Oben der Himmel, unten die Erde

Zur kosmisch-irdischen Polarität von Schwere und Licht - Tiefenökologie und Evolution des Bewußtseins

von Jochen Kirchhoff erschienen in Hagia Chora 2/1999

Die von dem Philosophen und Ganzheitswissenschaftler Jochen Kirchhoff entwickelte Integrale Tiefenökologie ist für ein neues Verständnis der Geomantie unverzichtbar - ist doch der Zeitgeist zwischen der sentimentalen Verniedlichung unseres Heimatplaneten Erde als Mütterchen Gaia einerseits und dem Machbarkeitswahn technikorientierter Ökomanager andererseits ausgespannt. In seinem Essay fordert uns Kirchhoff eindringlich auf, die Rolle des Menschen als Mittler zwischen der irdischen und der kosmischen Sphäre bewußt wahrzunehmen, um eine Evolution des Bewußtseins über die Grenzen des Ichs hinaus zu ermöglichen. In unserer Zeit des Großen Übergangs, meint Kirchhoff, müssen wir Erde und Kosmos als ein umfassendes Bewußtsein begreifen, an dem wir partizipieren.

Der moderne/postmoderne Mensch, so kann man es formelhaft-verkürzt sagen, hat sowohl den Himmel als auch die Erde verloren. Die ökologische Krise ist der global spürbare Ausdruck dieses Verlustes. Das mental und egoisch gesteuerte Selbst, die machtvollste Bewußtseinsformation der bisherigen Geschichte, hat hemmungslos abgeräumt und kolonisiert und droht nun an seinen eigenen Siegen zu verbluten. Ein verkürztes, eindimensionales Verständnis des Kopernikanismus hat die heimatliche Plattform, den so vertrauten irdischen Boden weggeschlagen; und so konnte die Erde zum ziellos in der kosmischen Nacht dahintreibenden Raumschiff werden: heute als Gaia liebevoll verhätschelt (in purem Öko-Sentimentalismus) oder der technisch-imperialen Monomanie (= Öko- oder Gaia-Management) preisgegeben. Die antiken und mittelalterlichen Himmelsschalen sind unwiederbringlich dahin. "Durch Forschung und Bewußtwerdung ist der Mensch zum Idioten des Kosmos geworden; er hat sich selbst ins Exil geschickt und sich aus seiner unvordenklichen Geborgenheit in selbstgesponnenen Illusionsblasen ins Sinnlose, Unbezügliche, Selbstläufige ausgebürgert. Mit Hilfe seiner unnachgiebig weitersuchenden Intelligenz hat das offene Tier das Dach seines alten Hauses von innen abgerissen." (So der Philosoph Peter Sloterdijk in dem erhellenden Buch "Sphären I. Blasen")1
Was früher Himmel war, ist heute zermalmende Leere, ist längst zur kosmischen Wüste geworden. Auch die vielen Versuche, der monströsen Kulisse einen menschlichen Sinn abzuringen, der den von Sloterdijk auf die Formel gebrachten kosmischen Idiotismus übersteigt, wirken bislang wenig verheißungsvoll: weder astrologisch noch ufologisch noch mittels spiritueller Deutungen für wahr gehaltener naturwissenschaftlicher Ergebnisse oder Spekulationen ist es gelungen, Erde und Kosmos wirklich zum Oikos zu machen, zum Haus oder Heim. Ökologie: das ist der Logos vom Oikos, vom irdisch-kosmischen Ort des Menschen. Das mentale Bewußtsein hat sich weitgehend selbst entwurzelt, den Heimat- und Mutterboden des Gestirns Erde aufgegeben; es fühlt sich ganz offensichtlich im Orbit besser aufgehoben. Nur sieht es "da draußen" eher ungastlich oder garstig aus, eine lebensfeindliche Hölle. Wobei sich der Verdacht einstellen könnte, dieses Universum, wie es sich kollektiv in den Köpfen (als "objektive Wirklichkeit") verankert hat, sei selbst eine gigantische Illusionsblase, sei selbst der Auswurf, die Erscheinungsform der mental-technischen Bewußtseinsverfassung. Diese Bewußtseinsverfassung braucht das Universum, so wie es vorgestellt wird, zu ihrer eigenen Rechtfertigung. Würde der Kosmos als das erkannt oder enthüllt, was er ja möglicherweise und in krassem Widerspruch zur Mainstream-Kosmologie ist, nämlich ein Abgrund der schöpferischen Fülle und der Allgegenwart von Intelligenz und Bewußtsein, dann wäre schlagartig diese Bewußtseinsverfassung in ihrem neurotischen, ihrem akosmischen, ja kosmosfeindlichen Grundcharakter bloßgestellt.

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