Zeit Ort Geist
Zur Kulturgeschichte des Genius Loci
Das Konzept einer ortsgebundenen seelisch-geistigen Qualität scheint auch für die heutige Zeit relevant zu sein - beispielhaft für das Wesen eines Mythos, dem auch eine rationale Neuzeit nichts anhaben kann.

In der Antike verbanden sich mit dem Begriff des Genius Loci konkrete lebensweltliche und religiöse Erfahrungen und Erlebnisse. Generell war man der Ansicht, dass speziellen Orten spezielle Ortsgeister - Ortsgenien - einwohnen würden. Hierbei handelte es sich vor allem um artifizielle Orte, denen eine soziale und existenzielle Bedeutung zukam, oder aber um natürliche Orte, die von sich her eine gewisse göttliche oder besser numinose Ausstrahlung hatten. Ich werde im Folgenden vor allem auf den natürlichen Ort eingehen.
Der mythische Naturbezug
Will man die Beziehung des mythisch-archaischen Menschen zur Natur mit einem Wort beschreiben, könnte man von einem Einordnungsverhältnis sprechen. Der Mensch ordnet sich dem natürlich-numinosen Ort, den er schon in seiner gewachsenen und natürlich gewordenen, sozusagen bodenständigen Struktur antrifft unter bzw. ein. Die natürliche Grotte wird bestenfalls etwas ausgemeißelt, nämlich um ein Kultbild des Genius Loci hinzustellen; der Hain wird höchstens mit einer Einhegung versehen, nämlich um ihn vom profanen Außen abzugrenzen; am Berg stellt man einen kleinen Rundaltar auf. Alle gestaltenden Eingriffe des Menschen ordnen sich im Prinzip dem Vorgefundenen ein, geben sich den natürlich-numinosen Einflüssen hin. Von diesem mythisch-archaischen Einordnungsverhältnis und dem ihm zugrundeliegenden Weltbild muss man das homerische Weltbild unterscheiden. Dieses eher "hochreligiöse" Weltbild, in dem die Götter und Göttinnen des Olymps zentrale und panhellenische Bedeutung haben, ist jedoch mit der überkommenen archaisch-volksreligiösen Tradition, der Tradition der Lokalkulte, in ein eigentümliches Allianzverhältnis getreten.
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