Mutter Erde Menschenkind

Ausdruckstanz als Zugang zu anderen Bewussteinsebenen

von Freia Leonhardt erschienen in Hagia Chora 4/1999

Tanz ist eine selbstverständliche Form des Kraftschöpfens - der Körper ein kostbares Gefäß feinster Verständigungsmuster. Tanzen ist kein Luxus, keine formal begrenzte Technik, sondern die Gegenwart des körperlichen, greifbaren Seins im Raum des Feinstofflichen, ein Spiegel von seelisch-geistigen Strömen.

Von der Landschaft zum Menschenkörper: Es ist nicht leicht, darüber zu schreiben, weil dieses Wesen von der Wandlung lebt, die Sprache aber etwas fügen möchte, was zumindest für den Augenblick feststeht. Wie also schreiben, ohne die Lebendigkeit preiszugeben? Ich beginne dort, wo ich vor vielen Jahren manche Ebenen der reinen Kunst als Tänzerin verlassen habe.

Hässlichkeit
Ausbildung in klassischem und modernem Tanz: Sich vor der großen Spiegelwand dehnen, Formen nachahmen, Bewegungsabläufe einstudieren. Wir werden trainiert, einer Ästhetik von glattem Bewegungsfluss und taktgerechtem Einsatz zu folgen. Die äußerliche Form ist der Maßstab, auch für unseren Körper. Ich bin eher südländisch, klein und formenreich. Es lässt mich aus dem Rahmen fallen. In all dem äußeren Üben scheint zu meinem inneren Empfinden kein Sinnzusammenhang zu bestehen. Was will ich als Tänzerin? Ich will berühren, will Tänze tanzen, die den Atem des Windes über einem grünen Kornfeld spüren lassen, den Duft von nasser Erde, Tänze, in denen die Bewegung der Stille anklingt - Menschentänze von Zartheit und Wildnis, Zerbrechlichkeit und Kraft, Traurigkeit und Glück. Im Ausdruckstanz finde ich zu meinen Wurzeln. Ich entdecke in vielen Auftritten zu Kunstobjekten, wie körperliche Bezugnahme mir einen anderen Raum zur Wahrnehmung öffnet.

Verwandlung
Im Garten meiner Mutter: ihre Hühner, Hähne und vielgestaltigen Vogelskulpturen, Keramik - gebrannte Erde. Lange sitze ich still und lausche in die runde Unbeweglichkeit der Hühner hinein. Anziehung, Sammlung zieht in meinen Körper ein, ein weiter Raum, ich bin im Ei, bin das, aus dem sich der Atem entfaltet, der den Raum mit dem Körper verbindet. Es breitet sich aus bis zu meinen Zehen, Bewegung dringt in die Füße vor, ein breiter Strom wachsender Lebendigkeit beginnt seinen Puls zu entfalten. Es wächst ein Vogelwesen, erst tastend, dann sich ausdehnend bis hin zum Augenblick des Fliegens. Keine Musik - oder doch? Von ferne ein Zug, einzelne Vogelstimmen, die schweigenden, offenen Gesichter der Menschen. Stille breitet sich aus im Garten.