Moderne Genialogie

Eine vergessene Tradition der Geomantie als Lebenswissenschaft

von Hans-Jörg Müller erschienen in Hagia Chora 6/2000

Bei der geomantischen Arbeit mit dem Genius Loci sind so viele Ansätze zu beobachten wie es persönliche Wahrnehmungsweisen gibt. Die Vielfalt macht einerseits das Themengebiet lebendig. Andererseits scheint es geboten, Elemente einer gemeinsamen Sprache zu finden, um sich ohne Missverständnisse über einen Bereich mitteilen zu können, der für das Wohlbefinden relevant ist. Hans-Jörg Müller leitet aus seiner künstlerischen und planerischen Tätigkeit das Modell einer Genialogie ab.

(Zu diesem Artikel ist das ungekürzte !-Original-Manuskript-(http://www.geomantie.net/downloads/archiv/genialogielang.html)-! vorhanden)

 Diesen Artikel als Adobe Acrobat PDF herunterladen (851 KB)

Die Berücksichtigung des Genius Loci - mit wechselndem Verständnis und immer wieder erfolgender Neubewertung - ist eines der bedeutenden Grundthemen der abendländischen Architektur, das alle Epochen begleitet. Bislang erscheint der Genius-Begriff mehr eine Metapher zu sein, ein Mittel der Poesie, eine Kategorie des Architekturtheoretikers, ein Konstrukt, um nicht an Einzelmerkmalen festmachbare Landschaftskonstellationen benennbar zu machen. Fragen wir heute nach dem Genius Loci, führt uns das in den Versuch der Beschreibung einer irgendwie vagen, nur poetisch fassbaren Ortskontinuität - oder es führt in den Bereich der Engel und Geister. In seinem Entstehungsraum ist er jedoch immer als seelenhaftes Wesen verstanden worden. Die Römer, die den Begriff prägten, glaubten an das Wirken einer ortsgebundenen geistigen Macht. Ursprünglich war der Genius ein Begriff für die menschliche Seele, die sich in Charakter, Zeugungskraft und Lebensenergie äußerte (siehe Marco Bischofs Beitrag in diesem Heft). Sein geistiger Charakter wird deutlich in der Vorstellung, dass der unsterbliche Genius auch nach dem Tode fortlebt, während die Manen (vergleichbar der esoterischen Idee der emotionalen Seelenhülle) im Schoße der Erde hindämmern. Später erst wurde der Begriff auf die Welt der ortsspezifischen Geister übertragen. Für jeden Gegenstand, jede Tätigkeit und jeden Ort gab es bald einen Genius oder Gott: Häuser, Ställe, Stadtteile, Tempel, Flure, besondere Orte und Landschaften kannten alle ihren eigenen Geist. Conus diente dem Schutz der geernteten Feldfrüchte, Robigus verhinderte den Getreidebrand, Pales war die Schutzherrin der Schafherden und Ianus war der Gott der Türen, Tore und Durchgänge.
Es ist nicht von ungefähr, dass der Genienbegriff aus Rom stammt, fehlt doch den römischen Göttern die persönliche Geschichte, die "psychologische" Dimension. Aufgabe der römischen Religion war es vielmehr, eine stabile und erfolgversprechende Beziehung zwischen den Göttern und dem Staat aufrechtzuerhalten. Grundlage für rituelle Handlungen, um die Gunst der Götter zu erhalten, waren zum einen die Weisungen der disziplina etruska, ein Komplex von Normen und Riten, in welchem alle Angelegenheiten des öffentlichen Lebens geregelt waren, zum anderen die Sibyllinischen Bücher, die empfahlen, welche Götter in Notzeiten günstig zu stimmen seien.
Auch die Stadt besitzt nach römischem Verständnis einen Genius, meist umgesetzt als menschliche Skulptur, seine Attribute sind Füllhorn und Mauerkrone, was sich in einzelnen Fällen noch bis ins hohe Mittelalter tradiert. Diesem Schema liegt die Vorstellung zugrunde, dass die Stadt selbst einen Lebensweg durchschreitet, vergleichbar dem menschlichen Leben. Deutlich wird dies am Versuch des Lucius Tarentira Firmanus, aus dem Gründungstag der Stadt Rom mittels astrologischer Berechnung ihren Genius und damit ihr künftiges Schicksal abzuleiten. Im dritten Teil der disciplina etruska, den libri rituales, sind die städtischen Bauprinzipien festgelegt, welche den Bezug von Stadtgründung, Orientierung, Mitte und Genius enthalten. Plutarch berichtet: "Es wurde nämlich auf dem jetzigen comitium eine runde Grube gemacht, und man legte in dieselbe Erstlinge von allen Dingen . Zuletzt warf jeder eine Handvoll Erde, die er aus dem Lande, aus welchem er gekommen war, mitgebracht hatte, hinein . Eine solche Grube heißt bei den Römern, ebenso wie das ganze Weltgebäude, mundus. Hierauf zeichnete man um sie, wie um den Mittelpunkt eines Kreises, den Umfang der Stadt." Mit diesem mundus war die Stadtumgrenzung wie die Orientierung und Aufteilung der Fläche in ein Straßenkreuz durch die Hauptachsen cardo und decumanus fixiert. Der im Schnittpunkt beider gelegene mundus wurde als Schacht in die Unterwelt bzw. Oberwelt verstanden. Ihm entstiegen - über die axis mundi - die Geister der Verstorbenen. Das Zentrum ist die vertikale Verbindungsachse zum jenseitigen Raum, hier als "Weg der Seelen". Dieser Punkt ist aber auch gleichzeitig der Sitz des Genius, der später an dieser Stelle erscheint.
Die nach solchen Prinzipien kultisch "richtig" angelegte Stadt ist folglich nicht in erster Linie das Gehäuse eines Wohn- und Wirtschaftsverbandes, sondern geheiligte Mitte einer von Göttern geführten und gehaltenen Welt.
Deutlicher noch wird die Vorstellung von der Genienwirksamkeit in der eigentümlichen Art der Zeitrechnung der Etrusker, welche zum festen Bestandteil der disciplina etruska gehört: Wie der Mensch von Alterstufe zu Alterstufe auf seinen Tode hinlebe, so besäßen nach ihrer Auffassung auch die einzelnen Völker Anfang und Ende und eine vorbestimmte, in sich gegliederte Dauer, während derer sie wachsen, blühen und dahinschwinden. Zehn säkula sollen den Etruskern beschieden sein, und es ist eine geschichtliche Erstaunlichkeit, dass das Etruskertum als kulturelle und geschichtliche Erscheinung - als Wesen - tatsächlich verschwindet und in das römische Imperium aufgeht, als nach dieser Lehre sein Geschick erfüllt war. Solches Denken ist typisch für eine Wahrnehmung eines beseelten (nicht: personifizierten) Kosmos. Alles, was als übergeordnetes Ganzes erlebt wird - auch eine Epoche - wird als eigenständig Wesenhaftes verstanden.
Für das architektonische Verständnis der Römer ist nun entscheidend, dass Form und Ausprägung der Landschaft wie ihre Atmosphäre dem Genius zugeschrieben werden und damit in einen kultisch-religiösen Kontext eingebunden sind. Widersprach man dem Genius, erregte dies seinen Zorn, die Kraft des Ortes erlosch. Arbeitete man mit dem Genius, war die Voraussetzung für Wohlstand, Glück oder Geistigkeit des Raumes gegeben. Hinter dem heutigen Genius-Begriff - als architektonisches und städteplanerisches Konzept - verbirgt sich somit das Relikt einer seit der Antike immer wieder tradierten oder neu begründeten Geomantiepraxis, die versuchte, Architektur und Gestalt der Landschaft als konkreten Ausdruck des Genius-Wesens zu realisieren. In die ähnliche Richtung gehen die Land-Art oder die Impulse Heideggers, Heinz Wetzels und Christopher Alexanders: Regionaltypische oder aus dem Ort entwickelte Formen und Materialien werden als Sprache, als regionale pattern language der Landschaft gedeutet und in einen modernen Gestalt-Kontext integriert. Diese Ansätze dürfen aber nicht verwechselt werden mit der Geomantie, die behauptet, dass bestimmte Landschaften unter einem "gewissen Stern" stehen - der Formen, Licht, Intention einer Region bestimmt - oder eben von der regionalen Erden-Gottheit wesenhaft gestaltet werden.
So darf der Genius-Begriff nicht zu unzulässigen Vereinfachungen führen im Sinne einer oberflächlichen Kopie regionaltypischer Formen, was bekanntlich zum heute auffälligen Tourismus-Kitsch führt, im schlimmeren Falle zu architektonischer Erstarrung.
Für die von mir als Genialogie benannte Disziplin bietet sich die Perspektive esoterischen Hierarchiedenkens an: Wie es heute eine Wissenschaft des Materiellen gibt, so hat es in fast allen alten Kulturen eine Wissenschaft der Lebenskräfte gegeben. Auch in den klassichen Religionen findet sie sich indirekt oder als Geheimlehre wie die Lehre der Schechina im Judentum oder die Engel- und Dämonenlehre im Christentum. Eine Vielzahl an schriftlichen Hinterlassenschaften können hier eine heutige Praxis in der Geomantie untermauern.

Grundlagen einer heutigen Genialogie
Wenn der heutige Architekt oder Stadtplaner vom "Genius" spricht, meint er meist etwas Vages - etwas Stimmung, Atmosphäre und Geschichte Zusammenfassendes. Aus Sicht der Geomantie muss dies weiter präzisiert werden.
Naturwesen und Genien sind der seelische Aspekt einer Pflanze, eines Steins, eines Ortes. Analog dem Körper-Seele-Geist-Verständnis hat jedes manifestierte Lebewesen einen mehr oder minder ausgeprägten Anteil an diesen Aspekten.
Der Genius Loci hat seinen Körper im Ort, sei es eine Quelle, ein Berg, der eine eigene Identität (nicht gleichzusetzen mit dem individuellen Ich-Bewusstsein!) besitzt. Die ortsgebundenen Naturwesen sind allerdings nicht vollständig mit ihrem Körper identifiziert und können sich bisweilen davon lösen, kehren aber immer wieder zu ihm zurück.
Der Genius Loci identifiziert sich mit dem Raum. Identifikation meint im psychologischen Sinne die Gleichsetzung, die Übernahme der Motive und Eigenschaften eines anderen in das eigene Ich. So bildet sich eine Einheit, die jedoch nur bestehen kann, solange der Ort die Intention des Genius erfüllt. Tut er dies im Laufe seiner Geschichte nicht mehr, kann der Genius verschwinden.
Der Genius lebt im begrenzten Raum. Schon bei Griechen und Römern ist es immer ein klar definierter, bisweilen umfriedeter Raum, in dem der Genius weilt. Quelle, Fels, Berg, Skulptur, Haus, Tempel und Stadt sind solche klar abgegrenzten, von der Umgebung auf eine bestimmte Weise immer differenzierte Räume. Man müsste besser sagen: es handelt sich um Organe des lebendigen Raumes, um in sich geschlossene Einheiten.
Der Genius lebt in der ihm eigenen (Atmo-)Sphäre. Als immaterielles Wesen kann er gar nicht in einem Raum existieren, der ihm nicht - im ursprünglichen Sinne des Wortes - sympathisch ist.
Der Genius besitzt Wesensglieder. Als eine eigentlich nicht räumlich fixierte Intention ist ihm aber ein Kräftefeld beigegeben, durch welches er Raum gewinnt und sich an den Lebenskräftehaushalt der Natur ankoppeln kann. Dieses Feld versuche ich mit den folgenden "Organen" zu beschreiben:
1. Der Identifikationsraum oder die Wirksphäre, womit sich der Genius als Seelenwesen gleichsetzt.
2. Der Konzentrationspunkt oder Fokuspunkt, an dem sich das Bewusstsein des Genius verdichtet. Er befindet sich hier sozusagen in einer stabilen Ruhelage, von der aus er seinen Identifikationsraum "erfühlt". Diese Stelle kann sich innerhalb, aber auch oberhalb oder unterhalb des Raumes der Wirksphäre (z.B. eines Quellbereichs) befinden.
3. Der Ätherraum oder die Präsenzsphäre. Um seinen Fokuspunkt herum konzentriert sich - je nach Art des Wesens - eine bestimmte Form eines Äthers; eine ausgedehnte, hauchartige und oft wolken- oder kugelförmige Lebenskraft. Dieser Ätherraum kann wandern, wenn das Bewusstsein des Wesens zu einer anderen Stelle in seiner Wirksphäre hingezogen wird. Hierin gleicht der Genius dem Engel, welchem auch ein Ätherleib zugedacht ist.
4. Der Aktualisierungspunkt oder Verankerungspunkt ist ein meist künstlich geschaffener "Geniensitz" im Sinne von Objekten wie Steinen, Altären, Fassungen der numinosen Stelle. Dies sind Schnittstellen zum menschlichen Bewusstsein, die wie ein Tor zwischen der energetisch-räumlichen und gedanklich-emotionalen Welt von Mensch und Genius wirken. Oft ist diese Stelle auch mit dem Fokuspunkt identisch; dann hat der Genius dieses geschaffene Element als seinen Sitz angenommen. Dies gilt besonders für "himmlische Genien", die erst durch einen solchen Platz überhaupt langfristig Raum in der Erdensphäre nehmen können. Meist stehen ihre Plätze über eine vertikale Energiesäule mit dem "Ursprungsgenius" in Verbindung. Damit sind manche "Orte des Genius Loci" aus geomantischer Sicht gar nicht Sitz des Genius im eigentlichen Sinne, sondern "Kanal", Zugangsstätte zu ihm. Werden diese Plätze dann stadträumlich oder durch geomantische Installationen (antiker Rundtempel, etruskische Stadtmitte als unterirdische Grube, Genienskulptur auf der Säule) gefasst, aktualisiert sich eine "Unterform", eine regionale Variation des himmlischen Genius. Der Genius ist damit der "kleine Bruder" des höheren Prinzips. Erst dann können wir im eigentlichen Sinne vom Genius Loci sprechen, da er sich dann dauerhaft mit dem ihm umgebenden Raum identifiziert.
Schon Nigel Pennick unterscheidet zwischen dem genius loci, als den im Ort wohnenden oder möglicherweise auch dem Ort oktroyierten Geist, und der anima loci, der Seele des Ortes, die auch die Erinnerungen, die Geschichte des Ortes selbst impliziert. Die Vereinfachung der Nennung eines Genius Loci ist jedoch trügerisch, vielmehr müssen wir für die Erfassung einer komplexen Ortsidentität von einer Genialogie eines Ortes sprechen.

Genienarten
Es fällt auf, dass bestimmte Genientypen in immer gleichem Kontext auftauchen, oft mit analogen Attributen. Während Brauchtum und Volksglaube sich den lokalen, den im Alltag wirkenden Geistern zuwendet, suchen die großen Religionen (dies gilt für das Christentum wie für den griechischen Mythos) die himmlischen Kräfte. Trotz der unterschiedlichen "Neigungen" und der folglich verschiedenen Überlieferungsquellen möchte ich hier eine davon unabhängige, reduzierte Übersicht versuchen:

Naturgenien
Zu den Naturgenien gehören alle ortsgebundenen Naturwesen, wie sie im Sagenschatz auftauchen: Quellgenien (Nymphen), Flussgenien, die sich oft in Namen ausdrücken, z.B. Donau/Dubra = die Schwarze, Elbe/Albe = die Weiße Frau etc., und Landschaftsgenien, wie z.B. Rübezahl als mythischer Kaiser der Berge.
Eine besondere Kategorie sind die Riesen, die oft mit Bergen oder Gebirgszügen gleichgesetzt werden (z.B. Säntis in der Schweiz). Sie deuten an, wie wir die "Personifikationen" der großen landschaftlichen Elemente verstehen können: Es sind die Wesen, die über einen langen Zeitraum den Werdeprozess der geologischen Konstellationen begleiten, ihr Bewusstsein erstreckt sich in für uns Menschen nicht nachvollziehbaren Zeit-Dimensionen, weshalb sie uns im Mythos als "schlafende Riesen" erscheinen. Diese Berggenien erscheinen uns nicht selten in Körpern und Gesichtern. In ihrem Werk "Europas Kultur der Großskulpuren" schreibt Elisabeth Neumann-Gundrum, die vormegalithischen Kulturen hätten in den Gesichtern großer Steinformationen "Urbilder" erkannt, und schlägt eine mythologische Interpretation vor.

Hausgenien
Speziell der Typ des Hausgeistes hat sich lange tradiert, da er mit den Anliegen der Bewohner in unmittelbarem Zusammenhang stand. So berichtet das "Handbuch des deutschen Aberglaubens" von rauchenden Männchen, gutmütigen Kobolden (der Puck), Woltercken, Alfen und Holden, die das Haus bevölkern; der Hausgeist selbst wird - ähnlich den Römern - als spiritus familiaris benannt.
Man weiß von Kobolden, die im Gebälk des Hauses wohnen. So hat man - zumindest den Firstbalken - für den notwendig gewordenen Neubau eines Hauses wiederverwendet, um die "guten Geister" im Hause zu halten. Aus gleichem Grund wurde dem Hausgeist zwischenzeitlich, "zur Überbrückung" ein kleines Häuschen aus Backsteinen angeboten. Es wird empfohlen, sich einen besonderen Baum, den man als Sitz guter Geister erkannte, für den Hausneubau zu suchen. Der Prozess von der Grundsteinlegung bis zur Hausweihe ist eine Wissenschaft für sich, um schlechte Geister zu vertreiben und einem guten Genius das Haus als Sitz anzubieten, um die Hausbewohner zu verankern und Segen für den Bau herbeizuholen.
Zusammenfassend kann man sagen, dass im europäischen Brauchtum bezüglich des Hauses nicht etwa vornehmlich auf radiästhetische Grundstückseignung, Landschaftsforminterpretation oder Lebensenergiegestaltung abgezielt wird, sondern eben auf das Gestalten eines vorteilhaften, "gesegneten" und harmonischen "Genienraumes".

Genien der Tempel und Gotteshäuser
Im Tempel gilt es, der Gottheit einen Sitz zu bieten, sei es durch die konzeptionelle Struktur, ein Bildnis, ein anthropogenes Muster, so dass der ganze Tempel ein körperliches Abbild der Gottheit war. Möglich wäre auch ein Gegenstand, den der Gott "berührt" hat oder mythisch mit ihm im Zusammenhang stand. Die Gottheit erfüllte somit beständig den Raum mit ihrer Präsenz. Eine gewisse Ausnahme stellen die Bauten der monotheistischen Religionen dar, die meist auf eine abstrakte, strukturelle oder zahlenmystische Konzeption zurückgriffen. Zeugnis davon sind die zahlreichen Geniendarstellungen aus romanischer Zeit, die meist keine zentrale Position, sondern ihren Platz auf den Aussenseiten, Türmen, Tympani etc. fanden. Später ist es der Reliquien- und Heiligenkult, der an ihre Stelle tritt.

Stadtgenien
Hier sind nun die Genien zusammengefasst, die dem Geist der Stadt als Ganzheit entsprechen. Meist tauchen sie neben ihrer skulpturalen Manifestation in den heraldischen Symbolen und dem Mythos der Stadt auf. Beispielhaft sei uns hier die Athene, die Namensgeberin der griechischen Metropole oder der wunderbare St. Michael des Domes von Schwäbisch Hall, welcher sich schon durch sein mauerbekröntes Haupt als Stadtgenius erweist. Vor allem in Norddeutschland entstehen in der Zeit des Ritterideals die Stadtrolande, die dem Georg, aber auch anderen Heiligen wie dem Laurentius, oder dem sogenannten "Wäppner" im süddeutschen Raum entsprechen.

Weitere übergeordnete Wesen erscheinen als Landschaftsgenien, Volksgenien oder Epochegenien.

Techniken der Genienmanifestation
Es ist nun eine der ureigensten Aufgaben einer geomantisch inspirierten Kunst, einem Genius einen Sitz zu gestalten, dies schon in Zeiten, wo Kunst, Ritus und Religion untrennbar verbunden waren. Wo Plätze mit einer langen Kontinuität des Genius bestanden, musste dieser immer wieder dem "Zeitgeist" entsprechend aktualisiert und damit neu gesichert werden. Oder es entstand aufgrund von Visionen oder mystischen Ereignissen die Notwendigkeit, einen neuen Geniensitz zu installieren. Auch mit dem Entstehen einer neuen Stadt mussten dem sich realisierenden Geist eine Stätte angeboten werden.
Der erste Schritt ist die Sichtbarmachung, um den Genius mit der Menschenwelt zu verbinden, um ihm damit Aufmerksamkeit, Kraft, "Ladung" psychischer Energie zukommen zu lassen. Die Sichtbarmachung, gleich welcher Art, markiert die Stelle und kann damit einen Raum der Überschneidung von Mensch und Genius erreichen. Die Umfassung des Genienraumes unterstützt die Stabilität der Sphäre des Genius, schützt ihn und schafft für den Menschen eine Grenze des Verhaltenswechsels, begründet damit räumlich Ritus und Tabu. Die Präsenz des Genius kann durch Resonanz erreicht werden, z.B. durch ein Stück Material, an welchem der Genius "haftet" im Sinne ihm zugeordneter Stoffe, Farben, Formen oder einer Reliquie, in welcher das pneuma des Genius "gespeichert" ist.
In der Skulptur tritt der Charakter des Genius hervor. Ur-Intention der Skulptur, des Figuren-Fetischs, ist die Schaffung der Anwesenheit der Gottheit über die Figur. Hier ist die Idee am deutlichsten erkennbar, dem Genius seinen Körper zu verleihen - den er selbst sich nicht schaffen kann. Im griechischen Kontext finden wir Angaben über die Schaffung einer Plastik zu einer bestimmten Zeit oder deren gezielte Aufladung, die neben einem bestimmten Ritus für jeden Gott bestimmte Materialien, Formen, Maße und Farben empfehlen. In bis heute tradierten Kunstgattungen wie der Ikonenmalerei wird auch deutlich, dass der Zustand des schaffenden Künstlers von Bedeutung ist: Neben Reinheit (Fasten), Kontaktaufnahme (Gebet) und Konzentration (Arbeiten zu bestimmten Zeiten) stehen Prozesse der Inspiration, der "Hereinnahme des Geistes" und seine "Übertragung" auf das Kunstwerk im Vordergrund.
Es sind bezeichnenderweise meist reduzierte Formen des Organisch-Körperlichen, die dann auch in der Architektur verwendet werden, um eine bauliche "Fassung" des Genius zu erreichen. Schon den antiken Quellgeistern wurde ein Nymphäum in Rundform angeboten. Die Hohlform, die Kugel und ihre Teilkörper wie die Kuppel entsprechen der Form der Organe, dem Schädel oder dem Herz. Die Kuppel repräsentiert die Hirnschale, die Laterne die Fontanelle (Quelle). Zugang des Genius - axis mundi - und Raum des Genius sind in dieser Bauform vereint.

Genien in der heutigen Architektur
In unserer heutigen geomantischen Praxis ist es bereits zur Selbstverständlichkeit geworden, für ein entstehendes Projekt dem Auftaggeber entsprechend aus Ort und Geschichte entwickelte Konzepte vorzulegen. Die aktuelle Gestaltungs-Forderung ist nicht mehr die Loslösung vom Kontext der Traditionen, sondern Integration des Gewachsenen in moderner, funktionaler und kommunizierbarer Form.
Das Problem der Architektur im Zusammenhang mit dem Genius Loci scheint heute allein die Definition des Wirklichen (im Sinne einer Wirk-Kraft) - und damit planerisch: die Grundlagenermittlung - zu sein. Geomantische Recherche geht weit über die Aufnahme des Vorgefundenen hinaus, sie extrahiert Prinzipien aus dem historischen Verlauf, deutet Geschichte als immer noch Anwesendes, und kann an bestimmten Orten noch heute einen Fokuspunkt einer geistig wirksamen Kraft ausmachen (siehe Hagia Chora Nr. 3, "Die Identität eines Hauses - Bauen mit dem Genius Loci"), mit welchem kommunziert, verhandelt, gemeinsam entwickelt werden kann. Dies erfordert besondere Bewusstseinszugänge, ist aber auch schon durch einfachere Wege wie die Planung in der Präsenz des Ortes zu erreichen: Man setzt sich in den Planungsphasen vor Ort der Inspiration dem Wirken des Genius und nicht allein dem CAD-Programm aus!

Eine moderne Sprache
Das moderne Vergessen des Genius ist Ausdruck des gleichzeitigen Verschließens zur eigenen inneren Welt. Die individuelle und kollektive Erinnerung und die Bezugnahme zum Ganzen können sich wieder stärken, falls die Umgebung des Menschen eine Kulturlandschaft im wörtlichen Sinne ist, die uns anbindet und einbettet. Ein System von seelischen Konstellationen im Raum schafft Orientierung und ebenso regionales Bewusstsein wie Bewusstsein für eine übergeordnete Verbundenheit. Es muss folglich eine Forderung der Geomantie sein - wie die guter Stadtplaner und Architekten - nachvollziehbare Formen dieser Ebene der Genien wieder in das moderne Leben zu integrieren.
Zunächst einmal erscheint es als Aufgabe, sich von den inneren wie äußeren Genienbildern der Vergangenheit zu lösen. Diese Bilder sind jeweils kulturell geprägt, und dass wir im Zeitalter der säkularen Moderne anscheinend keine ernst zu nehmenden neuen Impulse mehr setzen, führt dazu, dass - synkretistisch kombiniert - alte Götter in der Geomantie nicht selten eine ungeahnte Renaissance erleben. Dies ist unter Umständen ebenso problematisch wie die Benennung von geomantisch relevanten Orten mit Engeln und Heiligen, deren kulturelle Prägung nicht frei ist von oft gegensätzlich bewerteten Assoziationen (Gaia-Platz, Michaels-Platz). Folglich muss auch die Benennung der Sache eine andere werden, vor allem, wenn die Geomantie auch außerhalb des esoterischen Rahmens Relevanz finden will. Alte Rezeptionsmechanismen erzeugen immer alte Bewusstseinsmuster. Es ist eine neue Form der Kommunikation erforderlich - hier ist Kreativität gefragt.
Ich schlage zur Begriffsklärung zunächst vor, einfach von "Genius" als "Wesen" des Ortes, von "Identität" oder "Seele" als Ganzheit des Ortes, von "Muster" als Prinzip des Ortes oder von "Prägung" als Ortserinnerung und "energetischem Speicher" zu sprechen - in klarer Abgrenzung zueinander und im Verhältnis zu sonstigen energetischen, symbolischen oder radiästhetischen Deutungsebenen. Diese können dann jeweils in ihrer Intention, Wirkung und Qualität im Sinne von Wirkungsraum bzw. -art und Qualität bzw. Atmosphäre beschrieben werden.
Gegenwärtig herrscht in der Geomantie, die aktuell stark vom chinesischen Feng Shui beeinflusst wird, eine generelle Tendenz, Charakter und Eignung eines Ortes nach seinem Lebenskräftepotential, nach "Form und Schema" zu beurteilen. Auch drohen radiästhetische Kriterien nebst Formeninterpretationen und harmonikalen Betrachtungen vollständig in den Vordergrund zu treten. Um aber Wesen und Seele des Ortes, der Erde, der himmlischen Kräfte zu verstehen, bedarf es gewissermassen einer Renaissance der Praxis des Umgangs mit den Genien. Nur so ist eine Geomantie zu erreichen, welche die Lebendigkeit, seelische Ebenen und eine geistige Orientierung einbezieht.

Literatur: Otto-Wilhelm v. Vacano, Die Etrusker in der Welt der Antike, Rowohl, Hamburg 1957; Jan Piper, Über den Genius Loci, In: Kunstforum International Bd. 69, 1/84, Ort, Erinnerung, Architektur.

Die ungekürzte Langfassung finden Sie unter:
http://www.geomantie.net/downloads/archiv/genialogielang.html