Netze der Kraft

Die Kulthöhlen der Ile-de-France

von Arikka Claudia Mayer , Dorothee von Gagern erschienen in Hagia Chora 2/1999

Arikka Claudia Mayer und Dorothee von Gagern vom Arinna Institut führen Reisegruppen zu den vorzeitlichen Kulthöhlen in Südfrankreich. Ihre energetische Arbeit zielt auf die Aktivierung alter und neuer Netzwerke der Erde. Ein moderner - oder alter - Umgang mit Leylines?

 Diesen Artikel als Adobe Acrobat PDF herunterladen (754 KB)

Höhlen werden in den meisten Kulturen seit Menschengedenken als Schoß von Mutter Erde betrachtet - eine Art Uterus, aus dem alles Leben auf der Erde hervorgeht. Höhlen waren und sind deshalb auch Orte, an denen die eigenen Lebenskräfte regeneriert werden können. Schon seit dem Neolithikum werden die eiszeitlichen Höhlen in der Ile-de-France wohl in erster Linie von Frauen für Heilungen und spirituelle Erfahrungen aufgesucht. Die Urgeschichtsforscherin Marie König konnte mit ihrer Arbeit in den vergangenen Jahrzehnten beweisen, daß in jenen Höhlen ein auf die Große Göttin ausgerichtetes Weltbild überliefert ist. Sie revolutionierte damit das wissenschaftliche Bild von der spirituellen Entwicklung des frühen Menschen. Ihrer Initiative verdanken wir, daß diese Kraftorte wieder in unser Bewußtsein gerückt sind und heute erneut vor allem von Frauen als der Göttin heilige Orte aufgesucht werden.
Bereits vor vielen Jahren haben wir uns von den HüterInnen der Höhlen rufen lassen. Einmal im Jahr leiten wir dorthin eine Exkursion für Frauen zu einer einwöchigen Erfahrung mit sich selbst und den Kraftorten. Ich möchte im folgenden einen besonderen Tag dieser Reise beschreiben, an dem wir ein "Netz der Kraft" zwischen den Höhlen aufbauen:
An einem heißen Augusttag wandern wir durch Wälder und Wiesen in der Nähe des Städtchens Milly la Foret in der Ile-de-France. Jede der Frauen hat sich bewußt eine Höhle als Ziel ausgesucht, dort, wo sie sich am meisten zu Hause fühlt. Angekommen an "ihrer" Höhle, begrüßen alle den Platz mit seinen weichen, mit Moos und Flechten überwachsenen Felsen, wilden Steineichen, dem blühenden Heidekraut oder riesigem Wurmfarn. Manch eine klopft kräftig an die Steine des Höhleneingangs, um ihr Kommen anzukündigen und bittet um Einlaß. Nach einer Zeit des Ankommens, Einstimmens und Meditierens sind alle bereit für die Aktivierung des Kraftnetzes aus Höhlen und Energielinien. Nach einem genau abgesprochenen Zeitplan fungieren wir an jedem Kraftort als Sender oder Empfänger der Höhlenenergien. Die Menschen sind in diesem Prozeß der aktiven Vernetzung eine Art Verstärker und Katalysator. Mit Hilfe des gerichteten Bewußtseins und der Visualisierungskräfte der Frauen werden uralte Verbindungslinien der Höhlen untereinander reaktiviert. Auch das persönliche Netz, das die Frauen untereinander knüpfen, ist entscheidend, denn wenn es einer nicht gelingt, Kontakt mit einem Kraftplatz aufzunehmen, verbindet sie sich statt dessen mit der Person an diesem Ort. Nachdem jede Höhle die Energien aller anderen Plätze empfangen hat, die Verbindungen deutlich spürbar sind und diese Kraftorte auf einem höheren Energieniveau schwingen, geschieht die Gesamtaktivierung. Alle öffnen sich gleichzeitig den Energien der anderen Kraftorte. Anschließend folgt die Vernetzung mit den kosmischen Energien, dem kosmischen Lichtnetz. Licht- und Elementarwesen sind vielfältig darin beteiligt und unterstützen die Menschen dabei, mit diesen intensiven Schwingungen umzugehen.
Für alle ist diese Erfahrung einzigartig und auch für uns jedesmal wieder neu und anders. Es ist ein ungeheures Gefühl der Sicherheit und der Geborgenheit, des Getragenseins und Eingebundenseins in einen unendlichen Kreislauf. Viele können dabei vielleicht zum ersten Mal Wesenheiten wahrnehmen oder spüren. Sensitive sehen vor ihrem inneren Auge, wie durch diese Aktivierung die Energielinien der Region zu pulsieren beginnen. Für die Frauen, die an solchen Aktivierungen beteiligt sind, entsteht an den Kraftorten ein Gefühl der Heimat und des Dorthingehörens. Für viele ist dieses Fleckchen Erde sehr viel mehr ein Zuhause geworden als ihr Wohnort.
Die Idee oder besser der Auftrag zu dieser Art geomantischer Arbeit entstand aus einer Vision. Vor mehr als vier Jahren meditierten wir gemeinsam in einem für uns neu entdeckten Abris (prähistorische Wohnhöhle) im Gebiet Trois Pignon. Im anschließenden Gespräch stellte sich heraus, daß wir unabhängig voneinander ähnliche Bilder empfangen hatten: Wir sahen Menschen, die an Kultplätzen dieses Gebietes bestimmte Rituale ausführten. Die Auswahl der Kraftorte war dabei von Bedeutung, genauso wie Regelmäßigkeit und die aktive Beteiligung der Menschen darin. Diese rituelle Vernetzung war nötig, um die pulsierende Lebendigkeit der Erde zu erneuern. Daraus resultierten dann letztlich erst gute Ernten und der Frieden im Land. Offensichtlich hatten die HüterInnen dieses Ortes eine Tür für uns geöffnet und uns teilhaben lassen am Wissen und am Leben einer anderen Zeit. Da diese Vision uns hartnäckig präsent blieb und sich manche Zusammenhänge auch mit Hilfe unseres Kartenmaterials nachvollziehen ließen, begannen wir, diese in der Innenschau gesehene Vernetzung auch praktisch mit Exkursionsteilnehmerinnen auszuprobieren.

Leylines und Ritzungen
Die Praxis hat viel von unseren Theorien und Forschungen bestätigt, beispielsweise daß alle Höhlen, die sich durch kultische Ritzungen als alte Kraftorte zu erkennen geben, auf Leylines oder auf Kreuzungspunkten von Energielinien liegen. Die geographische Lage mancher Höhlen zueinander ergibt geometrische Muster. Die Höhlen der Ile-de-France sind, anders als z.B. die Höhlen in der Dordogne, sehr klein und reichlich mit kultischen Symbolen versehen - gerade Linien, Kreuze, Netze, Schälchen und andere Zeichen, die wir auch aus anderen megalithischen Zusammenhängen kennen. In Laufe der Jahre fiel uns auf, daß einige komplizierte Zeichen gerade in jenen Höhlen auftauchen, die über Leylines miteinander in Verbindung stehen und ein spezielles Schwingungsniveau besitzen. Durch die Vernetzung dieser Höhlen untereinander fanden wir heraus, daß die geometrischen Beziehungsmuster - Dreiecke, Rauten, Sterne - unterschiedliche Qualitäten der Leylines betonen und in der Aktivierung bestimmte kosmische Schwingungen für die Region materialisiert werden.
Die Kenntnis der Ritzungen und Symbole hilft uns oft entscheidend beim Auffinden der Kulthöhlen. Aus geologischen und hydrologischen Zusammenhängen sowie intensivem Kartenstudium ergab sich z.B., daß eine gesuchte Höhle in einem bestimmten Areal liegen muß. Im dornigen Dickicht der Brombeerranken haben wir den Ort aber oft noch lange nicht gefunden. Inzwischen haben wir gelernt, die Höhlensymbole als Wegweiser zu benützen. Wir öffnen uns für die Qualität der Zeichen, damit wir in Resonanz mit dem Ort kommen, dort willkommen sind und ihn letztlich auch finden. Dies beinhaltet immer auch ein tiefes Eintauchen und einen intensiven persönlichen Prozeß. Kein Wunder, daß insbesondere die Höhlensymbole und ihre Heilwirkung ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit geworden sind.
Durch das intensive Einlassen auf die Kraftplätze bekommen wir einen Einblick in die Komplexität der Orte, aber auch in ihre Schmerzen und Nöte. Viele der französischen Kultorte werden getragen und gestützt durch Zwergen- und Feenplätze oder Wohnungen der Elementarwesen. Diese Stellen haben oft eine feine und weiche Energie. Leider wurden gerade diese Orte, sei es aus Dummheit oder Absicht, häufig als Steinbrüche für den Straßen- und Hausbau benützt und so in ihrer äußeren Struktur für immer zerstört. Aus Mitgefühl und aus dem Entsetzen heraus, daß auch heute noch Menschen achtlos Feuer in den Kulthöhlen machen, wodurch die Höhlenwände völlig verrußt und die Ritzungen zerstört werden, oder daß jugendliche Wanderer die Wände der Abris in blindem Vandalismus für ihre Spraydosengraffiti mißbrauchen, entstand das Bedürfnis nach Patenschaften und einem erweiterten Netzwerk. Die Teilnehmerinnen der Exkursionen übernehmen dabei geistige und emotionale Patenschaften indem sie sich selbst und ihren eigenen Kraftorte zuhause konstant mit einer Höhle verbinden. Zusätzlich senden sie diesen Orten ihre Kraft, Liebe und Verbundenheit. Ob es nun diese Verbindung ist, die wir mit den Kraftorten herstellen, oder das gewachsene Bewußtsein der Menschen - die Zerstörungen in den uns bekannten Höhlen haben in den letzten beiden Jahren abgenommen.