Argentinien ist ganz nah

Wie könnte ein kulturell kreatives Geldsystem aussehen?

von Elisabeth Gründler erschienen in Hagia Chora 14/2002

Geld gehört zu den Kulturgütern, die in einer integralen Kultur neu überdacht werden müssen. In welche neuen Werte wir Geld verwandeln können, hängt jedoch nicht nur von unserem guten Willen ab, sondern einstweilen von den internationalen Verflechtungen des Geldmarkts. Das hat mit Geomantie zu tun: Ein gesundes Gefühl für unseren Planeten kann vor dieser Erkenntnis nicht Halt machen.

Wird die Bank geschlossen - und nach der Bankenaufsicht ist dies wegen Überschuldung erforderlich -, gibt es in der ganzen Stadt drei Wochen lang kein Geld mehr. Niemand kann mehr einkaufen, die Wirtschaft bricht zusammen. Die Bundeswehr wird einrücken, um die Ordnung zu sichern und mit Feldküchen die Bevölkerung zu versorgen." Nicht von Argentinien ist hier die Rede. Mit solchen Horrorszenarien wurden die Volksvertreter Berlins in nichtöffentlicher Sitzung eingeschüchtert. Fast einstimmig votierten die Vertreter der SPD/PDS-Koalition am 5. April 2002 für ein Ermächtigungsgesetz (sic!), mit dem das Land Berlin 21 Milliarden Euro Schulden der Berliner Bankgesellschaft übernimmt - zusätzlich zu den 21 Milliarden, die bereits den Berliner Haushalt belasten. Nur vier Abgeordnete weigerten sich, die Berliner Bevölkerung der Schuldenfalle auszuliefern - denn die muss jetzt mit ihren Steuern dafür aufkommen. Die privaten Renditen von Anteilseignern fragwürdiger Immobilienfonds werden nun direkt vom Staat bezahlt. 300 Millionen sollen im Jahr 2003 in Berlin an Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern und öffentlichen Dienstleistungen eingespart werden. Kein Geld mehr - oder die völlige Entwertung des Zahlungsmittels, weil der staatliche Garant untergegangen ist oder keine Autorität mehr besitzt - diese Vorstellung ist für Menschen, die in einer Marktwirtschaft leben, der Schrecken schlechthin. Ohne Geld kommt alles wirtschaftliche Handeln zum Erliegen, die gesellschaftlichen Strukturen brechen zusammen. Beispiele dafür kennt die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts zur Genüge: Die Inflation nach dem ersten Weltkrieg sowie die Entwertung der Reichsmark nach 1945 mit den anschließenden vier Jahren Zigarettenwährung und Schwarzmarkt. Geldkrisen sind immer auch Systemkrisen. Die D-Mark war in der DDR längst die Zweitwährung, bevor dieser Staat, vollkommen überschuldet, zusammenbrach. Geldkrisen sind keine vereinzelten Ereignisse vergangener Epochen. Etwa 90 zählt die Statistik der OECD in den letzten 30 Jahren: Mexiko 1995, Asien 1997, Russland 1998. Ecuador musste 2000 die eigene Währung aufgeben und wurde dollarisiert - um den Preis einer weiteren brutalen Verarmung. Argentinien wehrt sich noch, Brasilien, am Tropf des Weltwährungsfonds, ist der nächste südamerikanische Dominostein.

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