Spiegelbild
Die Wechselbeziehung von Wasser und Mensch
Wer hat nicht schon einmal in herrlich spiegelndem Wasser sein Ebenbild betrachtet? Kraft seiner speziellen Eigenschaften kann Wasser zum Spiegelbild unseres gesamten Daseins werden. Keinem anderen Stoff ist das Leben so verbunden - alles Leben kommt aus dem Wasser. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, warum wir diesem Lebenselement in unserer modernen Zivilisation überwiegend nur am Wasserhahn oder auf der Toilette begegnen. Ernstfried Prade stellt eine Reihe von kritischen Betrachtungen unserer Situation an und ruft zu einem lebendigen Dialog mit dem Wesen des Wassers auf.

Es gibt Forscher, die nachweisen, dass sich das Wort Seele von See ableitet. Vielleicht auch deshalb, weil dem See das Spiegelmoment immanent ist. Seelisches wurde immer mit Wasser in Verbindung gebracht. Waschungen, Bäder und Trinkkuren bringen körperliche und seelische Heilung. Wasser spielt im Mythos aller Kulturen eine zentrale Rolle. Bei den Babyloniern vereinigte sich ein Muttergeschöpf mit dem Vater (Salzwasser und Süsswasser), ihre Nachkommen schufen dann aus dem kosmischen Ursprung Himmel und Erde. Heilquellen werden mit Muttergottheiten in Beziehung gebracht. In den Vedenschriften heißt das Wort für Gewässer übersetzt "die Mütterlichen". In der griechischen Mythologie waltet Poseidon, der Gott des Meeres, in seinem Wasserpalast. Flüsse und Quellen sind von Nymphen und anderen Wesen, von Göttinnen und Göttern bevölkert und gelten als Symbole für die lebensspendende Kraft des Wassers. Besonders die Quellen werden als Wohnungen der Götter verehrt; nach Rudolf Steiner sind die Quellen Augen der Erde. Überlieferungen warnen davor, in einen Brunnen etwas hineinzuwerfen, weil er ein Auge Gottes sei. Und auch Goethe lässt uns wissen: Alles ist aus dem Wasser entsprungen! Alles wird durch das Wasser erhalten! Ozean, gönn uns dein ewig Walten. Wenn du nicht Wolken sendest, nicht reiche Bäche spendest, hin und her nicht Flüsse wendest, die Ströme nicht vollendest, was wären Gebirge, was Ebenen der Welt? Du bist s, der das frische Leben erhält. Eine Taufe ohne Wasser wäre keine Taufe. Katharina Emmerich berichtet uns von der Taufe am Jordan, dass Johannes eine Schale verwendete, aus der das Wasser aus drei Rinnen auf Jesus herabfloss. Ein Strahl floss auf das Hinterhaupt, einer auf die Mitte des Hauptes und einer über Vorderhaupt und Angesicht. Sie beschreibt, dass es sich dabei um drei Gaben handelt, für Geist, Seele und Leib. Die Gaben für unseren physischen Leib sind uns bekannt, doch um welche handelt es sich für Seele und Geist? Wollen wir auch die seelisch-geistige Dimension des flüssigen Elements erfassen, so können wir zu dem Bilde gelangen, dass der Wasserkreislauf seit Urzeiten ein lebensspendendes Prinzip verfolgt. Aus den beiden sichtbaren Aggregatzuständen wandelt sich Wasser, steigt hoch bis in eine überirdische Geistigkeit, befruchtet sich dort und kehrt wieder zu uns zurück. Wasser wurde bei der Taufe nicht nur symbolisch zur Reinigung verwendet, sondern eröffnet dem Täufling weitreichende geistige Dimensionen.
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