münchens in diesem Artikel ist ein "ortsbiografisches". Wir fragen nach der Geschichte Münchens, nicht nach dem, was an äußeren Einflüssen diese Stadt geprägt hat, nach Kriegen, Herrschern, Mentalitätswandel, sondern wir fragen, was von München an Impulsen für Bayern und die Welt ausgegangen ist.
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