Genius und Daimon

Die antiken Wurzeln der Idee vom "Geist des Ortes"

von Marco Bischof erschienen in Hagia Chora 6/2000

Eine der zentralen Ideen in der Geomantie ist die Vorstellung von einem Genius Loci. Der Begriff wird zur Erklärung unterschiedlichster Phänomene herangezogen und dient als bequeme Worthülse für eine Fülle von nur schwer differenzierbaren Wahrnehmungen im Bereich der Wechselwirkungen zwischen unserer Persönlichkeit und dem uns umgebenden Raum. Marco Bischof sieht einen der wichtigsten Gründe für die Vielfalt von Denk- und Sprechweisen über den Genius Loci in der Unkenntnis über die Herkunft und ursprüngliche Bedeutung des antiken Begriffs. In seinem Beitrag zeigt er, wie das Genius-Loci-Konzept durch seine Bezüge zur griechischen Vorstellung des Daimon an Deutlichkeit und Tiefe gewinnt.

Der Begriff des Genius Loci ist seit einiger Zeit vielfach im Gespräch, vor allem seit ihn der norwegische Architekturtheoretiker Christian Norberg-Schulz 1980 in seinem gleichnamigen Buch zur Kennzeichnung seines phänomenologischen Ansatzes in der Untersuchung des Verhältnisses von Architektur und Landschaft verwendet hat. Er spielt nicht nur in der Geomantie eine Rolle, sondern wird in den verschiedensten Disziplinen, neben der Architekturtheorie unter anderem auch in der Humangeographie, ökopsychologie, Garten- und Landschaftsgestaltung, Religionswissenschaft, Archäologie und Literaturwissenschaft verwendet. Bereits eine flüchtige Recherche zeigt, dass der Begriff auch im Internet in allen möglichen Zusammenhängen auftaucht, vom Prüfungsthema an Architekturabteilungen von Universitäten bis zur Musikgruppe, die sich nach ihm nennt. Robert Kozljanic weist darauf hin, dass dabei auf den ersten Blick fälschlicherweise der Eindruck entsteht, man hätte es immer mit den gleichen Begriffen, Ansätzen und Phänomenen zu tun. "Es handelt sich um verschiedene Diskurse, die jeweils unter Genius loci etwas anderes verstehen. Die Palette reicht dabei von der rein metaphorischen und rhetorischen Bedeutung des Wortes über die geschichtliche eines an einem Ort erscheinenden Zeitgeistes und eines soziokulturell konstruierten Ortsgeistes , ferner über die Bedeutungen von ökologischen, ästhestischen und synästhetischen Qualitäten von Orten bis hin zu ortsgebundenen Energiefeldern und ortsansässigen Naturgeistern."
In altertumswissenschaftlichen Nachschlagewerken und Fachbüchern über römische Religion findet sich zwar recht vieles über den Begriff des Genius, jedoch nur Spärliches über den spezifischen Genius Loci. Es bleibt deshalb die Aufgabe, herauszuarbeiten, was am Konzept des "Genius" für den ortsbezogenen Genius, und damit für die Geomantie, von Bedeutung ist.