Bäume der Kraft

Die tausendjährigen Eichen von Ivenack

von Ulrich Fischer erschienen in Hagia Chora 6/2000

Die Eichen von Ivenack im Herzen von Mecklenburg-Vorpommern gehören zu den ältesten Bäumen Europas. Die mächtigste mit einem Stammumfang von 11 Metern wird auf 1200 Jahre geschätzt. Der Geomant Ulrich Fischer erfährt die alten Baumriesen für Inkarnationen der Geistseele Mecklenburg-Vorpommerns, die eine machtvolle Verbindung zu den Ahnenkräften des Landes wie zu den kosmischen Sphären aufrechterhalten.

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Unweit meines Heimatortes gelegen,lernte ich Ivenack und seine Eichen bereits in meiner Kindheit kennen. Während meiner Ausbildung zum Geomantie-Berater erwachte die starke Verbindung zu diesem Ort zu neuem Leben. Ich begann, die Eichenriesen mit anderen Augen zu schauen. Wie war es möglich, dass die Bäume an diesem Ort ein so hohes Alter erreichten, wodurch zeichnet sich die Qualität dieses Ortes der Kraft aus? Welche Bedeutung haben diese uralten Bäume für das Land? Als Biologe und Geomant suchte ich Antworten. Durch geomantische Wanderungen, Arbeit mit Gruppen, Geschichten und Sagen, aber vor allem durch intuitive Wahrnehmung und Kommunikation näherte ich mich den Baumwesen allmählich an.

Geschichte des Ortes
Von der Reuterstadt Stavenhagen gelangt man in nordöstlicher Richtung zu der kleinen Ortschaft Ivenack, die durch das Schloss am Ufer des Ivenacker Sees und vor allem durch die uralten Eichen bekannt ist. Lange vor ihrer ersten Erwähnung 1252 war die Gegend von Wenden bewohnt. Ivenack bedeutet im Slawischen "Weidenort". Bronzezeitliche Funde weisen auf sehr frühe Besiedelung hin. Das kleine Gebiet mit den tausendjährigen Eichen ist ein seit vielen Jahrhunderten kontinuierlich beweideter, parkartiger Hudewald (oder Hütewald). Unter diesen Bedingungen konnten die Bäume ihre stattliche Gestalt und ihr hohes Alter erreichen. Statt geschlossener Hochwälder hatten sich durch die Beweidung schon vor der letzten Jahrtausendwende diese lichten Hudewälder herausgebildet, die übrigens Vorbild für die englischen Landschaftsparks waren. Vermutlich haben wir mit dem Ivenacker Tiergarten einen alten heiligen Hain vor uns. 1252 wurde das Kloster Ivenack als Nonnenkloster der Zisterzienser am Ufer des Sees gegründet. Die Klostergründer hatten die Bedeutung dieses Ortes offenbar erkannt und ihn daher zur Festigung des neuen christlichen Glaubens als Standort ausgewählt. Schon damals waren die Ivenacker Eichen stattliche, mehrhundertjährige Bäume, unter denen jetzt die Viehherden des Klosters weideten. Auch nach Aufhebung des Klosters um 1555 und dessen Umwandlung in ein herzogliches Amt und ebenso nach 1709, als Ivenack zum privaten Rittergut wurde, blieb der Tiergarten in Nutzung. Auf den Grundmauern des Klosters entstand ein barockes Schloss, und seit jener Zeit wird im Tiergarten Damwild gehalten.

Annäherung an das Wesen
In einer Vollmondnacht im März 1998 hatte ich das intensive Gefühl, dass die Ivenacker Eichen, die ich einige Tage zuvor wieder erstmals seit Jahren besucht hatte, mich riefen. So fuhr ich mitten in der Nacht in den Wald. Es war sehr kalt, und es hatte etwas Neuschnee gegeben. Auf dem Weg zum Wildgatter umfing mich eine unheimliche Atmosphäre, Schatten schienen sich im Mondlicht zu bewegen. Dann trat ich in einen Bereich, in dem alle Furcht von mir abfiel. Im fahlen Mondlicht erblickte ich die kolossale Gestalt der alten Weisen auf der Lichtung. Ein Gefühl tiefer Ehrfurcht durchrieselte mich, und ich schloss meine Augen und spürte in meine Umgebung. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass die Eiche mich bat, näher zu kommen. Sehr langsam näherte ich mich ihrem Stamm und ließ mich auf den Knien nieder. Dann überwältigten mich Rührung und Trauer. Ich schmiegte mich an ihren Stamm und fühlte mich geborgen. Zugleich schämte ich mich abgrundtief, was vielen ihrer Baum-Brüdern durch uns Menschen angetan wird. Ich spürte, wie sich die Eichen von ihren vielen Besuchern gerade Achtsamkeit für ihr seelisches Wesen wünschen. In den darauffolgenden Wochen versuchte ich durch die Tür, welche sich mir in dieser Nacht einen Spalt breit geöffnet hatte, hindurchzuschlüpfen.

Geschichten und Symbole
Nachdem ich mich am Stamm einer alten Eiche auf die geistig-seelische Ebene eingestimmt und vertieft hatte, lief vor meinem inneren Auge folgende Geschichte ab: "Französische Soldaten reiten eilig auf ihren Pferden dem Dorf Ivenack entgegen, geradewegs auf das Schloss zu. Sie kommen an den tausendjährigen Eichen vorbei. Eine junge Frau, die mit ihrem Kind auf dem Arm durch den Tiergarten gegangen war, hatte in panischer Angst im hohlen Stamm einer alten Eiche Schutz vor den wilden Männern gefunden. Dort wird sie jedoch von einem Soldaten entdeckt, der ihr Kind mit sich fortnimmt. Er folgt seiner Truppe nach Osten. Die Frau bleibt ermattet, in tiefer Trauer an der Eiche zurück." An der ältesten Eiche nahm ich einen um den Baum tanzenden Schamanen wahr. Er trug wie der keltische Cernunnos ein Hirschgeweih auf dem Haupt. Er verwandelte sich jedoch immer mehr in einen schwarzen Mann und versank vor meinem inneren Auge schließlich ganz in der Erde. Ich versuchte, diese Bilder und Geschichten aus dem Traumbewusstsein des Ortes in mein Tagbewusstsein zu übersetzen. Das Bild des tanzenden Cernunnos deutete ich als Erinnerung an eine kultische Vergangenheit. Dieser Kult, der sich um die Eiche rankte, ließ die "Kraft des Wilden Mannes" aufleben. Der lüsterne, willensstarke, unbezähmbare Wilde Mann wird auch als Herr der Tiere oder des Waldes bezeichnet. Man verehrte ihn in heiligen Hainen durch den Tanz um den heiligen Baum. Robert Bly schreibt, dass diese Gestalt seit mindestens 14000 Jahren mit der Initiation junger Männer verbunden ist. In unserer Kultur wird sie abgelehnt und verdrängt. Durch die Entschlüsselung einer überlieferten Sage des Ortes hoffte ich, die erste Geschichte zu verstehen: "Die sieben stattlichsten unter den Ivenacker Eichen sind verwunschene Nonnen. Es heißt, in uralten Zeiten hätten sieben Insassinnen ihr Gelübde gebrochen, sich also wohl der fleischlichen Liebe ergeben. Für diese schreckliche Sünde wären sie zur Strafe in Eichen verwandelt worden. Nach tausend Jahren, wenn die erste Eiche vergehe, solle die erste Nonne von ihrer Strafe erlöst sein. Hundert Jahre später, wenn die zweite absterbe, die nächste und so fort ..." Eine andere Version der Sage berichtet, dass sieben Nonnen im Schlaf von Räubern überrascht wurden und halbnackt in den Wald flohen. Am Morgen darauf stellten sie fest, dass ihr Anblick sündhaft sei, und sie baten den Herrgott, dass er sie den Bäumen im Walde gleich schützen möge. Sie wurden erhört und in die Eichen verwandelt. Zunächst sollen die Schlüsselwörter und ihr Symbolgehalt beleuchtet werden: Es ist von sieben Nonnen die Rede. Die Zahl Sieben ist die heilige und magische Zahl. Sie symbolisiert die göttliche Ordnung und die spirituelle Entwicklung des Menschen, so dass ich sie als Hinweis auf die Heiligkeit des Ortes deute. Der Yin-Aspekt des Ortes, die Nonne als "reine Jungfrau", steht in besonderem Bezug zur geistigen Welt. Die Nonnen ergeben sich der "fleischlichen Liebe". Lasse ich das moralisierende Verbot beiseite, erkenne ich darin die Verschmelzung von geistiger mit irdischer Kraft und zugleich das Verschmelzen von Yin und Yang. Darin vollzieht sich die Schöpfung, die in so etwas Großartigem wie den tausendjährigen Eichen ihren Ausdruck findet. Das Symbol der Eiche selbst ist die Axis Mundi, die Verbindung von Himmel und Erde.
Das zentrale mythische Motiv der Sage ist die Verwandlung. Der Vorstellung von einer Verwandlung in Bäume begegnen wir häufig auch in der griechischen Mythologie (Metamorphose). Dass die Verwandlung die Bestrafung einer Sünde gewesen sein soll, ist sicherlich als nachträgliche christliche Moralisierung zu werten. Das Motiv der Verwandlung scheint älter zu sein, denn es knüpft an die sehr alte Vorstellung an, dass Bäume von feinen Wesen der geistigen Sphäre beseelt sind. Die Griechen sahen sie als Nymphen, Marko Pogacnik verwendet für diese Elementarwesen den Namen "Faun". Ebenso spiegelt sich im Motiv der Verwandlung die Wesensgleichheit von Mensch und Baum. Das letzte Schlüsselwort in der zweiten Version der Sage ist der Räuber, in dem wieder der Yang-Aspekt des "Wilden Mannes" auftaucht. Durch schamanische Riten suchten die Menschen früher an den Eichen solcher heiligen Haine Schutz bei Cerunnos, Pan, oder Wotan, dem die Eiche geweiht war. Auch in der überlieferten Sage geht es um Schutz. Ein atmosphärischer Nachklang dieser Zeiten ist in der Aura der Eichenriesen noch intensiv erfahrbar. In meiner inneren Geschichte und in der Sage verkörpert die junge Frau bzw. die Nonne den Yin-Aspekt und der Soldat bzw. der Räuber den Yang-Aspekt des Ortes. Die Begegnung von Yin und Yang bewirkt eine Verwandlung. Die zentrale Botschaft lautet also: Hier an den heiligen Eichen, die am höchsten in den Himmel ragen, am tiefsten in der Erde wurzeln und am längsten existieren, lässt sich Kontakt zu den elementaren Kräften der Schöpfung finden. Dies zu erleben, steigert in den Menschen die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und Gotteserfahrung, und so wird ein Platz wie der Ivenacker Tiergarten zu einem heiligen Ort, an dem sich Himmel und Erde vereinigen.

Die Eichen im Landschaftstempel
Die charakteristische Geistkraft, der Genius Loci des Ivenacker Tiergartens ist geprägt durch dessen Anbindung an die geistige Sphäre und seinen ebenso starken Bezug zum Erdkosmos. Als ein geistiges Zentrum in der Landschaft liegt seine Aufgabe in der Koordination feinstofflicher Kräfte. Dafür sind die Begriffe Landschaftskoordinationspunkt (E. Frohmann) oder Landschaftsengelpunkt bzw. Brennpunkt des Landschaftstempels (M. Pogacnik) gebräuchlich. Häufig befinden sich sakrale Bauwerke am Ort, wie in Ivenack die Klosterkirche in der Nähe des Eichenhains. Etwa 200 Meter von der ältesten Eiche entfernt, eröffnete sich mir der Fokuspunkt eines Landschaftsengels. Dabei wurde ich im August 1998 zu einer Gruppe 200-jähriger Buchen gezogen, die in einem Kreis wachsen. Eine schwungvolle, emporreißende Energie erfasste mich und hob meinen Geist hinauf bis in eine Ebene gleißenden Lichts, auf welcher sich drei strahlend helle Figuren mit drei dunklen Figuren trafen. Ich erhielt die Aufforderung, mich auf die Erde zu legen. Daraufhin öffnete sich vor meinem inneren Auge ein gleißend-gelber Lichtkanal, aus dem sich ein Wesen herabsenkte und sich mir auf meine Frage als "Engel der Erkenntnis" vorstellte. Im Laufe der letzten zwei Jahre schälte sich ganz allmählich ein möglicher innerer Zusammenhang weiterer geistiger Zentren in meiner Heimatlandschaft heraus, die ich als Brennpunkte des Landschaftstempels des Kummerower Sees erkannte. Das von Marko Pogacnik erfasste Konzept eines Landschaftstempels diente mir dabei als geistige Matrix. In diesem System wird die kosmische Kraft durch einen Einatmungstempel empfangen, entlang dreier Linien durch die Landschaft geführt, die der weißen, roten und schwarzen Kraft der Göttin entsprechen. Die rote Linie läuft als Achse des Systems vom Einatmungspunkt bis zum Punkt der kosmischen Ausatmung. Marko Pogacnik bezeichnet dies als die sakrale Dreigliederung der Landschaft, abgeleitet von der neolithischen dreigestaltigen Göttin. Im Falle des Landschaftstempels im Bereich des Kummerower Sees ist Demmin mit dem alten Burgort "Haus Demmin" der Einatmungspunkt. Die Stadt liegt auf einer Landzunge, die von drei Seiten von Moor umgeben ist. An dieser Stelle vereinigen sich drei Flüsse. Bis ins frühe Mittelalter war Demmin die Residenz der Pommern-Herzöge. Von hier aus läuft die zentrale Achse des Landschaftstempels in Richtung Südwesten über den Kummerower See bis zu den Endmoränenhügeln am jenseitigen Seeufer, genau auf den höchsten Punkt der Friedrich-Franz-Höhe, den Punkt der Ausatmung. Der Ort Dargun mit der Ruine der Klosterkirche St. Marien des ehemaligen Zisterzienser-Mönchsklosters stellt das Zentrum der weißen Göttin in der Landschaft dar - Brennpunkt der allumfassenden Ganzheit oder der jungfräulichen Phase der Göttin. Im Siegel des Klosters sind z.B. die Jungfrau Maria mit dem Christuskind sowie eine Lilie als Symbol der Jungfräulichkeit abgebildet. Die männlich-göttlichen Kräfte werden aus diesem Zentrum der Ganzheit heraus geboren. Den roten oder kreativen Aspekt der Göttin innerhalb des Landschaftstempels - Brennpunkt der unerschöpflichen Lebensfülle und Seinsmacht - verkörpert sich im Ort Verchen und seiner Umgebung am Nordufer des Kummerower Sees. Kraftbrennpunkt ist die Klosterkirche St. Marien des ehemaligen Benediktiner-Nonnenklosters. In der Kirche fallen besonders die farbenprächtigen über 500-jährigen Bleiglasfenster ins Auge, mit einer Anna-Selbdritt-Darstellung sowie einer Darstellung der Maria als Himmelskönigin, die an die Göttin der Lebensfülle als Quelle der nährenden Kräfte anklingt. Daneben besitzt die Gemarkung Verchen die meisten archäologischen Fundplätze in ganz Mecklenburg-Vorpommern, was die große Bedeutung dieser von Wasser und Moor umschlossenen Anhöhe als Lebensraum für den Menschen seit der Eiszeit belegt.

Zentrum der schwarzen Göttin
Die Ivenacker Landschaft mit der Klosterkirche und den tausendjährigen Eichen stellt nun das Zentrum der Wandlungskräfte - das Zentrum der Schwarzen Göttin in der Landschaft - dar. Diese Phase der Wandlung verdeutlicht ein gnostischer Mythos aus der frühchristlichen Epoche, in dem über die Verbannung der Sophia in die materielle Sphäre berichtet wird und über das Leiden, das sie dabei ertragen musste, bevor sie durch Umkehr und Erlösung wieder in die höheren Sphären des Seins zurückkehren durfte. Ähnliches wird auch in der Sage über die Ivenacker Eichen berichtet: Die sieben Nonnen, die in Eichengestalt gebannt wurden, harren ihrer Erlösung, die geschieht, wenn die Eichen sterben. Die zahlreichen Besucher, die zu allen Jahreszeiten die Ivenacker Eichen bestaunen, bringen leider dem Elementarwesen der Bäume - ihrer inneren Dimension - nur selten Achtsamkeit entgegen. Diese Achsamkeit für ihr geistiges Wesen wünschen sich die alten Eichen jedoch sehr. In einer Gruppe besuchen wir deshalb regelmäßig die Baum-Ahnen. Mit unserer Hinwendung und Öffnung gegenüber ihrem Wesen wollen wir sie auf der geistig-seelischen Ebene unterstützen. Mit dem Herzen mit diesen Bäumen zu sprechen und von ihnen angesprochen zu werden, empfinden wir als einen Beitrag zum Werk der Erdheilung.