Moderne Genialogie
Eine vergessene Tradition der Geomantie als Lebenswissenschaft
Bei der geomantischen Arbeit mit dem Genius Loci sind so viele Ansätze zu beobachten wie es persönliche Wahrnehmungsweisen gibt. Die Vielfalt macht einerseits das Themengebiet lebendig. Andererseits scheint es geboten, Elemente einer gemeinsamen Sprache zu finden, um sich ohne Missverständnisse über einen Bereich mitteilen zu können, der für das Wohlbefinden relevant ist. Hans-Jörg Müller leitet aus seiner künstlerischen und planerischen Tätigkeit das Modell einer Genialogie ab.
(Zu diesem Artikel ist das ungekürzte !-Original-Manuskript-(http://www.geomantie.net/downloads/archiv/genialogielang.html)-! vorhanden)
Die Berücksichtigung des Genius Loci - mit wechselndem Verständnis und immer wieder erfolgender Neubewertung - ist eines der bedeutenden Grundthemen der abendländischen Architektur, das alle Epochen begleitet. Bislang erscheint der Genius-Begriff mehr eine Metapher zu sein, ein Mittel der Poesie, eine Kategorie des Architekturtheoretikers, ein Konstrukt, um nicht an Einzelmerkmalen festmachbare Landschaftskonstellationen benennbar zu machen. Fragen wir heute nach dem Genius Loci, führt uns das in den Versuch der Beschreibung einer irgendwie vagen, nur poetisch fassbaren Ortskontinuität - oder es führt in den Bereich der Engel und Geister. In seinem Entstehungsraum ist er jedoch immer als seelenhaftes Wesen verstanden worden. Die Römer, die den Begriff prägten, glaubten an das Wirken einer ortsgebundenen geistigen Macht. Ursprünglich war der Genius ein Begriff für die menschliche Seele, die sich in Charakter, Zeugungskraft und Lebensenergie äußerte (siehe Marco Bischofs Beitrag in diesem Heft). Sein geistiger Charakter wird deutlich in der Vorstellung, dass der unsterbliche Genius auch nach dem Tode fortlebt, während die Manen (vergleichbar der esoterischen Idee der emotionalen Seelenhülle) im Schoße der Erde hindämmern. Später erst wurde der Begriff auf die Welt der ortsspezifischen Geister übertragen. Für jeden Gegenstand, jede Tätigkeit und jeden Ort gab es bald einen Genius oder Gott: Häuser, Ställe, Stadtteile, Tempel, Flure, besondere Orte und Landschaften kannten alle ihren eigenen Geist. Conus diente dem Schutz der geernteten Feldfrüchte, Robigus verhinderte den Getreidebrand, Pales war die Schutzherrin der Schafherden und Ianus war der Gott der Türen, Tore und Durchgänge.
Es ist nicht von ungefähr, dass der Genienbegriff aus Rom stammt, fehlt doch den römischen Göttern die persönliche Geschichte, die "psychologische" Dimension. Aufgabe der römischen Religion war es vielmehr, eine stabile und erfolgversprechende Beziehung zwischen den Göttern und dem Staat aufrechtzuerhalten. Grundlage für rituelle Handlungen, um die Gunst der Götter zu erhalten, waren zum einen die Weisungen der disziplina etruska, ein Komplex von Normen und Riten, in welchem alle Angelegenheiten des öffentlichen Lebens geregelt waren, zum anderen die Sibyllinischen Bücher, die empfahlen, welche Götter in Notzeiten günstig zu stimmen seien.
Um den vollständigen Artikel zu lesen, bitte melden Sie sich hier mit Ihren Daten an:
Sie sind bereits Abonnent?
Klicken Sie hier um Ihren kostenlosen Zugang zu aktivieren.
Sie sind kein Abonnent?
Abonnieren Sie hier.