Wasser, Wasserdrache und Wasseröffnung

Das Feng-Shui-Lexikon. Für Sie aus Orignaltexten zusammengestellt von Dr. Manfred Kubny

von Manfred Kubny erschienen in Hagia Chora 5/2000

Wasser (shui)
Das Wasser ist die erste der 5 Wandlungsphasen. Alles Flüssige, das verläuft und verdunstet, wird dem Wasser zugeordnet. Es hat die Fähigkeit sich selbständig zu teilen und sich auch wieder selbständig zu verbinden. Während das Feuer zerstreut, hat das Wasser immer eine sammelnde Wirkung, daher repräsentiert es die Konzentration von Dingen. Da alle Lebewesen in irgendeiner Form Wasser in sich tragen, ist es auch der Repräsentant des Lebens. Während mit Ausnahme des Feuers alle anderen Wandlungsphasen eine feste Form haben, fehlt diese jedoch dem Wasser, dadurch ist es flexibel und hochindividuell. Da es von Natur aus durchsichtig ist, symbolisiert es Rationalität und Klarsicht. Es ist dem Feuer sehr zugetan, denn ohne dieses würde es keine Wärme geben, und das Wasser müsste erstarren. Wenn man das Wasser reizt, gibt es sich bewegt und wütend und erreicht eine ungeheure Kraft.
Das Yang-Wasser ist das zusammenfließende Wasser im Regen, in den Flüssen und in den Ozeanen. Das Yin-Wasser symbolisiert das verdunstende Wasser, die Feuchtigkeit im Nebel, in den Wolken, in der Erde und die Flüssigkeit in den Pflanzen. Es ist gleichermaßen auf der Erde wie auch im Himmel anwesend und die einzige Wandlungsphase, die sich der Überwindung (hier durch die Erde) durch Verdunstung selbständig entziehen kann. Da es sich ständig verändert, ist es der Ausdruck von Wandlung an sich. Aus der klassischen chinesischen Sichtweise kann Wasser nur im Zusammenhang mit Feuer diskutiert werden. Deshalb stellte der Ming-zeitliche Gelehrte Song Yingxing (1640) fest, dass Wasser und Feuer die Wandlungsphasen sind, die dem Qi am ähnlichsten sind, weil sie keine feste Form besitzen. Beide stehen zwischen Gestalt und Qi. Während Feuer den "Leerezustand zwischen Gestalt und dem Qi" darstellt, wird Wasser als "Völlezustand zwischen der Gestalt und dem Qi" bezeichnet. Das Wasser symbolisiert die Unüberwindlichkeit, aber wenn es für sich allein belassen ist, fällt es in sich zusammen und erstarrt zu Eis. Es vereinigt in sich die beiden Elemente Yin und Yang, weil es sowohl weich als auch hart sein und zwischen den beiden Zuständen wechseln kann. Sein Wesen ist die Kommunikation und die Verbindung von Dingen. Die Wandlungsphase Wasser wird den Nieren zugeordnet, seine Richtung ist der Norden, seine Farbe ist Schwarz.

Wasserdrache (shuilong)
Die klassische Literatur sieht das Wasser als Pendant zu den Bergen an. Das Shuilong Jing, "Der Klassiker zum Wasserdrachen", berichtet: "Während die Berge und die Erde zum Yin gehören, ist der flache Ozean das Yang. Während das, was sich in die Höhe erhebt, zum Yin gehört, ist das, was sich in der Fläche verbreitet, das Yang. Während die Berge durch ihre Anlage Völle in die Leere [des Raumes] hineinbringen, bringt der Ozean Leere in die Völle [der Erde hinein]. Berglandschaften werden von Bergen beherrscht werden, deren angemessene Positionierung die Höhe ist. Ebenen werden von Wasserläufen beherrscht, deren angemessene Positionierung die Tiefe ist." Und an anderer Stelle: "Das Wasser sammelt sich gemäß der Wohnstatt der Berge, und es fließt genauso, wie die Qi-Gefäße der Berge verlaufen. Wenn das Wasser fließt, dann teilen sich die Qi-Gefäße, wenn das Wasser kreist [oder steht], dann sind die Qi-Gefäße verstopft. Die großen Flüsse sind die Gestalt der himmelsstämmigen Drachen, die kleinen Flüsschen sind der Körper der erdzweigigen Drachen. Hat man hinter [sich] eine Wassertasche, dann ist dies eine Positionierung des Ruhms. Trifft man vor sich auf einen Teich, dann ist dies ein Zuhause des Glücks und Reichtums. Wird man links und rechts von Wasser umrundet, dann ist dies [eine Bauhausung] der Emotionen, und man häuft Gold an und sammelt Jade." Zu all diesen Zitaten ist zu sagen, dass der Wasserdrache beherrscht werden muss. Im Zang Shu, "Buch der Gräber", steht geschrieben: "Im Feng Shui ist der Erhalt des Wassers am wichtigsten, und die Speicherung des Windes ist zweitrangig."
Grundsätzlich gilt, dass schnell und reißend fließendes Wasser, alle Orte an der Außenseite einer Wasserbiegung sowie Wasser, das geradlinig fließt, eine ungünstige Form von Wasserdrachen darstellt. Das Wasser ist die Erzeugung und das Leben schlechthin, so dass es niemals abbrechen darf. Wasser, das in gekrümmten und sich stauenden Windungen fließt, wird als günstig eingestuft. Deshalb hat man bei der Auswahl eines Siedlungsraumes in erster Linie auf die Herkunft und die Quelle des Wassers geachtet. Das angrenzende Wäldchen hatte bestenfalls die Bedeutung eines Symptoms, dass Wasser vorhanden sei. Der Wasserdrache ist das Symbol des Reichtums, denn er ist die Quelle der Üppigkeit und Vielfalt. Daher heißt es: "Wenn das Wasser gestaut und gesammelt wird, dann ist dies der Fluss zu üppigen Pulsbewegungen der Erde und nährt das korrekte Qi.”

Wasseröffnung (shuikou)
Äußerst wichtig im Umgang mit dem Wasser ist der Begriff "Wasseröffnung". Der Wasseröffnung kommt bei der Beurteilung des Wasserdrachens besondere Bedeutung zu. Es heißt, dass "man zuerst das Wasser beurteilt, wenn man einen Berg betritt".
"Wenn die Quelle sich der Perspektive der Landschaft anpasst, dann entstehen Empfindungen. Eine Nichtangepasstheit bedeutet Geradlinigkeit wie ein Pfeil und Verschluss. Die Öffnung des Auswegs und der Verschluss sind unzertrennlich miteinander verbunden. Am meisten gefürchtet wird dabei das geradlinige Entweichen des Wassers, ohne dass man etwas davon erhalten kann".
Die Wasseröffnung ist sowohl der Eintritt des Wassers als auch der Austritt des Wassers aus einem Gebiet. Weil das Wasser den Reichtum beherrscht, ist die Funktion der Wasseröffnung die Ansammlung desselben: "Der Ort, an dem das Wasser ankommt, nennt man das Himmelstor. Stammt es von einer nicht direkt sichtbaren Quelle, nennt man dies: "das Himmelstor öffnet sich".
Der Ort, an dem das Wasser entweicht, wird als "das Erd-Tor" bezeichnet. Kann man es beim Entweichen nicht beobachten, sagt man "das Erd-Tor schließt sich". Nun ist es so, dass das Wasser den Reichtum beherrscht. "Wenn sich die Tür öffnet, dann kommt auch der Reichtum. Wenn sich die Tür schließt, bricht der Reichtum nicht ab."
Am besten ist daher ein Wasserlauf, der sich stellenweise aufstaut, aber trotzdem noch fließt und durch die Wasseröffnung so langsam entweicht, dass es kaum bemerkbar ist.