Zeit Ort Geist

Zur Kulturgeschichte des Genius Loci

von erschienen in Hagia Chora 6/2000

Das Konzept einer ortsgebundenen seelisch-geistigen Qualität scheint auch für die heutige Zeit relevant zu sein - beispielhaft für das Wesen eines Mythos, dem auch eine rationale Neuzeit nichts anhaben kann.

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In der Antike verbanden sich mit dem Begriff des Genius Loci konkrete lebensweltliche und religiöse Erfahrungen und Erlebnisse. Generell war man der Ansicht, dass speziellen Orten spezielle Ortsgeister - Ortsgenien - einwohnen würden. Hierbei handelte es sich vor allem um artifizielle Orte, denen eine soziale und existenzielle Bedeutung zukam, oder aber um natürliche Orte, die von sich her eine gewisse göttliche oder besser numinose Ausstrahlung hatten. Ich werde im Folgenden vor allem auf den natürlichen Ort eingehen.

Der mythische Naturbezug

Will man die Beziehung des mythisch-archaischen Menschen zur Natur mit einem Wort beschreiben, könnte man von einem Einordnungsverhältnis sprechen. Der Mensch ordnet sich dem natürlich-numinosen Ort, den er schon in seiner gewachsenen und natürlich gewordenen, sozusagen bodenständigen Struktur antrifft unter bzw. ein. Die natürliche Grotte wird bestenfalls etwas ausgemeißelt, nämlich um ein Kultbild des Genius Loci hinzustellen; der Hain wird höchstens mit einer Einhegung versehen, nämlich um ihn vom profanen Außen abzugrenzen; am Berg stellt man einen kleinen Rundaltar auf. Alle gestaltenden Eingriffe des Menschen ordnen sich im Prinzip dem Vorgefundenen ein, geben sich den natürlich-numinosen Einflüssen hin. Von diesem mythisch-archaischen Einordnungsverhältnis und dem ihm zugrundeliegenden Weltbild muss man das homerische Weltbild unterscheiden. Dieses eher "hochreligiöse" Weltbild, in dem die Götter und Göttinnen des Olymps zentrale und panhellenische Bedeutung haben, ist jedoch mit der überkommenen archaisch-volksreligiösen Tradition, der Tradition der Lokalkulte, in ein eigentümliches Allianzverhältnis getreten.

Man könnte hier auch - in ungezwungener Analogie zu Nicolai Hartmanns Schichttheorie - von einem Überformungsverhältnis sprechen, Überformung, wohlgemerkt, nicht verstanden als Verformung im Sinne von Deformierung. Überformung meint, dass beim Übergang von der älteren Schicht in die jüngere nichts Wesentliches verloren geht. Dies deshalb, weil in beiden Schichten die gleiche kategoriale Struktur - in unserem Fall die mythische - herrscht. Homerisches Weltbild und archaischer Volkglaube sind in der Antike gleichermaßen mythisch strukturiert: deshalb können sie auch jederzeit miteinander in Beziehungen treten. Ein Beispiel dafür sind die diversen, den homerisch-olympischen Gottheiten geweihten antiken Tempelbauten. Der Kürze halber sei hier nur auf das Hera-Heiligtum auf Samos verwiesen, wo sich dieses Überformungsverhältnis deutlich zeigt. Neben den an einen bestimmten Ort - hier an einen Kultbaum - gebundenen Daimon (eine Baumnymphe) tritt die landschaftlich übergreifende Göttin (Hera) und ihr Tempel bzw. Kultbau. Der unmittelbare Altarbereich mit dem Kultbaum lassen sich archäologisch bis ins dritte Jahrtausend zurückverfolgen. Hera kann frühestens mit den griechischen Eroberern im zweiten Jahrtausend hierher gekommen sein. Es wurde immer wieder bemerkt, dass viele der antiken Tempel in einem deutlichen Bezug zur Umgebung stehen; dass sie sich einerseits der Landschaft anpassten, andererseits sie in ihrer charakteristischen Eigenart betonten, ja gewissermaßen "auf den Punkt" brachten. Ein Tempel der so genannten kuhäugigen Hera steht z.B. oft in Bezug zu feuchten, viehreichen Niederungen, Poseidon-Tempel finden sich oft quasi über dem Meer schwebend am Kap, Hades-Tempel stehen in Bezug zu Eingängen in die Unterwelt, also Schluchten und Klüften, etc. Gerade daran zeigt sich sehr schön, was mit Überformung gemeint ist.



Mittelalterliche Dämonen und Heilige

Mit dem Ende der Antike, mit Beginn des Christentums, wandelt sich die Bewertung des mythischen Genius-Loci-Begriffs. Der christlich-monotheistische Schöpfungsgedanke lässt die Genii Locorum als abgeleitete, abgefallene Phänomene erscheinen, die christliche Eschatologie erklärt sie zu erlösungs- und auflösungsbedürftigen Geistern. Trotz all dieser Tendenzen wird die daimonische Wirklichkeit der Ortsgeister nicht angezweifelt, allein ihre Bewertung wandelt sich. Das zwiespältige Verhältnis des mittelalterlichen Christentums zum Genius Loci kommt nicht nur in der Geschichte der Wallfahrtsstätten - der heiligen Orte des Christentums -, sondern auch im Volks(Aber-) glauben deutlich zum Ausdruck. Bei den ersteren handelt es sich meist um einen ins Christliche transformierten, von daher mehr oder weniger akzeptierten, bei letzterem um einen dämonisierten, aus christlicher Sicht inakzeptablen Genius-Loci-Kult. Ein Beispiel für ersteres ist die Wallfahrtskirche der heiligen Edigna bei Fürstenfeldbruck mit der "tausendjährigen Linde" und ihrem Kult. Ein Beispiel für zweites wäre der Teufelsberg in der Aubinger Lohe im Münchener Westen mit zwei keltischen Vierecks-Kulttempeln, der nicht zum Wallfahrtsort "umgetauft", sondern verteufelt wurde.



Das christliche Überbauungsverhältnis

Werfen wir nocheinmal einen kurzen Blick auf das Heraion von Samos zum Ende der Antike. Das mythische Zeitalter neigt sich seinem Ende zu, das christliche dominiert. Christliche Eiferer wie Firmicus im 4. Jahrhundert folgen der Maxime, "Haut sie zusammen, mit dem Beil zusammen, diese Tempelzierden! Zur Schmelze, zur Münze mit diesen Göttern! Alle Weihegeschenke sind euer, nehmt und braucht sie." Das Hera-Heiligtum mit dreitausendjähriger Tradition wird von solchen Eiferern zerstört, der uralte Kultbaum von christlicher Hand gefällt. Aus den Trümmern wird neben dem ehemaligen Kultort im 5. Jahrhundert eine frühchristliche Basilika gebaut. Sie ist, wie die meisten Kirchen, nach Osten gerichtet, wo die Sonne, das Sinnbild des Christus-Logos, aufgeht. Der konkrete Bezug zum Ort ist gelockert, der Kultbaum erfährt schon längst keine Verehrung mehr, der Genius Loci ist wenig relevant. Hier kann man nicht mehr von einem Überformungsverhältnis sprechen. Eher müsste man (wieder in loser Analogie zu Nicolai Hartmanns Schichttheorie) von einem Überbauungsverhältnis sprechen. Denn es zeigt sich klar - und das ist der Unterschied zum Überformungsverhältnis - dass beim Übergang von der mythischen Schicht in die christliche Wesentliches verloren geht. Es handelt sich nicht mehr um die gleiche kategoriale Struktur: der christliche Logos ist kategorial anders strukturiert als der antike Mythos: er ist noetisch, d.h. geistig strukturiert. Die Grundkategorien des christlichen Geistes - um nur einige zu nennen - sind: Einheit, Weltüberwindung, radikale Transzendenz, Sinnes- und Leibesfeindschaft (damit einhergehend Bilder- und Ortsfeindschaft), radikaler Monotheismus. Von einem Überbauungsverhältnis zu sprechen, bietet sich auch deshalb an, weil das christliche Weltverhältnis stark durch einen theologisch-geistigen Überbau dominiert und bestimmt ist. Und ganz konkret legt die Tatsache, dass viele Kirchen über heidnischen Kultstätten gebaut wurden - jene überdeckend, transformierend, überbauend - die Rede von einem Überbauungsverhältnis nahe. Kein Überbauungsverhältnis bricht jedoch in allen Aspekten total mit den älteren Schichten. Es lässt meistens Überformungs- und Einordnungsverhältnisse im Kleinen zu, aber eben nur im Kleinen. In unserem Beispiel wurde die Basilika ja immerhin noch am gleichen Ort errichtet. Und womöglich - und das ist bei vielen Kirchen der Fall - übernimmt ein Heiliger/eine Heilige die Rolle der früheren Lokalgottheit; womöglich wird die Kirche zu einer berühmten Wallfahrtskirche, und die Wallfahrtsprozession übernimmt die Rolle der früheren Kultumzüge. Das christlich-mittelalterliche Erleben war in letzter Konsequenz vertikal, hierarchisch-transzendierend, zum einen Herrn und Schöpfer auf einen überhimmlischen Ort hin gerichtet und damit dem Mythos entgegengesetzt. Doch eben nur: in letzter Konsequenz. Diese letzte Konsequenz wurde aber nicht von allen vollzogen, oftmals nur von der kirchlich-intellektuellen Obrigkeit. Für alle anderen war das vergleichsweise mythische, mittelalterlich-volksreligiöse Ortserleben, wie es sich in Sagen und Beschwörungen von Lokaldämonen, in Legenden und Kulten von Ortsheiligen spiegelt, verbindlich.



Rationalisierungen des Genius Loci

Mit dem Beginn der subjektzentrierten und naturwissenschaftlichen Neuzeit geht die Rationalisierung, sprich: Entzauberung der Welt einher. Auch der Genius Loci wird entzaubert, und zwar durch verschiedene rationale Reduktionen. Bei den aufklärerischen Denkern des 17. und 18. Jahrhunderts überwiegt die Tendenz, den Genius Loci, wie auch andere mythische Gestalten, in ihrem Charakter als eigenständige Phänomene zu negieren, sie als abgeleitete Phänomene, als Selbsttäuschung und/oder Betrug durch andere zu entlarven. Die aufklärerische Entlarvung bedient sich dabei dreier Argumentationsstrategien. Die erste versucht, den Mythos auf seinen vermeintlich historischen Kern zu reduzieren, die zweite, ihn auf seine soziale Funktion zu begrenzen; die dritte und bis heute einflussreichste erklärt den Genius Loci als Projektion der frühmenschlichen Psyche. Die Frühmenschen hätten demnach, da ihnen ja die allein seligmachenden, aufgeklärten, naturwissenschaftlichen Erklärungen noch nicht zur Verfügung standen, alle angst- und staunenerregenden, machtvollen Phänome in der Natur nicht anders als durch in sie hineinprojizierte Geister- und Götterphantasmen erklären können (so z.B. David Hume). Alle drei Argumentationsstrategien finden sich, ineinander verwoben und unter dem Vorzeichen der "Priester-Betrugs-These", in der für die Genius-Loci-Problematik zentralen Schrift "Geschichte der Orakel" des seinerzeit einflussreichen Aufklärers Bernard le Bovier de Fontenelle wieder. Die Aufklärung ist - zumindest wo sie ihrem konsequenten Rationalismus treu bleibt - eine Zeit, die für Kultorte wenig Sinn hatte. Dies zeigt deutlich ein Kommentar des deutschen Aufklärers Friedrich Nicolai zum Wallfahrtsort Mariahilf an der Donau: "Man sieht sogar nicht selten Wallfahrer, die zufolge eines getanen Gelübdes den hohen Berg auf den Knien heraufrutschen ... Es ist doch leicht zu erachten, dass bei einer solchen langen Reise auf den Knien die Haut zerfleischt werden muss. Und wozu soll dies nützen?"



Das neuzeitliche Verplanungsverhältnis

Ein Beispiel, an dem man die aufklärerische Art des Umgangs mit der Natur sehr deutlich sehen kann, an dem man auch erkennen kann, dass diese Zeit nicht wirklich an einem Naturerleben interessiert war, ist der französische Garten. Und zwar genau dort, wo er am reinsten verwirklicht wurde, in Versailles. Der Grundriss des Schlossparks zeigt deutlich, dass man nicht an dem vorgefundenen Ort und seiner numinosen Ausstrahlung interessiert war. Vielmehr galt es, die Souveränität und Willensmacht des höchsten Menschen, des Sonnenkönigs Ludwig XIV, zu demonstrieren. Der menschliche Geist zwingt seine rationalgeometrischen Entwürfe dem Ort auf. Dem Menschen, dem König, war nicht nur das freie Wachsen der Pflanzen, das ungehinderte Fließen der Gewässer und die Natürlichkeit der Geländeformen unterworfen, auch die Tiere hatten sich seinem Willen zu beugen. Das demonstrierte der Sonnenkönig mit seiner Ménagerie Royale de Versailles. In Käfiganlagen, gestaltet nach ästhetischen Gesichtspunkten, wurden die "Bestien" zur Schau gestellt. Wir sehen, es handelt sich hierbei um ein - im Vergleich zum christlichen Verhältnis zum Genius Loci - nochmals radikalisiertes Überbauungsverhältnis. Um es von dem christlichen Überbauungsverhältnis, von dem es sich ja qualitativ unterscheidet, abzuheben, nenne ich es das Verplanungsverhältnis. Dies aus zwei Gründen: zum einen reduziert es den vorgefundenen Ort, die vorgefundene, gewachsene Landschaft zu einer abstrakten Planfläche, einem Planquadrat, an dem die jeweiligen geistig-logischen, architektonisch-geometrischen Koordinaten angelegt werden können, zum anderen muss es - um die Planfläche in die Realität umsetzen zu können - die vorgefundene Wirklichkeit regelrecht plan machen, d.h. planieren, einebnen, nivellieren, und somit die Eigenart zunächst zerstören.



Die Romantisierung des Genius Loci

Es ist das Zeitalter der Romantik, in dem das antike und mittelalterliche Konzept des Genius Loci wieder Eingang in Kunst und Wissenschaft findet; dies freilich unter romantischen Vorzeichen, unter Vorzeichen also, die zwischen den Polen Verklärung und Entbergung schwanken. Vor allem in der romantischen Psychologie des C.G. Carus und G.H.v. Schubert hat sich ein seelisches Verständnis des antiken Phänomens des Genius Loci ausgeprägt, das zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist und erst über ein halbes Jahrhundert später durch L. Klages und C.G. Jung wieder aufgegriffen wurde. An der Entwicklung des sogenannten englischen (Landschafts-)Gartens - der im Zuge der Empfindsamkeit als natürlicher Alternativentwurf zum geometrischen französischen Garten im 18. Jahrhundert entstanden ist - lassen sich die praktischen Konsequenzen zeigen, die die romantische Rückbesinnung in Bezug auf den Genius Loci mit sich brachte. Ein Blick auf den Grundriss des Englischen Gartens in München zeigt, wie die Planung auf die Landschaft Rücksicht nimmt, wie man mit organischen Formen und Strukturen arbeitet. Einordnungs- und Überformungsverhältnisse werden wieder möglich. Noch deutlicher zeigt sich das an einem der berühmtesten mitteleuropäischen Landschaftsgärten, dem englischen Garten des Hermann Fürst von Pückler-Muskau in Muskau/Oberlausitz (Entstehungsphase 1815-45). Die vorgefundene Landschaft wird zwar überformt, aber nicht deformiert, sondern eher in ihrem Charakter hervorgehoben. Alte, heilige Bäume dürfen stehen bleiben bzw. werden landschaftsgestalterisch in ihrem Eindruck verstärkt, inszeniert.



Phänomenologische Entbergungen

Nach dem unter aufklärerischen Vorzeichen stehenden Zeitalter des Positivismus, das die romantischen Tendenzen der Entbergung des ursprünglichen Genius-Loci-Konzeptes mit den Schlagworten Naturwissenschaft, Technik, Fortschritt, Evolution in die Vergessenheit abdrängte, setzte Anfang des 20. Jahrhunderts eine Neubesinnung auf die unreduzierten Phänomene des Lebens und der menschlichen Existenz ein. Im Zuge dieser Neubesinnung kam es zur phänomenologischen Wiederkehr des Genius Loci. Folgende theoretische Ansätze sind hier von Bedeutung: das lebensphilosophisch-phänomenologische Konzept der "Erscheinungswesen" eines Ortes von L. Klages, das tiefenpsychologisch-phänomenologische Konzept der ortsgebundenen "archetypischen Erscheinungen" von C. G. Jung, das existenzphänomenologische Konzept des "Wesens eine Ortes" von M. Heidegger und das leibphänomenologische Konzept ortsgebundener, "räumlich ergossener Atmosphären" von H. Schmitz. Ein beispielhaftes Zitat von Ludwig Klages soll zeigen, wie sehr man sich im Umkreis der phänomenologischen Bewegung wieder auf das unverdeckte Phänomen des Genius Loci einließ: "Die Alten", so Klages, "kannten den genius loci, den Nimbus, die Aura, und auch wir noch sprechen von der Atmosphäre eines Menschen, eines Hauses, einer Gegend. Nun, diese Atmosphäre, von sogenannt sensitiven Naturen erlauscht, von feinfühligen gespürt ... ist eine wirkende Wirklichkeit, gebend und bereichernd oder saugend und schwächend, umfangend und erwärmend oder aushöhlend und erkältend, beschleunigend und erregend oder hemmend und dampfend, ausweitend oder einengend, beflügelnd oder lähmend." Weil Heideggers existenzphänomenologisches Konzept des Wesens eines Ortes der in Architekturtheorie und Humangeographie am meisten rezipierte Ansatz ist, möchte ich hier näher darauf eingehen. Dieser Ansatz ist nicht zuletzt deshalb so wichtig, weil er die bisher skizzierte Kulturgeschichte des Genius Loci nochmals bedenkt. Sein Schwergewicht liegt im Bereich des mythisch-homerischen Überformungsverhältnisses. Als Beispiel diene die Heideggersche Interpretation des griechischen Tempels: "Ein Bauwerk, ein griechischer Tempel, bildet nichts ab. Er steht einfach da inmitten des zerklüfteten Felstales. Das Bauwerk umschließt die Gestalt des Gottes und lässt sie in dieser Verbergung durch die offene Säulenhalle hinausstehen in den heiligen Bezirk ... Dastehend ruht das Bauwerk auf dem Felsgrund. Dies Aufruhen des Werkes holt aus dem Fels das Dunkle seines ungefügen und doch zu nichts gedrängten Tragens heraus. ... Das Unerschütterliche des Werkes steht ab gegen das Wogen der Meerflut und lässt aus seiner Ruhe deren Toben erscheinen. Der Baum und das Gras, der Adler und der Stier, die Schlange und die Grille gehen erst in ihre abgehobene Gestalt ein und kommen so als das zum Vorschein, was sie sind." In seinem Aufsatz "Bauen Wohnen Denken" von 1951 hat Heidegger am Beispiel einer Brücke veranschaulicht, was seiner Ansicht nach das Wesen eines Bauwerkes ist. Die Brücke ist nach Heidegger ein Ding. Ding hier in einem speziellen Sinne als das, was das Wesen auf den Punkt bringt, oder, wie Heidegger sagt, "versammelt". "Die Brücke ist freilich ein Ding eigener Art, denn sie versammelt das Geviert von Erde, Himmel, Göttlichem und Menschlichem in der Weise, dass sie ihm eine Stätte verstattet. Aber nur solches, was selber ein Ort ist, kann eine Stätte einräumen. Der Ort ist nicht schon vor der Brücke vorhanden. Zwar gibt es, bevor die Brücke steht, den Strom entlang viele Stellen, die durch etwas besetzt werden können. Eine unter ihnen ergibt sich als ein Ort und zwar durch die Brücke. So kommt denn die Brücke nicht erst an einem Ort zu stehen, sondern von der Brücke selbst her entsteht erst ein Ort. Sie ist ein Ding, versammelt das Geviert, versammelt jedoch in der Weise, dass sie dem Geviert eine Stätte verstattet. ... Demnach empfangen die Räume ihr Wesen aus Orten und nicht aus dem Raum."

Das Bauwerk ist ein versammelndes Ding. Es konstituiert den Ort und hebt ihn dadurch von der bloßen Stelle ab. Auf diesen Abschnitt haben sich nun konstruktivistische Architekturtheoretiker berufen, um einer reinen Entwurfsarchitektur das Wort zu reden, so beispielsweise Dörte Kuhlmann, die zur Ansicht tendiert, der Genius Loci, das Wesen eines Ortes, sei "nicht primär vorhanden, sondern wird erst durch die Architektur aufgedeckt und konstituiert. Der Ort wird mittels des künstlichen Eingriffes von seiner Umgebung individuiert und erhält dadurch seinen spezifischen Charakter", ja, wie Dörte Kuhlmann meint, scheint dem Genius Loci deshalb nur "ein sekundäres Moment oder vielleicht sogar ein parasitärer Charakter" zuzukommen. Wenn diese Interpretation von Kuhlmann den entscheidenden Punkt träfe, würde es sich bei Heidegger nicht um ein Überformungsverhältnis, sondern vielmehr um ein Überbauungsverhältnis handeln. Denn erst im Überbauungsverhältnis tritt mit der menschlichen Gestaltung ein völlig neues Prinzip an diesem Ort ein. Entwurfsarchitektur setzt frühestens auf der Ebene des Überbauungsverhältnisses ein, oft auf der des Verplanungsverhältnisses. Eine tieferdringende Heidegger-Lektüre ergibt jedoch ein anderes Bild; sie zeigt, dass wenngleich auch der existenzielle Ort erst mit dem architektonischen Ding entsteht - der naturgegebene Ort vorgängig schon immer da ist; dies selbstverständlich im phänomenologischen Sinne. Ein Blick in den Dialog "Zur Erörterung der Gelassenheit": hier versucht Heidegger, das Wesen der Gegend, man könnte auch sagen, der Landschaft, zu bestimmen. Er hat für diese Art der landschaftlichen Gegend den Namen "Gegnet" geprägt, um damit auszudrücken, dass es hier um etwas Wesentliches geht, das einem begegnet. Dort heißt es nun:

"L: Wie sollen wir also den Bezug der Gegnet zum Ding benennen, wenn die Gegnet das Ding in ihm selbst als das Ding weilen lässt?

F: Sie bedingt das Ding zum Ding.

G: Sie heißt daher am ehesten Bedingnis.

F: Aber das Bedingen ist kein Machen und Bewirken; auch kein Ermöglichen im Sinne des Transzendentalen ...

L: ... sondern nur die Bedingnis.

F: Was das Bedingen ist, müssen wir also erst denken lernen ...

L: ... indem wir das Wesen des Denkens erfahren lernen ...

G: mithin auf Bedingnis und Vergegnis warten."

Übersetzt heißt dies: Das architektonische Ding, z.B. die Brücke, wird erst zu einem den Ort versammelnden Ding, indem es durch den vorgängigen natürlichen Ort, die Gegnet, dazu bedingt wird. Die primäre Basis des Genius Loci ist damit die besinnliche Begegnung mit der Gegend im Sinne eines Einordnungsverhältnisses. Erst dadurch wird das nächste Verhältnis möglich, das gerade deshalb, weil es auf dem Einordnungsverhältnis ruht, ein Überformungsverhältnis ist. Der Architekturtheoretiker Christian Norberg-Schulz hat in seinem auf den Arbeiten Heideggers aufbauenden Buch "Genius Loci - Landschaft, Lebensraum, Baukunst" eine Heidegger-Interpretation gegeben, die in die ähnliche Richtung zielt: "Der existenzielle Zweck des Bauens (Architektur) ist es deshalb, aus einer Stelle einen Ort zu machen, das heißt, den potentiell in einer gegebenen Umwelt vorhandenen Sinn aufzudecken." Dies geht aber nicht, ohne dass man sich auf das Spezifische, das man "vor Ort" immer schon vorfindet, einlässt, ihm begegnet. Dieses Spezifische nennt Norberg-Schulz den "Charakter": "Charakter ist durch das Wie der Dinge bestimmt und verankert unsere Untersuchung in den konkreten Phänomenen unserer alltäglichen Lebenswelt. Nur so lässt sich der genius loci ganz erfassen - jener Geist, der an einem Ort herrscht und der in der Antike als ’Gegenüber verstanden wurde, mit dem der Mensch sich einigen muss, will er das Wohnen vermögen."



Der Alte Südfriedhof in München

Ich habe mich bisher vor allem auf idealtypische Konzepte und mehr oder weniger idealtypische Beispiele beschränkt, um eine kleine Kulturgeschichte des Genius Loci zu geben. Zum Schluss möchte ich noch auf ein künstlerisches Projekt eingehen, in dem es in ausgezeichneter Weise um den Ort und seinen Geist geht: das Projekt "rote asche gibt es nicht" von Anja Thea Bayer im Alten Südlichen Friedhof in München. Bevor ich auf dieses Projekt zu sprechen komme, ist es nötig, zuerst auf den Friedhofsort selbst einzugehen. Dieser Ort hat Geist, hat Charakter, hat Atmosphäre, hat Tiefgang - und zwar in einem ganz einzigartigen, von ihm nicht ablösbaren Sinn. Er hat auch etwas Befriedendes, Versöhnendes, und zwar so, wie auch der Tod befriedet, versöhnt: nämlich mit einem wehmütig-bitteren Unterton. Dieser Ort hat eine faszinierende, tiefgehende Ausstrahlung. Doch die Frage ist: Wieso hat er das? Meine Antwort - welche zunächst nicht mehr als eine vorläufige Hypothese zu sein beansprucht - lautet: Dieser Ort hat eine enorme Ausstrahlung und Bedeutungstiefe, weil sich an ihm eine Vielzahl geschichtlicher und natürlicher Bedeutungen eingraben, einzeichnen konnten, weil hier, auf engstem Ort, nicht nur Raum für ein Verplanungs- und Überbauungsverhältnis, sondern auch für ein Überformungs- und Einordnungsverhältnis ist. Der Alte Südfriedhof ist einem alten Baum vergleichbar: mit seiner Krone überschattet er unser heutiges Dasein und zugleich reicht er mit seinen Wurzeln bis in den Mythos hinab. Die Menschen, die in diesem Friedhof wandeln, sind die Großstadtmenschen unserer Zeit, die Geräusche die über die Friedhofmauer hereindringen, sind die Geräusche unserer Zeit: Motorengebrumm, Musikfetzen, Tramgebimmel usw.: ein Friedhof mitten in unsere Zeit, der mit seiner Baumkrone unser heutiges Dasein überschattet. Die Anordnung der Wege und der geometrische Grundriss des Friedhofs erinnert an die französischen Gärten mit ihrer klaren, geometrischen Struktur. Doch das ist nur ein leiser Anklang, und das Gefühl, das sich in Bezug auf echte Verplanungsverhältnisse einstellt, mag hier nicht in seiner Radikalität und Ausschließlichkeit aufkommen. Zu sehr hat Geschichte und Natur das, was einmal geplanter Entwurf war, überformt. Der Grundriss des alten Teils des Friedhofs gleicht einem Sarg und ist damit auch Ausdruck eines Überbauungsverhältnisses: nämlich des christlichen, das sich an diesem Ort eingegraben, eingezeichnet hat. Diese Sargform weist über den Ort hinaus auf den überhimmlischen Ort des christlichen Jenseits. Dieser christlich-weltflüchtige Eindruck herrscht ja auch sonst im Friedhof vor: wenn man durch die Gräberreihen geht, umweht einen eine andere Stimmung und Zeit: die Grabdenkmäler mit ihren Engeln, Kreuzen, Marienfiguren, mit ihren Sprüchen "Hier ruhen in Gott", "Hier ruhen in Frieden", "Wiedersehen unser Trost" etc. beschwören eine Zeit, in der die christliche Weltsicht noch viel verbindlicher war als heute, und beschwören eine christlich-abendländische Tradition, die über den Barock zurück ins Mittelalter reicht. Der Eindruck wird nicht zuletzt durch die teils verwitterten, schrägstehenden, überwachsenen Grabsteine hervorgerufen. Man fühlt sich an die romantischen Gemälde Caspar David Friedrichs erinnert. Gerade die romantische, sich ins Mittelalter zurücksehnende Bedeutungskomponente ist mit dem Friedhof eng verknüpft. Liegt das vielleicht auch daran, dass die sterblichen Überreste eines Franz von Baader, Carl Spitzweg, Moritz von Schwind und Joseph von Görres hier liegen, ihre sehnsuchtsvollen Seelen hier immer noch geistern? Mit dieser Frage habe ich die Schwelle vom Mittelalter in den Mythos schon betreten: denn der Ahnenkult stellt eine der Hauptwurzeln des Mythos dar. Das Verplanungs- und Überbauungsverhältnis des Friedhofs lässt zum Glück immer wieder Raum und kleine Nischen, in denen sich Überformungsverhältnisse und Einordnungsverhältnisse zeigen können. Bei manchen Grabdenkmälern hat man regelrecht das Gefühl, dass sie am rechten Ort stehen, gleiches gilt für einige Bäume, die nicht nur durch Alter und individuelle Gestalt beeindrucken, sondern auch durch den Ort, an dem sie stehen. Dass der Friedhof nicht nur unter Denkmalschutz, sondern auch unter Naturschutz steht, kommt den Selbstgestaltungskräften der Vegetation sehr zu gute. Dass in diesem Friedhof auch Raum für Überformungs- und Einordnungsverhältnisse ist, zeigt sich daran, dass hier so etwas wie Anja Thea Bayers künstlerische Ortsbekundung möglich ist. Die Marmortafeln mit der Inschrift "rote asche gibt es nicht", die von der Künstlerin an den Friedhofseingängen angebracht wurdden, verweisen unauffällig auf einen mit "Aachener Rother Erde" ausgelegten Weg. Dieser Weg ist der einzige im ganzen achsensymmetrisch konzipierten Wegenetz des Friedhofs, der seit der Nachkriegszeit kein symmetrisches Pendant mehr hat. An diesem Weg zerbricht die Symmetrie und das Verplanungsverhältnis des Ortes. Hier zerbricht - um mit Heidegger zu reden - die Logik des "(be)rechnenden Denkens": ein "besinnliches Nachdenken" setzt ein, ein Denken, das, bevor es später durch den abendländischen Logos und seinen mittelalterlichen und neuzeitlichen Ableger überbaut und verplant wurde, in der mythischen Antike leibte und lebte. Ein besinnliches Nachdenken, das es vermag, an diesem Ort zum Genius Loci zu gelangen.