Anima Loci

Die GeistSeele Bambergs

von Johanna Markl erschienen in Hagia Chora 6/2000

Nicht vom "Genius" spricht die Geomantin Johanna Markl, sondern von der "GeistSeele" eines Ortes. Ihrer Schau nach drückt sich die Kraft der Erde, die Präsenz der GeistSeele, an jedem Ort in vielfältiger Weise aus. Die Erfahrung dieser Präsenz steht allen Sinnen offen. In ihrem Text zeigt die Autorin, dass der Zugang zu dieser Erfahrung auf vielen Wegen möglich ist - auch ohne radiästhetische Methoden oder "übersinnliche" Wahrnehmung.

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In den alten Kulturen der Griechen,Römer oder auch der Kelten erkannte man die Essenz der Kraft eines Ortes in ihrer Inkarnation als Gottheit, der an dem Ort, an dem sie am deutlichsten erkennbar war, ein heiliger Raum geschaffen wurde. Sie erscheint in menschlicher Gestalt, aber auch als der Stein, das Tier oder die Pflanze, die ihre Eigenschaften am Ort am besten ausdrücken. Auf der vitalenergetischen Ebene läßt sich die GeistSeele in vor Ort wachsenden Pflanzen und deren Kräften, in der Gestalt von Bäumen und in Steinen erfahren. Über Gefühle und Bilder eröffnet sich der Zugang zur astralen und emotional-seelischen Ebene, die sich auch in Legenden, Mythen, Märchen und Sagen ausdrücken kann. Nicht zuletzt wird die Kraft eines Ortes erfahrbar als personifizierte menschliche und/oder tierische göttliche Erscheinung, je nach kultureller Prägung. So haben z.B. im christlichen Weltbild Maria, verschiedene weibliche und männliche Heilige und Engel die ursprünglichen Göttinnen und Götter abgelöst; derzeit erscheinen bevorzugt UFOs und Außerirdische sowie in der Sicht von Geomanten Elementarwesen und Engel. Eine weitere Wahrnehmungsmöglichkeit der Essenz der Kraft eines Ortes ist die Erfahrung, dass sie sich von der geistig-seelischen Sphäre in die physische, alltägliche Ebene inkarniert und damit auch in realen, historisch fassbaren Personen erkannt wird, die noch lange nach ihrem Tod TrägerInnen bleiben und zu legendären, mythischen Personen werden. Durch deren Verehrung wird sowohl die GeistSeele des Ortes erfahrbar wie auch Rückbindung an die Kraft des Ortes möglich. Diese Annäherung an die Erfahrung der Kraft und des Wesens eines Ortes möchte ich beispielhaft an den verschiedenen Dimensionen der oberfränkischen Stadt Bamberg zeigen. Die Stadt liegt im Talkessel der Regnitz, kurz vor deren Mündung in den nördlich von Bamberg fließenden Main, und an den Hängen der Fränkischen Alb, die sich sichelförmig von Nordost nach Südwest erstreckt und in die Schwäbische Alb übergeht.

Sichtbare und vitalenergetische Ebene
Die sichtbare und die vitalenergetische Ebene Bambergs werden gestaltet durch die Kraft der Berge und des Wassers. Quellen und Bäche rauschen jetzt nur noch unterirdisch und sind noch in Straßennamen (z.B. Sutte oder Bach) erhalten. Sie gliedern die sieben Berge und machen sie fruchtbar. Die Regnitz bringt die Fruchtbarkeit des Südens, sie gliedert den Kosmos der ganzen Stadt in drei Teile: die Bergstadt, die Inselstadt und die Gartenstadt. Gleichberechtigt neben der lebenspendenden, fruchtbaren Kraft des Wassers drückt sich die inspirierende, geistige Kraft des Feuers durch die sieben Berge aus Sandstein aus, die durch die jetzt "steinernen" Bäume, die Kirchtürme, gekrönt sind und sowohl Weltenachse wie Himmelsleiter für geistige Inspiration sind. Sie strahlen ihre feurige Kraft nach der Verbindung mit Wasser und Erde (der Hochzeit zwischen Himmel und Erde) wieder ins Land ab, geben Wärme und befeuernde Impulse für Entwicklungen. Zum Berg gehört die Höhle, welche die dritte Kraft zeigt, die nährende Kraft, den Schoß der Erde, aus dem Leben kommt und wieder zurückgeht. Alle Berge Bambergs sind durch ein in den Sandstein gegrabenes Höhlensystem durchzogen. Sie bieten Schutz, aus ihnen kommt Leben und Nahrung, z.B. das Bier: BambergerInnen gehen "auf den Keller" (= Bierkeller in Erdhöhlen), um sich an der kräftigen "Milch" der Göttin zu laben. Und aus ihnen kann auch der Tod (u.a. wurden die Höhlen als Munitionsfabriken im Zweiten Weltkrieg genutzt) kommen. In Bamberg ist die schöpferische Dreiheit dreifach erlebbar:
-Berg - Tal - Fluss
-Bergstadt - Inselstadt - Ebene
-Feuer - Wasser - Erde
Ebenso kann die Polarität, die durch ihre Spannung den Kreislauf des Lebens anregt, erfahren werden:
-Berg - Tal
-Berg - Höhle
-Stein - Wasser
-Höhe - Tiefe
-Sonne - Mond
-Yang - Yin
-geistliche Stadt - Bürgerstadt
Das ist das Monogramm, das sich überall in der alten, gewachsenen Stadt findet. Es drückt sich auf vielen Ebenen aus, z.B. in Baumgruppen mit Bäumen unterschiedlichen Charakters - hoch aufstrebenden und weit ausladenden, durch das Zusammenspiel von Häusern und überquellenden, fast wilden Gärten, durch die Aufteilung der Stadt in einen geistigen/geistlichen Bereich auf dem Berg mit seinen Kirchen und dem Sitz des Erzbischofs (fränkischer Vatikan) und der Stadt der Bürger im Tal und auf der Insel. Nicht zuletzt verkörpert auch das mythische Drachentier der Stadt dieses Prinzip: die "Domlöwen" oder "Domkröten", zusammengesetzt aus einem Vorderleib als Kröte (Erde/Wasser) und einem Hinterleib als Löwe (Feueraspekt). In ihnen hat sich die GeistSeele und die Kraft des Ortes ausgedrückt, um den Bau des Domes, wohl eine zu einseitige Anregung des Feuer- und Yang-Aspektes, zu verhindern. Tatsächlich ist der Dom zweimal gänzlich durch Feuer vernichtet worden. Und hier zeigt sich, wieviel Macht und Kraft die Vereinigung von Himmel und Erde an diesem Ort hat. Sie erreicht unsere Gefühlswelt und lässt uns den Ort durch Bilder und damit zusammenhängende Gefühle erfahren. Das ist lebendig geblieben in den Bildern der vielen Sagen, z.B. vom Dombau: Zwei Baumeister errichten gemeinsam den Dom. Der Jüngere, der den Westteil erbaut, kommt nicht wie geplant voran und schließt einen Pakt mit dem Teufel (d.h. er verbündet sich mit der Kraft der Erde, die hier bereits christianisiert als Teufel erscheint). Zwei Ungeheuer erscheinen daraufhin und lassen jede Nacht das wieder einstürzen, was der Ältere tagsüber errichtet hat. Das geht so lange, bis der Westbau fertig errichtet und geweiht ist, wobei der Jüngere sein Leben verliert und seine Seele seitdem das Bauwerk beseelt, da sie beim Sturz von der höchsten Turmspitze aus in die Tiefe, den der Teufel verursacht hat, im Mauerwerk des Turmes hängenbleibt.

Kunigunde, die GeistSeele Bambergs
Eines meiner prägendsten Erlebnisse der leibhaftigen Inkarnation der GeistSeele der Erde an einem Ort ist Bamberg. Die Kaiserin Kunigunde (980-1039) - ihre Symbole sind die Pflugschar und ein Modell des Bamberger Doms - und Maria als junge Frau, mächtige Mutter und Alte, sind das Paar, in dem noch heute viele BambergerInnen sowohl ihre Stadt erkennen wie auch, dass das Wohlergehen der Stadt von ihrem Segen abhängt. Sie sind Schutzpatroninnen und Leben und Fruchtbarkeit spendende Kräfte. Für Bambergerinnen sind sie darüber hinaus ein Identifikationsmodell weiblicher Macht und Souveränität. Personifiziert erscheint die GeistSeele des Ortes von Anfang an als mächtige, wunderschöne Frau. "Waldminne" wird sie in der Gründungssage genannt. Sie vergibt ihr Land als Lehen an Philipp den Babenberger. Und sie erscheint nicht nur auf der geistigen Ebene, sondern wird als leibliche Frau Urahnin aller BambergerInnen. Dazu die Sage: Philipp schläft bei einer Mittagsrast auf dem Heimweg vom Rhein an die Ostmark unter einer großen, knorrigen Eiche in der in der Nähe der heutigen Stadt Bamberg. Er träumt, er sei in einem heiligen Garten der Götter - schön, wie er ihn noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Vor ihm steht ein herrliches, liebliches Weib, eine Engelsgestalt. Sie zeigt ihm die sieben Hügel und bittet ihn, hier zu bleiben und auf den Hügeln eine Burg zu bauen. Sie streckt die Hand aus und ruft: "Sieh hin!" Da sieht er sieben Hügel, auf denen Riesenbäume stehen. Plötzlich wächst aus dem Boden eine mächtige Feste, und er wohnt mit dem schönen Weib darin. Sieben Söhne schenkt sie ihm, und jeder Sohn befestigt einen Hügel. Das Wachsen und Gedeihen der Stadt zieht vor seinen Augen vorüber. Mit der Aufforderung der schönen Frau, "Lege den ersten Grundstein für diese gefeierte Stadt!", erwacht er. Er hat lange geschlafen. Es dämmert, und der Mond steht schon hoch am Himmel. Von der Erinnerung an den Traum getrieben, springt er auf und wandert in die ihm von der schönen Frau gewiesene Richtung. Nach einer Stunde trifft er auf eine Hütte, vor der sein Traumbild, das schöne Weib, steht. Er fragt, wo er sei, und sie antwortet: "Im Siebenhügelland!" Waldminne, so heißt die schöne Frau, führt ihn dann, da er Angst hat, sich zu verirren, zu seinen Leuten zurück. Er erzählt seinen Traum und bekennt, dass er sich in sie verliebt hat. Und nun spricht Waldminne, diesmal in Wirklichkeit, die Worte: "Bleibe hier und baue deine Burg!" Philipp bleibt und nennt seine Burg Babenberg, aus ihr entwickelt sich langsam die Stadt Bamberg. Hier scheint noch die ursprüngliche, vorchristliche Form der Göttin durch, die sich dann in der Kaiserin Kunigunde erneut inkarniert. Bamberg ist Kunigundes Morgengabe, die sie erhält, als sie als luxemburgische Prinzessin die Gemahlin des bayerischen Herzogs Heinrich wird. Als Mitstifterin von Bistum und Kirchen sorgt sie für spirituelle Inspiration und für kulturelle Anregung genauso, wie sie sich für Sicherheit, Fruchtbarkeit und für die Einhaltung des heiligen Gesetzes der Erde bei allen Bewohnern einsetzt. Viele Sagen zeigen noch heute die Macht und Kraft der Kaiserin und ihre Identifikation mit Bamberg ganz in der Tradition der vorchristlichen Göttin: Spinnend sitzt Kunigunde im Schein des Abendrotes am Fenster der Burg und betrachtet Bamberg. Einen Schutz- und Segensspruch sagend, wird Kunigunde mit Kraft erfüllt, die sie in den Faden, den sie spinnt, weitergibt. Die Bernsteinspindel erhebt sich, tanzt aus dem Fenster hinaus, und während Kunigunde weiter spinnt, umkreist die Spindel den ganzen Stadtbereich, kein Gärtlein und kein Haus vergessend. Es wird dunkel, immer weiter spinnt Kunigunde, der Faden leuchtet in weißem Licht. Bis die Spindel, die Reise vollendet, wieder durch das Fenster hereinkommt. Jetzt erst bricht der Faden. Die Stadt aber ist gesegnet und geschützt durch das Gespinst der Kaiserin Kunigunde. Oder: Beim Bau der Stephanskirche ließ die Kaiserin Kunigunde nicht jedem Arbeiter am Abend seinen Lohn reichen, wie es Sitte war, sondern sie gab ihrem Schaffner eine Schüssel mit Silberpfennigen und ließ diese im Gebäude aufstellen. Daraus nahm sich jeder soviel mit, wie ihm zustand. Nach einiger Zeit aber reichten die Silberpfennige nicht mehr, und die Bauleute, die am Schluss kamen, gingen leer aus. Da setzte sich Kunigunde mit der Schale im Schoß selber hin, und die Bauleute zogen an ihr vorbei, beugten das Knie und nahmen, was ihnen zustand. Dann kam auch einer, der tat besonders demütig und griff in die Schüssel. Aber kaum hatten seine Finger das Geld berührt, als er laut aufschrie und seine Hand schleuderte. Da fielen drei blanke Pfennige in den Sand, die hatten ihm blutige Brandmale in die Hand gebrannt, und er musste die rotglühenden Zeichen tragen bis zu seinem Tod. Obwohl Kaiser Heinrich II. Bamberg zur Hauptstadt, zum Nabel der Welt machte und der geomantische Ausbau Bambergs diese Idee noch heute zeigt, ist es ihm nicht gelungen, Kunigunde zur Seite zu drängen. Im Gegenteil: Selbst im Grab musste er auf Geheiß einer Stimme seinen Platz räumen und beiseite rücken, als Kunigundes Leichnam beigesetzt wurde, damit sie den Platz des höheren Ranges einnehmen konnte. In Kaiserin Kunigunde wird heute noch die eigentliche Kraft Bambergs erkannt und verehrt. Sie ist fest im Herzen vieler alteingesessener BambergerInnen verankert. Dass Bamberg im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört wurde, liegt, so ist der feste Glaube vieler BambergerInnen, nur am Schutz der Kunigunde, die die Stadt unter ihrem Mantel verborgen hat. Ihr Todestag, der 3. März, ist ein Feiertag, und am 13. Juli wird ihr Schädel in einem kostbaren Reliquienschrein zusammen mit dem Heinrichs durch die Stadt getragen, um den Ort zu segnen.

Die Marien Bambergs
Ihre Kollegin, die mit ihr die Stadt schützt und vor Not und Seuchen bewahrt, ist die alte dreieinige Göttin:
-Maria als Jungfrau - rot,
-Maria als Mutter - schwarz,
-Maria als Alte - weiß.
(J. Markls Farbzuordnung weicht vom gängigen Modell ab. Anm. d. Red.)
Sie ist als thronende Madonna mit Kind in der (Bürger-)Kirche "Zu unserer lieben Frau" am Kaulberg sowie in der Pieta in der Martinskirche auf der Insel dargestellt. Der Aspekt der Jungfrau wird durch junge Mädchen repräsentiert, die die Marienstatue auf ihrem Weg durch die Stadt begleiten. Auch sie schützt und hilft in menschlichen Nöten. Ihr Fest, das drei Tage dauert, und die zum Fest stattfindende Prozession haben Orakelcharakter für das Wohl und Weh der Stadt und allen Bewohnern: Bei der Prozession, die von der Oberen Pfarrkirche aus durch die Bergstadt auf die Inselstadt in die Martinskirche und wieder zurück führt, wird die Madonna der Oberen Pfarrkirche durch die Straßen getragen und dann in der Martinskirche der Pieta gegenüber aufgestellt, damit sich die beiden "unterhalten" oder "treffen" können. Kann dieses Treffen nicht stattfinden, stehen Seuchen, Krieg oder Hungersnot bevor. Unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im August 1938 war es das letzte Mal, dass die Prozession nicht stattfinden konnte. Die besondere Dynamik der Stadt, die starke Polarität, wiederholt sich im Paar der beiden Schutzherrinnen: zwischen Kunigunde (Adel, Sonne, Feuer) und Maria (Bürgerkirche, Mond, Wasser/Erdschlange). Als Einheit betrachtet, sind sie die GeistSeele des Ortes. Durch die Beschäftigung mit beiden, jenseits kirchlicher Schablonen, lässt sich das ganze Potenzial dieses gesegneten Ortes und der innewohnenden Dynamik erfassen. Sie bieten Möglichkeiten, sich an diese Kraft auf einem ganzheitlichen Erfahrungsweg rückzubinden und sie neu zu erfahren.