Im Spiegel des Ortes

Ein geomantischer Gestaltungsprozess

von Hans-Günter Dziambor erschienen in Hagia Chora 6/2000

Das Wassermannzentrum im Schwäbischen Wald ist ein ausnehmend friedlicher, einladender Ort, der bereits für eine Reihe von geomantischen Aktivitäten Schauplatz war. Hans-Günter Dziambor sorgte viele Jahre lang als Gärtner für den Platz. Sein Text ist durchaus als Resümee eines Lebensabschnitts zu lesen: Demnächst wird das Zentrum geschlossen und in Zukunft wieder privat genutzt.

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Der Hengstberg ist ein sich über mehrere Kilometer erstreckender,reich bewaldeter Höhenzug - im geomantischen Sprachgebrauch ein klassischer "Drachenrücken". Auf einem mächtigen Sandsteinsockel ruhend, formten abfließende Quellwässer in Jahrtausenden bizarre Steinformen und Grotten (Klingen). Diese abenteuerliche und geheimnisvoll anmutende Natur ist typisch für die nordöstlich von Stuttgart gelegene Landschaft des Schwäbischen Waldes. Seinen Namen erhielt der Hengstberg vermutlich im 18. Jahrhundert, als eine Pferdestation zum nahen Ebnisee erbaut wurde. Mit der Gründung des "Hengstberghofes" 1887 begann eine wechselvolle Entwicklung. Zunächst wurde das Anwesen für Jahre als Obstgut mit Pferdezuchtbetrieb musterhaft geführt. In den 30er- und 40er-Jahren beherbergte es ein anthroposophisch orientiertes Sanatorium und vorübergehend auch eine Waldorfschule. Nach einem Generationenwechsel folgte eine Zeit unternehmerischer Experimente, gekennzeichnet von Abschirmung und Misswirtschaft. Stacheldrahtumzäunung und Müllablagerungen prägten fortan den Charakter des Ortes, während die umgebende Natur zur undurchdringlichen Wildnis verwuchs. Dem Bankrott des Geländes folgte bald der Bankrott des Besitzers. Ein Brand vernichtete schließlich das vormalige Wohngebäude des Anwesens.
Der heutige Eigentümer, ein Stuttgarter Immobilienkaufmann, beendete die vorangegangene Entwicklung, indem er Gelände und Gebäudebrache dem damals neugegründeten "Verein für ganzheitliche Bildung" zur Verfügung stellte und damit die Gründung des Wassermannzentrums im Jahr 1987 ermöglichte. Dieses spirituell-therapeutisch orientierte Seminarhaus wurde in seiner Entwicklungsphase mit viel Enthusiasmus von einer Lebensgemeinschaft betrieben. Es entstand ein ökologisches Rahmenkonzept für die Gestaltung des 6 Hektar großen Geländes mit seinen Gebäuden, Wiesen, Wald und den Resten überalterter Obstplantagen. Durch den Geomanten und Künstler Hans-Jörg Müller fand über die allgemeine ökologische Planung hinaus auch eine geomantische Herangehensweise Eingang.

Einstieg in eine geomantische Planung
Eine grundlegende Erstuntersuchung wurde durchgeführt, um die lebensfördernden Kräfte und feinstofflichen Zonen im Landschaftsbild ohne störende Eingriffe anhand der vorgefundenen Gegebenheiten zu erschließen. Hans-Jörg Müller fand eine Vielzahl herausragender Energiephänomene, die er unter dem Sammelbegriff "Einstrahlpunkt" beschrieb: energetische Säulen unterschiedlicher Qualität, die eine Verbindung zwischen Erde und Kosmos schaffen, in Mythen häufig als Weltenbaum oder Omphalos (Nabel der Welt) bezeichnet. Darüber hinaus stellte er einen zentralen energetischen Sakralbereich sowie die Beeinflussung durch mehrere großräumige Resonanzphänomene (geomantische Zone, Ley-Line etc.) fest. Diese Phänomene spielten eine besondere Rolle für die Bewohner des Ortes wie auch für die erste Geomantie-Ausbildungsgruppe von Hagia Chora, die sich im Wassermannzentrum auf praktischer Ebene einbrachte. Zunächst beschränkten sich die Aktivitäten jedoch auf punktuelle Arbeit verschiedener Praxisseminare, wobei die Beseitigung von Altlasten, wie Müll und Zäune, die Arbeit an Einzelplätzen und vor allem die Planung und Entwicklung einer zentralen Brunnenanlage im Vordergrund standen.Dies war die Situation des Projekts im Spätsommer 1994, als ich zum ersten Mal in Berührung mit dem Ort und der Thematik der Geomantie kam. Hinter mir lagen Jahre konventioneller gärtnerischer Tätigkeit, vor allem aber mehr als drei Jahre gute und schlechte Erfahrungen beim Mitaufbau einer Jugendbildungsstätte sowie eines ökologischen Jugendbeschäftigungsprojektes in den neuen Bundesländern. Um- und Neuorientierungsbedürfnisse führten mich ins Wassermannzentrum und zur Bekanntschaft mit Hans-Jörg Müller. Innerhalb kürzester Zeit wurde ich Teilnehmer der ersten Ausbildung in Geomantie und fand ein neues Aufgabengebiet in der landschaftsgärtnerischen Betreuung des Wassermann-Geländes sowie in der Mitorganisation der dort periodisch geplanten Werkschulen. Doch so attraktiv die Aufgabe und die Bedingungen vor Ort zunächst schienen, so konfrontierte mich meine Übersiedelung ins Wassermannzentrum mit anfangs schier unlösbaren Problemen. Für mich, den geomantischen Laien, war wenig spürbar von den besonderen, den Ort prägenden Energien. Die konzeptionellen Planungen erlebte ich nur als zaghafte, weitgehend unvollendete Gestaltungsansätze in der Landschaft. Vor allem sah und fühlte ich die beschriebenen Altlasten noch in vielfacher Form präsent. Die das Wassermannzentrum umgebende Naturlandschaft, die Wälder und Schluchten, wirkten unzugänglich und chaotisch. Insgesamt nahm ich sehr deutlich einen Mangel an weiblicher Qualität wahr. Obwohl der Seminarhausbetrieb gut funktionierte und der Alltag durch lockere Umgangsformen geprägt war, erschien mir das Wesen des Geländes nicht wirklich beachtet, nicht integriert zu sein. Es dominierte eine geradlinige Herangehensweise, die mehr an Zweckmäßigkeit orientiert war als an intuitivem Verständnis für die tieferen Bedürfnisse des Lebensraumes. Dem schien mir auch die Orientierung der damaligen Gemeinschaft zu entsprechen, deren "Noch-Miteinander" lediglich freundlich-funktionale Ansätze bot, anstatt die ehemalige Vision einer spirituell-ökologischen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft zu realisieren. Meine eigenen Gefühle angesichts der zu leistenden Aufgabe waren von Hilflosigkeit, Rückzug und Energieverlust geprägt. Schmerzliche partnerschaftliche Prozesse spiegelten in meinem privaten Erleben, was mir am Ort begegnete und wie ich mich ihm gegenüber verhielt. Das Vertrauen in meine Lebensenergie, der Lebensenergie schlechthin, half mir schließlich zurück in die Aktivität, wenn auch nicht bei der Lösung des Problems.

Der Erfahrungsrundweg entsteht
Dass mit Hans-Jörg Müllers Erstuntersuchungen bereits ein fundiertes Konzept des Vorhandenen wie auch des zu Entwickelnden vorlag, bedeutete einerseits für die Ausbildungsgruppe einen guten Einstieg, erleichterte aber nicht unbedingt den beginnenden Gruppenprozess des unvoreingenommenen Herangehens und der Eigeninitiative. Aus der zum Teil schmerzhaften Reibung vielseitiger Begabungen und Wahrnehmungsempfindungen entwickelte sich gleichwohl ein facettenreicher, kritischer, aber auch lustvoller Erfahrungs- und Gestaltungsprozess. Dabei kamen von der Radiästhesie über die variantenreiche feinstoffliche Wahrnehmung, von Techniken der klassischen Landschaftsinterpretation bis zum kartographischen Erfassen von Großraumphänomenen oder der Beurteilung der Landschaftsäther eine Vielzahl von Untersuchungsmethoden zur Anwendung. Das Gelände des Wassermannzentrums erwies sich als sensibler Organismus mit einer hohen inneren Organisation. In seiner Himmelsnähe und scheinbaren Weltentrücktheit öffnet er einen sakral wirkenden Raum, der sich auch im Landschaftsbild deutlich ausgestaltet. Basis ist eine ost-westlich verlaufende "sakrale Linie", die als stabiles Rückgrat zwei gegenüberliegende Pole des Geländes verbindet. Eine Lichtung im westlichen Waldgebiet repräsentiert den Pol der Erdenseele und verströmt als "Erdmutterplatz" ihre Energie in den weiten Raum eines Wiesengeländes. Dem entgegen wirkt das im Osten gelegene, von einem Ringwall geformte Bergplateau mit einem fischförmigen Teich als Pol einströmenden kosmisch-geistigen Christusbewusstseins. In der Verbindung beider Orte erscheint das Bild einer "Landschaftskathedrale", die ihre materielle Entsprechnung im Vereinigungsstreben männlich-weiblich geprägter Polaritäten findet. Soweit die Wahrnehmungen Hans-Jörg-Müllers, der neben dem Phänomen der bereits beschriebenen Einstrahlpunkte eine das Gelände westlich begrenzende Großraumverwerfung sowie eine den zentralen Seminarhausbereich durchlaufende "geomantische Zone" (Teil eines Großraumresonanzgitters) als energetische Grundstruktur beschreibt. Die Menge dieser Energieerscheinungen zu verstehen, zu ordnen und organisch zu verbinden, sollte Aufgabe eines Erfahrungsrundweges werden, dessen Entwicklung und Ausgestaltung als erste Aufgabe der Ausbildungsgruppe galt. Dazu war es nötig, an mehreren Stellen den verschlossenen Wald behutsam zu öffnen, reale und energetische Brücken zu schaffen, dem spielerischen Schwung des Ortsäthers folgend zu pflanzen, anzubinden, zu beleben. Härte und Geradlinigkeit, deren Überbetonung jenen abweisenden Inselcharakter des Geländes begründet hatte, mussten Raum abgeben für das Runde, Weiche, Geborgene, das sanfte Mäandrieren der Plätze und Wege. Der organischen Anlage der Wege kam eine besondere Bedeutung zu: Wege, die federnden Waldboden bestrichen, deren Schwung aus dem umgebenden Wiesenland herausgemäht wurde oder deren heller Kalksplitt wie ein Leitmotiv die Richtung wies und gleichzeitig die Schwere des Untergrundes milderte. Mit einem pulsierenden Blutkreislauf vergleichbar, ist die Begehbarkeit, das Fließen des Weges seitdem der Schlüssel zum Mitschwingen im Hinauf und Hinab der Ortsenergie. Durch die gemeinsame Anbindung der verschiedenen Plätze an den Weg als Organ des Gesamtorganismus hat der Ort eine zusätzliche energetische Aufladung erfahren.

Heilungsarbeit
Nachdem das polare Missverhältnis der Anfangszeit nun in Bewegung geraten war, zeigte das Aufräumen, Entwirren und Bewusstmachen erste Heilungserfolge. Das zentrale Anliegen der weiteren Arbeit bestand fortan darin, an den Wesenskern der Polaritäten zu gelangen. Die Aufgabe war, durch Schutz und Anerkennung des Weiblichen, des Nährend-Mütterlichen, am Ort eine wirkliche Heimat zu entstehen zu lassen. Als notwendig letzter Schritt stand dahinter das intensive Bedürfnis, den noch fehlenden, den Ort charakterisierenden und behütenden Ortsgeist, den Genius Loci, zu erlösen. In ihm, so die allgemeine Überzeugung, sollte das Vereinigungsstreben der polaren Prinzipien letztendlich zur energetisch-landschaftlichen Qualität reifen. Immer wiederkehrend schälte sich das Grundmotiv der Polaritäten und ihre Durchdringung (Yin und Yang) aus Struktur und Energiedichte der Landschaft heraus. Dies beginnt bereits in den bewaldeten Schluchten des Nordhangs, wo die urweibliche Trinität aus Jungfrauenquelle, Walfisch- und Hollengrotte den wässrigen Kontrast zum jähen Abgrund der "Wilden-Mann"-Schlucht bildet. Dort hingegen scheinen Riesen zu wohnen, wachsen mächtige Bäume pfeilgerade und phallisch in den fernen Himmel, während andere zerschmettert in der Tiefe liegen. Im Zentrum des weltlichen Lebens, dem Innenhof des Seminarhauskomplexes, wo die Kraft der "geomantischen Zone" räumlich aufgefangen und konzentriert wird, sollte in Gestalt des seit langem unvollendeten Brunnens ein Omphalos entstehen. Kompetenz- und Finanzprobleme verhinderten im Äußeren die Vollendung und standen damit stellvertretend für einen nach wie vor latenten Mangel des erwähnten Miteinanders, welches der Brunnen symbolisieren sollte.

Transformationsprozesse
In geistiger Nachbarschaft zum Teichplateau, dem für das einströmende Christusbewusstsein weit geöffneten Chorraum der Landschaftskathedrale, war der "Rosenplatz" ein weiterer Kristallisationspunkt der Gruppenarbeit. Dieser Einstrahlpunkt, der selbst das venusische, mütterliche Prinzip verkörpert, besaß bereits eine noch nicht ganz erweckte Verbindung zu zwei weiteren weiblichen Einstrahlpunkten, dem Sophienplatz mit seiner jungfräulichen Energie und dem seine Urkraft ausschüttenden Erdmutterplatz. Das Modell einer innerirdischen Skulptur bot den künstlerischen Ansatz für eine Zusammenführung dieser drei Energien, so dass ein Yin-Aspekt die Yang-Prägung des Teichplateaus ergänzte. Durch die Verletzung der Erdreiches (ein Loch von 2 Metern Tiefe und ebensolchen Durchmessers) und die halbjährige Dauer des Gesamtprozesses wurde das Thema verletzter Weiblichkeit unfreiwillig transparent und kritisch hinterfragt. Die Vollendung der Arbeit geschah dann mit einem Höchstmaß an Behutsamkeit und Heilkraft. So entstand ein Kanal für das Zusammenströmen der drei weiblichen Kräfte in einer Kesselauswölbung. Der Rosenplatz wurde zu einem Ort der Wiedergeburt und des Heilwerdens. Eine Umpflanzung mit Rosengewächsen als Ergänzung der inwendigen Arbeit vermittelte diese Stimmung auch im Äußeren.
Während der Arbeiten am Rosenplatz wurde fast beiläufig auf dem höchsten Punkt des Geländes die Entstehung eines neuen Einstrahlpunktes radiästhetisch ermittelt. Seine einströmende Sonne-Jupiter-Qualität bildete eine unmittelbare Polarität zu einem Strang aufsteigender Erdmutterkraft in nur 2 bis 3 Metern Entfernung. So bot sich die große Chance, eines der wichtigsten Ziele der geomantischen Arbeit auf dem Hengstberg zu verwirklichen: die kosmischen Kräfte mit der Erdkraft zu vereinen, und so eine Heimat für den bislang fehlenden Genius Loci zu schaffen. Als eine der letzten gemeinsamen Arbeiten entstand aus dem Ergebnis der Untersuchungen mit Schlüsselblumenessenz (Vereinigungsqualität) ein großer, von Sandsteinen eingefasster Kreis, der um eine im Urzustand belassene Mitte ein Trockenrasenbett erhielt. Die Polaritätspunkte wurden als flache Kiesmulden angedeutet. Nach einer relativ kurzen Ruhezeit konnte die Gruppe radiästhetisch den Erfolg ihrer Arbeit bestätigt sehen. Die vormalige Polarität hatte sich zugunsten der Vereinigungsqualität aufgelöst. Der ermittelte Boviswert (energetische Maßeinheit) wies die enorme Höhe von 18500 BE auf. Auf der energetischen Ebene war somit ein Abschlussergebnis erzielt worden, und mit dem Ende der Geomantie-Ausbildung fand auch die Werkschulaktivität auf dem Hengstberg ihr vorläufiges Ende. Auch ich verließ nach zweijährigem Aufenthalt das Wassermannzentrum, um mich nach der Geburt meines Sohnes dem Familienleben zu widmen. Für zwei weitere Jahre fiel der Hengstberg im geomantischen Sinne in eine Art Dornröschenschlaf zurück.

Neue Wege
Nachdem ich meine persönliche Variante beruflicher und schließlich auch privater Freiheit verwirklicht und durchlitten hatte, lockten erneut die soziale und landschaftliche Anziehungskraft und die brachliegenden Aufgaben im Wassermannzentrum. Nach exakt zwei Jahren kehrte ich unter veränderten Umständen an einen veränderten Ort zurück. Mein Eindruck nach der Rückkehr war, dass der Wunsch, die weibliche Komponente in der Landschaft zu fördern, tatsächlich Früchte getragen hatte. Es waren auch von der ehemaligen Gemeinschaft vor allem die Frauen geblieben - Frauen, deren unterschiedliche Individualität interessanterweise Parallelen aufwies zu den Aspekten der drei in der Landschaft beheimateten Göttinnen. Als einziger am Ort wohnender Mann versuchte ich, eine emotionale und soziale Balance zwischen den dominierenden Frauen zu finden. Vor allem aber erfüllte mich die "männliche" Aufgabe, im Gelände die vermisste Klarheit der energetischen Bezüge schonend zu beleben, es begehbar, wahrnehmbar zu machen, dem Gestaltlosen Gestalt zu geben. Mit den einfachen Mitteln der Aufmerksamkeit, unaufdringlicher Pflege und harmonischer Ergänzung des Vorhandenen betonte ich die Besonderheit einzelner Plätze. Der Rundweg, spielerisch von Topographie und Vegetation geführt, gab dem Gesamtkreislauf Form und Verbindung. Fast von selbst ergab sich eine ungewöhnliche Ausgewogenheit von Yin- und Yang-Bereichen im Großen wie im Kleinräumigen. In seinem Schwingen, Fließen und Ruhen spiegelt dieser Landschaftsorganismus einen Zustand, dem ich mich als Mensch zutiefst verbunden fühle. Ich versuchte als innere Übung, mich diesem Zustand anzunähern, er ist Spiegel und Übungsfeld für den weitaus schwierigeren Umgang mit meinen inneren Wiesen und Wäldern, den dunklen Dornenpfaden und lichten Sonnenmomenten. Verschiedene Plätze finden ihre Entsprechung in bestimmten Gemütszuständen. In dem Maße, in dem ich selbst offen bin, kann ich mich der Qualität des jeweiligen Ortes öffnen und finden, was ich gerade brauche: Trost, Heilung, Herausforderung ... So bin ich in der absoluten Tiefe und Stille der "Höllengrotte" auch bei meinen tiefsten Ängsten und Schmerzen oder meiner Wut zu Gast. Dort kann ich ungehemmt schreien. Die mächtigen Steine nehmen es auf, das Wasser trägt es fort. Wenn ich dagegen himmel- und sonnennah mich im inselhaften Chor des Teichplateaus aufhalte, kann ich mich entspannen, kreativ sein. Zwischen diesen beiden Polen trägt der Drachenrücken des Hengstberges die ganze Vielfalt seelischer Prozesse. Überall nehme ich etwas mit, lasse etwas zurück, leise, unspektakulär. Die Naturwesen sind gegenwärtig, und ein Engel behütet jeden Ort. Ich sage dies, ohne mich auf außersinnliche Wahrnehmungen zu berufen, doch mit dem Wissen um die Realität helfender Kräfte. Im Verlauf unserer gemeinsamen Entwicklungszeit wandelte sich eine ambivalente Hassliebe zu diesem Ort in liebevolle Vertrautheit. Der Hengstberg wurde für mich zum zweiten, erweiterten Körper, zum zweiten Ich. In meiner jetzigen Situation gehe ich mit vielen akuten Lebensfragen schwanger, spüre häufig schmerzhaft meine Nabelschnur, ohne wirklich gebären zu können. Vielleicht ist die Lehre, die ich ziehen soll, zur rechten Zeit dieses Ersatz-Ich loszulassen. In diesem Sinn ist es auch für mich als sinnreiche Entwicklung zu begrüßen, dass es das Wassermannzentrum nach Abschluss des Jahres 2000 nicht mehr geben wird. Die Entscheidung des Eigentümers, Gebäude und Gelände zum privaten Wohnsitz umzubauen, ist klar und weitgehend in Harmonie mit den Menschen vor Ort. Für das Gelände könnte der Einfluss der klaren Yang-Energie des Immobilienmaklers eine gesunde Verbindlichkeit und Beruhigung einleiten, zumal der Eigentümer die bisherige Gestaltung behutsam in die neue Nutzung integrieren möchte. Durch die Privatisierung kann der Genius Loci womöglich zu seinen eigenen inneren Werten zurückfinden, statt wie bisher die Bedürfnisse vieler Heilungssuchender zu assimilieren. Alle, die wie ich mit dem Wassermannzentrum eine Heimat verlieren, haben jetzt die Möglichkeit, zu ihrer persönlichen Wirklichkeit und Heimat zu finden. Statt Verdrängung oder Projektion ist Eigeninitiative gefordert. Es gab Gemeinschaft, Gemeinsamkeiten und schließlich ein Team von Individualisten an einem wunderschönen Ort. Nun geht jeder von ihnen seinen nächsten Schritt selbständig in eine neue Welt.