Fe-Male Tattoo für Gaia

Teamwork im Kornfeld - Bericht über die Entstehung eines gewaltigen Kornkreises in Holland

von Remko Delfgaauw erschienen in Hagia Chora 3/1999

Diesen Sommer (1999) schuf ein 15-köpfiges Team in einer Nacht einen perfekten Kornkreis auf der Insel Schouwen-Duiveland in Holland. Mit 200 Metern Durchmesser war das Projekt "Fe-Male" das bisher größte Korn-Kunstwerk von Menschenhand. Remko Delfgaauw, Intiator des Projekts, beschreibt seine Motive und seine Vision zu dieser Form der Landschaftskunst.

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Manchmal dauert es eine Weile, bis ein Gedanke vom Kopf in die Hände findet, besonders, wenn wir es mit Kornkreisen zu tun haben. Für mich liegt der Ursprung dieses Projekts in den frühen 80er Jahren. Mit 15 begegnete ich dem Kornkreis-Phänomen zum ersten Mal. Ich war spontan überzeugt, daß Kornkreise nicht von Menschen gemacht sein konnten. Von meinem naiven Standpunkt aus hielt ich das für schlichtweg unmöglich. Meine Faszination für das Kornkreis-Phänomen ließ über die Jahre nicht nach. Ich las eine Menge "wissenschaftlicher" Artikel, Bücher und Interviews. Mit der Zeit stellte sich heraus, daß offenbar viele Kornkreise von Menschen angelegt wurden. Bis heute beruhen die "Beweise" für einen nicht-menschlichen Ursprung der Kornkreise lediglich auf Indizien, was die Menschheit unweigerlich in Gläubige und Ungläubige spaltet. Mich selbst hätte ich damals irgendwo in der Mitte eingeordnet, sozusagen als zweifelnd Glaubender.

Das Sand-Mandala
1993 ging ich für ein halbes Jahr in den fernen Osten auf Wanderschaft und besuchte unter anderem Nepal, wo ich den tibetischen Buddhismus kennen lernte, der seitdem zunehmenden Einfluß auf mein Leben und meine Wahrnehmung der Welt gewonnen hat. Besonders beeindruckte mich eine religiöse Praxis der buddhistischen Mönche: die Herstellung von Sand-Mandalas. Das Sand-Mandala verbindet Kunst und Handwerk mit der Einsicht, daß alles Materielle vergänglich ist. Ich meine, ein Kornkreis bildet, wenn er aus derselben Intention heraus angelegt wird, ein wunderbares westliches Pendant im "Graffiti-Stil" zum Ritual des Sand-Mandalas.

Teambuilding
Ich bin Partner in einer kleinen, engagierten Agentur für technisches Design und Beratung. Unter anderem kümmere ich mich um den sozialen Bereich in unserer Firma. Das Wachstum bringt mit sich, daß ständig neue Leute eintreten. Um die Firmenkultur zu pflegen, realisieren wir jedes Jahr ein vom Unternehmen finanziertes, besonderes Projekt, das zwei wichtige Ziele verfolgt: Es muß helfen, die Teilnehmer zusammenzubringen, und es soll ihnen das Gefühl vermitteln, stolz auf ihre Firma sein zu können.
In diesem Jahr führten diese Überlegungen zum Projekt "Fe-Male": Wir wollten mit einem hochmotivierten, begeisterten Team einen riesigen Kornkreis herstellen. Die meisten kannten Kornkreise nur vom Hörensagen. Allen aber war bewußt, daß ihr Werk nur für wenige Wochen bestehen würde. Wie beim Sand-Mandala würden wir ein geometrisches Design verwirklichen.

Design und Vorbereitungen
Das Design des Projekts Fe-Male kreiste um die Idee, einen deutlichen 3D-Effekt zu bewirken - so etwas hatte es bei Kornkreisen vorher noch nie gegeben. Das Jahr 1999 reflektierend, sollte das Symbol die Quadratwurzel der Zahl 9 zur Basis haben, während gleichzeitig als Thema die Ewigkeit anklingen sollte. Der Kornkreis sollte, technisch gesehen, den "State of the Art" markieren, d.h. er sollte groß und präzise ausgeführt sein, man sollte keine Spuren menschlicher Einwirkung entdecken können, keine geknickten Halme im Zentrum sehen usw.
Geometrie ist das zentrale Thema der Korn-Kunst. Geometrie bringt Ordnung hervor, Ordnung Balance. Natur ist der Gegenpol zu Ordnung. Sie steht vielmehr für unendliche Vielfalt in chaotischen Strukturen. Geometrie erzeugt eine Spannung in der Landschaft. Die umgebende Natur stärkt die Wirkung des Kreises, sie erzeugt sozusagen eine Resonanz im Feld.
Das Design von Fe-Male lebt aus der Spannung seiner gegensätzlichen Elemente aus einem schlichten Ring in Verbindung mit einem eleganten, dreiteiligen Ewigkeitssymbol. Man könnte sagen: männliche Klarheit in Verbindung mit weiblicher Anmut. So läßt sich der Kornkreis als androgynes Symbol betrachten.
Vom Design bis zur Verwirklichung im Feld war ein weiter Weg. Allerdings macht die Qualität der Vorbereitungen den Löwenanteil der Arbeit aus. Wir setzten Computerprogramme ein, stellten handgemachte Spezialwerkzeuge her und trafen uns immer wieder zu Brainstormings und Diskussionen, bevor der Schritt ins Feld gemacht werden konnte. Während dieser Vorbereitungen stieg das Kornkreis-Fieber aller Teilnehmer beständig.
An dem Abend, an dem wir schließlich ins Feld gingen, waren alle aufgeregt und aufs Äußerste gespannt. Nach einem letzten Briefing begann die eigentliche Arbeit. Wir betraten das Feld bei Dunkelheit, nahmen unsere Positionen ein und vollendeten unser Werk vor dem Sonnenaufgang. Das Ergebnis, aus der Luft betrachtet, war atemberaubend. Das Feld mit dem Kornkreis liegt bei einem kleinen Dorf in der Nähe einer großen Flußmündung. Der Kontrast zwischen dem Kunstwerk und der Umgebung war überwältigend schön. Das Foto spricht für sich selbst.
Für uns war das Projekt Fe-Male ein voller Erfolg. Viele Betrachter der Luftaufnahmen wollen nicht glauben, daß Menschen zu einem solchen Werk in der Lage sind. Das ist ein Kompliment und hilft mir darüber hinaus, mich von Zweifeln gegenüber dem Kornkreis-Phänomen zu befreien: Jetzt sehe ich mich eher als zweifelnder Ungläubiger. Obwohl ich an außerirdisches Leben glaube, bringe ich Extraterrestrier nicht mehr mit Kornkreisen in Verbindung. Ich denke, komödiantisch und künstlerisch inspirierte Kornfeld-Graffiti-Künstler sind für das Phänomen verantwortlich. Die komplexen Formationen werden von einer kleinen, engagierten Gruppe hergestellt. Das "echte" Phänomen ist für mich der symbolische Ausdruck, den diese Künstler suchen.

Perfektion und spirituelle Erfahrung
Das Kornkreis-Projekt hat mein Vertrauen in mich selbst und in meine Fähigkeit, mit Menschen zu arbeiten und sie zu motivieren, sehr gestärkt. Inzwischen könnten wir die Grenzen der gegenwärtigen Kornkreiskunst weit hinter uns lassen. Wenn Zeit, Ort, Budget und die Teilnehmer stimmen, sind wir in der Lage, für das Kornkreis-Phänomen eine neue Phase zu eröffnen. Damit heben wir auch uns selbst in eine neue Dimension von Selbstvertrauen. Für mich ist dies eine wichtige spirituelle Lektion, die mich zu einem reiferen und im positiven Sinne kritischeren Menschen gemacht hat, der für sich selbst Verantwortung übernimmt.
Meine Beziehung zur Erde, die ich bereits seit langer Zeit entsprechend der Gaia-Hypothese als lebenden Organismus anerkenne, hat das Projekt allerdings nicht geändert. Die ideale Form, mit anderen Organismen zusammenzuleben, ist die Symbiose, von der beide Organismen profitieren. "Fe-Male" paßt zu einer solchen Sichtweise. Man könnte sagen, indem wir das Kornkreis-Ritual ausführen, gewissermaßen ein temporäres Tattoo in das Feld einbringen, "ehren" wir die Erde. Ich meine, ein Kornkreis - obwohl er Menschenwerk ist - besitzt eine spirituelle Qualität ebenso wie ein wahrnehmbares Energiemuster. Wenn Menschen eng zusammenarbeiten und das gleiche Ziel verfolgen, einfach nur, um ihr Bestes zu geben, kommt diese Energie oder spirituelle Qualität zum Tragen. Dies trifft nicht nur auf Kornkreise zu, sondern gilt für alles, was aus dieser Haltung heraus vollbracht wird.

Die Zukunft
Kornkreise zu fabrizieren macht süchtig. Das gilt für mich wie für die Freunde, mit denen ich zusammenarbeite. Wir sind noch lange nicht am Ende angekommen, denn wir haben die Kompetenz und den Willen, das größte und perfekteste Kornkreis-Projekt, das es je gegeben hat, zu realisieren. Vor einer eindrucksvollen Naturkulisse mit einem hochgelegenen, öffentlichen Aussichtspunkt in der Umgebung des Feldes wird das Ergebnis unserer Arbeit das diesjährige Projekt weit übertreffen. Zur Verwirklichung werden 60 Personen nötig sein. Dieses Korn-Kunstwerk könnte als einmaliges Teambildungs-Projekt für ein größeres Unternehmen verwirklicht werden. Lassen wir uns alle überraschen.