Visionen der Wirklichkeit

Raum, Materie und Bewusstsein

von Ervin Laszlo erschienen in Hagia Chora 4/1999

Der Beitrag des Club-of-Rome-Mitglieds und Gründers des Club of Budapest, Ervin Laszlo, eröffnet die neue Rubrik "Neue Wissenschaften" in Hagia Chora. Die moderne Weltsicht versucht, das Spannungsfeld zwischen intuitiver und wissenschaftlicher Erkenntnis aufzulösen. Ein Teil der wissenschaftlichen Avantgarde unterstützt diese Suche nach einer ganzheitlichen Erkenntnis des Lebens in einem beseelten Kosmos - für Hagia Chora das zentrale Anliegen einer neuen Geomantie.

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In der breiten Öffentlichkeit steht außer Frage, dass die Wissenschaft heute großen - vielleicht den größten - Einfluß auf die Gestaltung der Welt hat. Durchbrüche in der Biotechnologie vergrößern das Angebot an Nahrungsmitteln, verlängern unsere Lebenserwartung und liefern neuartige Heilmethoden für die vielen Krankheiten, die den Menschen befallen; Innovationen in der Mikroelektronik eröffnen die Datenautobahn für den globalen Verkehr und liefern mehr Informationen frei Haus, als im Mittelalter in der gesamten vatikanischen Bibliothek existierten. Durch Kommunikations- und Steuerungstechnik verkürzt der Mensch seine Arbeitszeit und übermittelt Gedanken und Bilder zu allen erdenklichen Bereichen; die Hochenergietechnik trotzt der Schwerkraft, macht sich die Kraft des Atoms untertan und erforscht den Weltraum ebenso wie das Reich der kleinsten Teilchen. Paradoxerweise schulden wir sogar die Tatsache, dass es keinen totalen Krieg gibt, den in der Hochenergiephysik erzielten Fortschritten: Die Waffen von heute sind so zerstörerisch, dass sie auch die potentiellen Sieger gefährden und die Kriegsbeute in vergiftete und radioaktive Trümmerhaufen verwandeln können. Atomkraft, Luft- und Raumfahrt, Wunderdrogen und sekundenschnelle Kommunikation sind technologische Nebenprodukte der Wissenschaft, und sie prägen die Welt, in der wir leben. Doch auch die Wissenschaft an sich prägt unsere Welt und zwar auf eine wesentlich subtilere Art und Weise. Wissenschaft ist mehr als Technologie, sie ist auch Bedeutung und Wissen - im Idealfall gewährt sie unverfälschte Einblicke in das Wesen der Dinge. Diese Faktoren prägen die Welt durch das Bild, das wir von uns selbst, von der Gesellschaft und von der Natur haben. Selbst wenn wir uns nicht darüber im klaren sind, beeinflusst dieses Bild unsere Wahrnehmung, färbt auf unsere Gefühle ab und ist maßgeblich dafür, wie wir innere Werte und soziale Verdienste beurteilen. Es schwingt in den Vorstellungen, Gefühlen, Werten und Ambitionen mit, die unser Bewusstsein ausmachen.

Ein neues Weltbild der Wissenschaft
Am Ende dieses Jahrhunderts wandelt sich das Weltbild der Wissenschaft. Es wandelt sich ebenso grundlegend, wie zu Beginn dieses Jahrhunderts, als Einstein Newtons harmonisches aber mechanistisches Uhrwerk-Universum durch ein relativistisches Universum ersetzte. Das neue Bild, das sich gegenwärtig in den neuen Naturwissenschaften abzeichnet - in der neuen Physik, der neuen Biologie, der neuen Psychologie und Psychotherapie - ist allerdings nicht allgemein bekannt. Die Darstellungsweise, die gemeinhin als "wissenschaftlich" gilt, ist obsolet. In den Augen der Bevölkerung zeichnet die Wissenschaft ein entmenschlichtes, trockenes und abstraktes Bild der Welt, reduziert sie auf Zahlen und Formeln. Das Universum wird als seelenlose Maschine und das Leben darin als Produkt des Zufalls präsentiert. Die charakteristischen Merkmale von Lebewesen werden als Ergebnis einer Abfolge zufälliger Ereignisse in der Geschichte der biologischen Evolution auf Erden dargestellt, und die Merkmale der Menschen scheinen auf eine zufällige Genkombination zurückzuführen zu sein, die ihnen bei der Geburt mitgegeben wird. Die Psyche wird angeblich von Urtrieben gesteuert, bei denen es einzig um das eigene Glück geht. Daraus folgert man dann, dass nur die Angst vor Sanktionen die Menschen davon abhält, zu stehlen und zu töten, Inzest zu begehen und sich der Promiskuität hinzugeben. Die neuen Wissenschaften zeichnen ein völlig anderes Bild von der Welt. Die bekannten Sichtweisen von Newton, Darwin und Freud, die Grundlagen der heutigen, vermeintlich wissenschaftlichen Ansichten über Mensch und Universum, wurden von neuen Entdeckungen abgelöst. Im Licht der neuesten Erkenntnisse stellt sich die Welt nicht länger als eine leblose, seelenlose Ansammlung von Brocken träger Materie dar, nicht als totes Gestein, sondern eher als lebendiger Organismus. Leben ist kein Produkt des Zufalls, und die Urtriebe der menschlichen Psyche beschränken sich bei weitem nicht auf das Streben nach Sex und dem eigenen Glück.

Materie und Raum
Die Veränderungen der wissenschaftlichen Sichtweise der Welt spiegeln sich bereits in der Auffassung wider, die wir von den beiden grundlegenden Merkmalen der Wirklichkeit haben: Materie und Raum. In der westlichen Welt hat uns der gesunde Menschenverstand schon immer gesagt, dass Materie und Raum nebeneinander bestehen. Sie sind die Hauptpfeiler der Wirklichkeit. Die Materie füllt den Raum und bewegt sich darin, und der Raum bildet den Hintergrund bzw. das Behältnis. Diese klassische Auffassung wurde in Einsteins relativistischem Universum - wo die Raumzeit zu einem integrierten vierdimensionalen Kontinuum wurde - und auch in Bohrs und Heisenbergs Quantenwelt grundlegend revidiert. Jetzt wird sie erneut überdacht. Nach neuesten Erkenntnissen der Wissenschaftler über die Natur des Quantenvakuums, dem Energiemeer, das aller Raumzeit zu Grunde liegt, darf man Materie nicht länger als primär und Raum als sekundär betrachten. Vielmehr ist der Raum - das kosmisch ausgedehnte "Nullpunktfeld" des Quantenvakuums - die primäre Wirklichkeit. Der Grund für die Verschiebung von Materie zu Energie als primäre Wirklichkeit ist die Entdeckung, dass das Quantenvakuum trotz seines Namens kein leerer Raum - kein Vakuum - ist, sondern gefüllter Raum, Sitz des Nullpunktfeldes, das so genannt wird, weil die Energien dieses Feldes manifest werden, wenn alle anderen Energien in einem Teilchen oder System verschwinden - eben beim Nullpunkt. Dieses riesige Feld ist weder elektromagnetisch noch nuklear oder der Gravitation unterworfen, sondern vielmehr die Quelle der bekannten elektromagnetischen, nuklearen und Gravitationskräfte und -felder. Das Quantenvakuum ist auch die Quelle der materiellen Teilchen an sich. Stimuliert man das Nullpunktfeld mit genügend Energie - in Größenordnungen von 1027 erg/cm3 - wird ein bestimmter Bereich darin vom negativen in einen positiven Energiezustand "gestoßen". Daraus resultiert die "Paarbildung" von Teilchen: Aus dem Vakuum tritt ein (reales) positiv geladenes Teilchen heraus, und ein (virtuelles) negativ geladenes Zwillingsteilchen verbleibt darin. Die Energiedichte des Nullpunktfeldes ist unvorstellbar hoch. Laut dem Physiker John Wheeler liegt sie (unter Zugrundelegung von Einsteins Masse-Energie-Gleichung E = mc2) bei 1094 Gramm pro Kubikzentimeter. Das ist ein größerer Wert als die gesamte Materiedichte des Universums, die lediglich 10-29 g/cm3 beträgt. Wir können von Glück sprechen, dass die Energien des Vakuums "virtuell" sind, denn da Energie gleich Masse ist und Masse immer mit Gravitation einhergeht, würde dieses superdichte Universum sonst augenblicklich auf eine Größe zusammenschrumpfen, die kleiner ist als der Radius eines Atoms.

Die Energie des Nullpunktfeldes
Beim beobachtbaren Universum haben wir es nicht mit verdichteten Vakuumenergien zu tun, sondern mit verdünnten. Das bedeutet die Abkehr von der Vorstellung, Materie sei dicht und autonom und bewege sich in einem passiven, leeren Raum. Materie entsteht aus einem nahezu unendlichen virtuellen Energiefeld. Die Materie, die das sichtbare Universum ausgestaltet, wurde "geschaffen", als das Vakuum bei der als Urknall bezeichneten Explosion destabilisiert wurde. Die dabei freigesetzten enormen Energien brachten Energiepaare aus dem Vakuum hervor, und diejenigen, die sich nicht gegenseitig vernichteten, bildeten den materiellen Inhalt des Universums. Heute wissen die Wissenschaftler, dass Materie nicht nur in ihren Ursprüngen, sondern auch in ihrem Verhalten eine enge Verbindung zum Vakuumfeld besitzt. Möglicherweise ist schon die Trägheitskraft auf Wechselwirkungen mit dem Vakuumfeld zurückzuführen. In einer 1994 veröffentlichten bahnbrechenden Studie zeigten Bernhard Haisch, Alfonso Rueda und Harold Puthoff auf mathematischem Weg, dass die Trägheit als eine auf dem Vakuum basierende Lorentz-Kraft zu sehen ist.1 Die Kraft entsteht noch unterhalb der Ebene der Teilchen und setzt der Beschleunigung materieller Objekte Widerstand entgegen. Die beschleunigte Bewegung von Objekten im Vakuum erzeugt ein Magnetfeld, und die Teilchen, aus denen das Objekt besteht, werden durch dieses Feld abgelenkt. Je größer das Objekt, desto mehr Teilchen enthält es. Um so größer ist folglich die Ablenkung - und die Trägheit. Trägheit ist somit eine Art elektromagnetischer Widerstand, der bei beschleunigten Bewegungen durch die Verzerrung des aus virtuellen Partikeln bestehenden Gases des Vakuums entsteht.

Trägheit, Masse und Gravitation
Nicht nur die Trägheit, sondern auch die Masse scheint Produkt der Vakuumwechselwirkung zu sein. Wenn Haisch und Mitarbeiter recht haben, dann ist der Massebegriff in der Physik weder grundlegend noch notwendig. Bei einer Wechselwirkung zwischen den masselosen elektrischen Ladungen des Vakuums (den Bosonen, die das superflüssige Nullpunktfeld bilden) und dem elektromagnetischen Feld wird nach Überschreiten einer Schwellenenergie von 1027 erg/cm3 in der Tat Masse "erschaffen". Somit ist Masse vielleicht eine Struktur aus kondensierter Vakuumenergie und keine grundlegende Größe des Universums. Wenn Masse ein Produkt der Vakuumenergie ist, dann gilt dasselbe für die Gravitation. Schwerkraft ist bekanntlich durch Masse bedingt. Sie richtet sich nach dem Abstandsquadratgesetz (die Gravitation nimmt proportional zum Quadrat des Abstands zwischen den Massenmittelpunkten der sich anziehenden Körper ab). Wenn also Masse aus Wechselwirkungen mit dem Vakuum gebildet wird, dann muss auch die Kraft, die mit der Masse zusammenhängt, auf diese Weise entstehen. Das bedeutet jedoch, dass alle grundlegenden Merkmale, die wir gewöhnlich mit Materie assoziieren, Produkte einer Wechselwirkung mit dem Vakuum sind: Trägheit, Masse und auch Gravitation. Jetzt leuchtet es ein, Materie als ein Produkt des Nullpunktfeldes des Vakuums zu betrachten. In dieser Auffassung gibt es keine "absolute Materie", lediglich ein absolute Materie erzeugendes Energiefeld. Diese Sichtweise von Materie und Raum scheint den gesunden Menschenverstand mit den Füßen zu treten, doch bei genauerer Betrachtung stellt sich heraus, dass sie der populären Auffassung über das Wesen der Wirklichkeit näher steht, als den Standardvorstellungen der Physik des 20. Jahrhunderts. Die Abstraktion, die die Schüler im Physikunterricht schwindeln lässt, stellt kein Problem mehr dar: Licht und Gravitation sind keine phantomartigen Wellen, die sich im leeren Raum fortpflanzen. Die Raumzeit verfügt nicht nur über eine Geometrie à la Einstein, sondern auch über eine physikalische Wirklichkeit. Wir haben es mit einem Plenum zu tun, mit einem mit virtueller Energie gefüllten Medium, das gestört werden kann - das Muster und Wellen bildet. Licht und Schall sind sich fortpflanzende Wellen in diesem kontinuierlichen Energiefeld, und Tische, Bäume, Felsen, Schwalben und andere scheinbar feste Objekte sind stehende Wellen darin.

Das Wesen von Leben und Geist
Die subtile Beziehung zwischen der Materie und dem Energiefeld, das ihr in der Tiefe des Universums zu Grunde liegt, verändert auch unsere Sichtweise vom Leben. Es scheint, dass die Wechselwirkungen mit dem Quantenvakuum sich nicht nur auf Mikropartikel, sondern auch auf lebendige Systeme erstrecken. Im Zusammenhang mit der gesamten Palette an Wechselwirkungen zwischen dem Vakuum und der Mikro- sowie der Makrowelt ist die Arbeit einer Gruppe russischer Physiker von besonderer Bedeutung. Laut der "Torsionsfeldtheorie des physikalischen Vakuums" von Akimov und Mitarbeitern bilden alle Objekte, von Quanten bis hin zu Galaxien, Wirbel im Vakuum - Spins im kosmischen Äther. Diese Torsionswellen sind äußerst langlebig. Sie können auch ohne das Objekt, das sie ursprünglich erzeugte, weiter bestehen. Die Existenz derartiger "Torsionswellenphantome" bei Lebendgewebe wurde von Vladimir Poponin und seiner Arbeitsgruppe am Institut für biochemische Physik der Russischen Akademie der Wissenschaften experimentell bestätigt.2 Poponin, der das Experiment zwischenzeitlich am Heartmath Institute in den USA wiederholt hat, gab eine DNA-Molekül-Probe in eine temperaturgeregelte Kammer und bestrahlte sie mit einem Laserstrahl. Er wies nach, dass das elektromagnetische Feld um die Kammer eine spezifische, mehr oder weniger erwartete Struktur aufwies. Diese Struktur bestand noch lange, nachdem die DNA selbst aus der Kammer entfernt wurde, fort - eine neue Feldstruktur wurde von dem physikalischen Vakuum ausgelöst. Durch Wechselwirkungen mit dem Nullpunktfeld des Quantenvakuums ist der Organismus auf subtile und doch wirksame Weise mit seiner Umgebung verbunden. Das Leben entwickelt sich, ebenso wie das Universum, in einem "heiligen Tanz" mit einem zu Grunde liegenden Feld. Das bedeutet, dass Lebewesen keine von Haut umschlossenen Körper sind und dass in der Welt der Lebewesen nicht die rauhen Gesetze des klassischen Darwinismus gelten, denen zufolge jeder gegen jeden kämpft und jede Spezies, jeder Organismus und jedes Gen einzig auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Lebewesen sind Bestandteile eines riesigen Netzes enger Beziehungen, das die Biosphäre umspannt, und die wiederum ist ein Element, das mit den größeren Zusammenhängen, die in den Kosmos reichen, in Verbindung steht.
Geist und Bewusstsein - Merkmale des menschlichen Organismus - sind in dieses Beziehungsgeflecht eingebettet. Wir beginnen nun zu begreifen, dass das Feld der Information, aus dem unser Gehirn einige Eigenschaften der Welt jenseits unseres Scheitels zu Tage fördert, sich nicht nur auf das sichtbare Spektrum der elektromagnetischen Wellen und das hörbare Spektrum der Schallwellen beschränkt. Es dehnt sich bis zu den sich im Nullpunktfeld des Vakuums fortpflanzenden Wellen aus. Alles, was sich in unserem Kopf abspielt, hinterlässt seine Wellenspuren in dem umgebenden Vakuumfeld, und die subtilen Muster, die sich dort fortpflanzen, können in den entsprechenden Bewusstseinszuständen empfangen werden.

Veränderte Bewusstseinszustände
Beweise für diese bemerkenswerte Aussage sind die Erfahrungen von Kindern, von Menschen sogenannter primitiver Kulturen und von Menschen in veränderten Bewusstseinszuständen. Zu diesen Zuständen zählen Träume, kreative Trance, mystische Verzückung, Tiefenmeditation oder inbrünstiges Gebet, Hypnose und jene Zustände in Gehirn und Geist, die auftreten, wenn der Körper dem Tod nahe ist. Seit den klassischen Studien von Elisabeth Kübler-Ross haben klinische Psychologen und Fachwissenschaftler systematische Untersuchungen über Nahtoderfahrungen durchgeführt. Es scheint, dass Menschen, die dem Tod nahe sind, eine außergewöhnliche Erfahrung machen, bei der das Erinnerungsvermögen besonders ausgeprägt ist. Raymond Moody jr. zufolge ist heute "erwiesen", dass die Erfahrungen einer beträchtlichen Zahl von Menschen, die nach Eintritt des klinischen Todes oder bei drohendem klinischem Tod wiederbelebt worden waren, sich in den einzelnen Fällen stark ähneln. Dabei spielen Alter, Geschlecht, Ausbildungsstand, religiöser, kultureller oder sozioökonomischer Hintergrund des Patienten keine Rolle.3 Die Erfahrung - bei der der Erlebende u.a. sein Leben wie in einem Film in hoher Geschwindigkeit an sich vorbeiziehen sieht - ist weiter verbreitet als gemeinhin angenommen: George Gallup jr. fand in einer 1982 durchgeführten Untersuchung heraus, dass alleine in den USA etwa acht Millionen Menschen diese Erfahrung gemacht haben. Bei dieser äußerst lebendigen, sogenannten Panoramaerinnerung (panoramic memory) erscheinen die geistigen Bilder ungewöhnlich schnell, real und genau. Die Betroffenen meinen, sich an alles zu erinnern, was sie in ihrem Leben erlebt haben. Kein Gedanke oder Ereignis scheint verloren gegangen zu sein. Nahtoderfahrungen ermöglichen offenbar, sich mit einem sozusagen absoluten Gedächtnis an frühere Erfahrungen zu erinnern. Diese Art des Gedächtnisses wäre atemberaubend: John von Neumann berechnete, dass die Informationsmenge, die ein Mensch während seines Lebens ansammelt, etwa 2,8 ¥ 1020 "Bits" entspricht. Ein ähnliches Phänomen des menschlichen Bewusstseins tritt auf, wenn Psychotherapeuten ihre Patienten in veränderte Bewusstseinszustände versetzen und sie in ihre frühe Kindheit zurückführen. Häufig stellen die Therapeuten fest, dass sie noch weiter in der Zeit zurückgehen können, bis hin zu Erfahrungen, die im Mutterleib gemacht wurden. Manche gehen sogar noch weiter zurück, zu - wie es scheint - "früheren" Leben. Viele Patienten können sich an mehrere frühere Leben erinnern, die zusammen einen großen Zeitraum abdecken. Oft stehen diese Erfahrungen im Zusammenhang mit gegenwärtigen Problemen und Neurosen. Unter Thorwald Dethlefsens Krankengeschichten findet sich z.B. die Geschichte eines Patienten, der auf einem an sich funktionellen Auge nicht sehen konnte. Er erinnerte sich daran, wie ihm im Mittelalter als Soldat sein Auge von einem Pfeil durchbohrt wurde.5 Ian Stevenson erzählten Kinder Erfahrungen aus vergangenen Leben, von denen viele sich auf Menschen bezogen, die tatsächlich gelebt hatten. Die rätselhaftesten Fälle waren die, wo die Versuchspersonen in einer ihnen unbekannten Fremdsprache redeten.6

Das Phänomen der Telepathie
Ein weiteres, bisher als anormal eingestuftes Faktum des Bewusstseins ist der telepathische Kontakt bzw. die telepathische Kommunikation. Traditionell gingen die Wissenschaftler davon aus, dass Menschen nur über Gesten, Gesichtsausdruck und Sprache, sozusagen im "Standardmodus" miteinander kommunizieren können. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass Kommunikation auch im "telepathischen Modus" erfolgen kann. Wahrscheinlich war Telepathie in den sogenannten "primitiven Kulturen" weit verbreitet. Schamanen nutzten eine Vielzahl unterschiedlicher Techniken, um sich in die dafür notwendigen veränderten Bewusstseinszustände zu versetzen. Beispiele für solche Techniken sind Rückzug in die Einsamkeit, Konzentration, Fasten, Singen, Tanzen, Trommeln und Einsatz psychedelischer Pflanzen. Die Gabe der Telepathie war allerdings nicht nur den Schamanen vorbehalten. Es scheint, als hätten ganze Stämme über diese Fähigkeit verfügt. Bis heute wissen die Aborigines Australiens auch ohne Vermittlung der Sinnesorgane über das Schicksal von Angehörigen und Freunden Bescheid. Wissenschaftliche Beweise für unterschiedliche Arten von Telepathie kommen aus Forschungslabors, in denen kontrollierte Experimente durchgeführt wurden. Vorreiter war J.B. Rhine mit seinen in den 30er-Jahren an der Duke University durchgeführten Karten- und Würfelrateversuchen. In den vergangenen Jahren sind die Versuchsbedingungen zunehmend strenger geworden. Dennoch erwiesen sich Erklärungsversuche wie heimliche sensorische Hinweise, manipulierte Messgeräte, Betrug durch die Versuchspersonen und Fehler oder Inkompetenz des Versuchsleiters bei einer Reihe statistisch signifikanter Ergebnisse als unzutreffend.
In den siebziger Jahren führten Russel Targ und Harold Puthoff einige der bekanntesten Versuche über telepathische Gedanken- und Bildübertragung durch. Sie wollten herausfinden, ob es wirklich so etwas wie eine spontane Signalübertragung zwischen zwei Menschen gibt. Sie ernannten eine Versuchsperson zum "Sender", eine andere zum "Empfänger". Der Empfänger wurde in einen versiegelten, uneinsehbaren und elektrisch abgeschirmten Raum gebracht und der Sender in einen anderen Raum, wo er in regelmäßigen Abständen grellen Lichtblitzen ausgesetzt wurde. Mit Elektroenzephalographen wurden die Gehirnwellenmuster beider Versuchspersonen registriert (EEG). Wie erwartet, wurden beim Sender die rhythmischen Gehirnwellen aufgezeichnet, die normalerweise beim Anblick greller Lichtblitze auftreten. Nach kurzer Zeit wurden dieselben Muster auch beim Empfänger registriert, obwohl er diesen Lichtblitzen nicht ausgesetzt war. In ähnlichen Experimenten wurde die spontane Harmonisierung der Gehirnwellen der linken und der rechten Hemisphäre des Gehirns einer bestimmten Versuchsperson untersucht. Beim normalen Wachbewusstsein weisen die beiden Gehirnhälften unkoordinierte, zufällige Abweichungen im Wellenmuster auf. Bei Versuchspersonen, die sich in einem meditativen Bewusstseinszustand befinden, gleichen sich diese Muster an. Diese Synchronisation wurde nicht nur zwischen den Gehirnhälften einer Versuchsperson, sondern auch zwischen zwei Personen, die gleichzeitig meditierten, nachgewiesen. Veränderte Bewusstseinszustände scheinen als Vermittler zwischen dem Gehirn und fast jedem Teil des bekannten Universums zu fungieren. Zu dieser Schlussfolgerung kommt Stanislav Grof, demzufolge wir der bekannten "biographisch-erinnerbaren" Domäne der Psyche eine "perinatale" und eine "transpersonale" Domäne hinzuzufügen hätten. Diese scheinen dem Menschen Zugang zu Informationen zu gewähren, die nicht mit den Sinnesorganen erfasst werden können und die vielleicht nicht einmal aus seinem jetzigen Leben stammen. Angesichts der heute vorliegenden Beweise bestätigt sich C.G. Jungs ursprüngliche Erkenntnis. Außer dem individuellen Unbewussten scheint es noch ein kollektives Unbewusstes zu geben. Dieses Unbewusste, so legen die neuen Wissenschaften nahe, hat seine Wurzeln in den subtilen Wellenmustern des Quantenvakuums, im allumfassenden und allgegenwärtigen "flüsternden Teich" des Universums.

Schlussfolgerungen
In dem von den neuen Wissenschaften geprägten Bild gibt es keine kategorische Trennung zwischen der physischen Welt, der Welt der Lebewesen und der Welt von Geist und Bewusstsein. Leben und Geist fügen sich stimmig in einen hochkomplexen Gesamtprozess ein, der nach einem harmonischen Plan abläuft. Raum und Zeit bilden gemeinsam den dynamischen Hintergrund des beobachtbaren Universums. Die Materie tritt hinter der Energie als grundlegendes Merkmal der Wirklichkeit zurück, und kontinuierliche Felder ersetzen diskrete Teilchen als Grundelemente eines auf Energie beruhenden Universums. Leben ist ein enges Beziehungsgeflecht, das sich selbst fortentwickelt und dabei seine unzähligen Elemente miteinander koppelt und integriert. Die Biosphäre wurde aus dem Schoß des Universums geboren, Geist und Bewusstsein aus dem Schoß der Biosphäre. Unser Körper als Teil der Biosphäre befindet sich in Einklang mit dem übrigen Leben auf dem Erdball. Unser Bewusstsein ist Teil unseres Körpers und steht mit dem Bewusstsein anderer sowie mit der Biosphäre in Verbindung. Vor Tausenden von Jahren schrieb der chinesische Weise Zhuangzi: "Himmel, Erde und ich leben zusammen, und alle Dinge und ich bilden eine untrennbare Einheit." Jetzt wurde diese zeitlose Eingebung von den neuesten Erkenntnissen der neuen Wissenschaften wieder entdeckt und bestätigt. Auf Gregory Batesons Frage: "Welche Muster verbinden den Krebs mit dem Hummer und die Orchidee mit der Schlüsselblume und alle vier mit mir? Und mich mit dir?" wurde durch Beobachtung und Versuche Antwort um Antwort gefunden. Die Ergebnisse bestätigen William James tiefsinnige Metapher: Wir sind wie Inseln im Meer - auf der Oberfläche getrennt, aber in der Tiefe miteinander verbunden. Die Erkenntnisse der neuen Wissenschaften verleihen unserer Existenz eine neue Art von Bedeutung. Wir mögen zwar Bewohner eines kleinen Planeten in einem bescheidenen Sonnensystem am Rande einer Galaxis sein, aber mit unserem bewussten Geist sind wir eine der im wahren Wortsinn entwickelten Manifestationen des großen Prozesses, der in kosmischer Raumzeit Galaxien, Sterne und Planeten hervorgebracht und auf der Oberfläche eines in Sonne gehüllten Planeten immer komplexere Lebenformen geschaffen hat. Diese Erkenntnisse sollten in uns auch ein tieferes Verantwortungsgefühl erwecken. Als mit Bewusstsein ausgestattete Hauptfiguren im kosmischen Drama müssen wir sicherstellen, dass die Evolution auf diesem Planeten nicht in eine Sackgasse gerät. Wir müssen dafür sorgen, dass sie das große Abenteuer unserer Spezies fortsetzt und eine Welt gestalten, in der Individualität, Innovation und Verschiedenartigkeit nicht Quellen von Zwist, Machtgier und Erniedrigung sind, sondern die Grundlage für Harmonie, Kooperation und gemeinsame Entwicklung.