Was ist Qigong?

Eine Betrachtung aus Sicht der traditionellen Meditationsschulen

von Jia Zhiping erschienen in Hagia Chora 5/2000

Der folgende Beitrag stammt aus der Umgebung des gegenwärtigen Stammhalters der daoistischen Schule des Taiji-Men, Professor Lu Jinchuan. Es ist uns bewusst, dass der Text ein ganzes Berufsbild in Frage stellt. Da er aber in bestem Sinne aufklärend wirken möchte, halten wir es für wichtig, sich mit den authentischen Aussagen auseinander zu setzen.

Kaum war die Kulturrevolution für beendet erklärt, setzte in China Ende der 70er- und Anfang der 80er-Jahre eine neue Massenbewegung ein: das Qigong-Fieber brach aus. Der Anfang war still. Mit Atemtechniken verbundene Bewegungsübungen, die oft uralte Namen tragen, lösten unmerklich die standardisierte "Rundfunk-Gymnastik" ab, die allmorgendlich und in den Unterrichtspausen mit Musik aus Lautsprechern ausgeführt wurde. In Schulen wurden Übungen unterrichtet, die vorbeugend und heilend gegen Kurzsichtigkeit wirken sollten. Diese Übungen zur Gesundheitspflege wurden unter der Bezeichnung Qigong allgemein bekannt. Plötzlich tauchten Übungen auf, die nicht mehr nur der Gesundheitspflege dienen, sondern auch "besondere" Fähigkeiten verleihen sollten, z.B. mit den Ohren lesen zu können. Alte Kampfkunst-Schulen meldeten sich zurück. Im Fernsehen wurde gezeigt, wie ein junger Mann mit dem Zeigerfinger einen Ziegelstein durchbohrte und ein anderer mit still gehaltener Hand das Kerzenlicht löschte. In Dörfern brüsteten sich Schausteller, die mit blankem Rücken Schwerthiebe empfingen oder mit nackter Kehle gegen eine Speerspitze drückten, bis sich der Speerschaft verbog. Alte Begriffe aus der Kampfkunst tauchten auf: der innere und der äußere Stil (neijia quan und waijia quan). Man unterschied zwischen hartem und weichem Qigong, und bald waren "besondere" Fähigkeiten nicht mehr genug. Schließlich tauchten Personen auf, deren Übungen versprachen, mit Außerirdischen und sonstigen Wesen Kontakt aufnehmen und kommunizieren zu können; sie wollten höhere Stufen als der alte Buddha Sakjamuni erreicht und die beste und einfachste Übungsmethode aller Zeiten erfunden haben. Qigong wurde allmächtig. Durch Qigong wollte man nicht nur bekannte Naturgesetze außer Kraft setzen können, sondern alles erreichen, auch das Transzendentale. Schließlich ging Qigong als "Wissenschaft vom Leben" ins Ausland. Doch was ist Qigong? Qigong war etwas Anderes als das, was heute so bezeichnet wird. Das Wort taucht erstmals in Xu Xuns (239-374) "Aufzeichnungen der Schule der reinen Helligkeit" (jingming zongjiao lu) auf. Qigong ist für ihn das Kampfpotential des Qi. Die Übungen sollen das Kampfpotential im Inneren eines Menschen (neigong) kultivieren und steigern, so dass man unter anderem unempfindlich gegen Schläge des Gegners werden und die eigene Schlagkraft erhöhen kann.

Was ist Qi?

Aber was ist Qi? Etymologisch gesehen besteht das Schriftzeichen Qi aus drei Strichen, die ursprünglich steigenden Dampf darstellen. Demnach soll Qi etwas Gasförmiges, Fließendes sein und kann als Luft oder Geruch verstanden werden. Qi kann aber auch als emotionale Stimmung gesehen werden. So heißt Wut nuqi, Mut yongqi usw. In der klassischen Philosophie spielt es - ohne genaue Definition - eine wichtige Rolle. Dabei wird Qi manchmal als etwas mehr Materielles beschrieben. Bei Zhang Zai (1020-1077) heißt es: "Die große Leere (= das Weltall) muß Qi haben, und das Qi muss sich zusammenziehen, um zu Dingen zu werden." Dann wiederum bedeutet Qi etwas Geistiges. So heißt es bei Menzius (ca. 372-289 v.Chr.): "Ich weiß mein unbändig strömendes Qi zu kultivieren." Hier kommt dem Qi eine ethische Dimension zu.

Hier können Sie einen neuen Kommentar zu diesem Artikel verfassen





Bitte lösen Sie die untenstehende Rechenaufgabe und tragen Sie das richtige Ergebnis ein. Sie helfen damit, den Missbrauch dieses Online-Formulars und Spam zu verhindern. Herzlichen Dank.

drei minus zwei =