Genius des Wachsens

Ein Spielplatz kooperiert mit der Seele des Ortes

von Rainer Söhmisch erschienen in Hagia Chora 2/1999

In Landschafts- und Städteplanung wird eine Neuorientierung immer wichtiger. Bei Wettbewerben täuschen aufwendige Grafik und computergeneriertes Design häufig über den Mangel an Inhalten, die auf die Identität des Ortes oder der Landschaft eingehen, hinweg. Der Landschaftsarchitekt Rainer Söhmisch beschreibt ein ganzheitlich geplantes Bauprojekt, das von der Geomantie des Ortes ausgeht.

Die Auseinandersetzung mit dem Genius loci, von den Griechen interpretiert als der "Geist, der an einem Ort herrscht", kann der Landschaftsplanung eine von vielen möglichen Antworten geben. Die Auseinandersetzung mit dem Genius loci weist den Weg zur Geomantie. Ein zugrundeliegende Kerngedanke ist, daß jeder Platz der Erde durch die Summe der dort wirkenden natürlichen Einflüsse einmalig ist. Die Baumeister der Antike wußten darum. Sie wußten auch, daß der Mensch integraler Bestandteil der Umwelt ist. Wurde dies vergessen, kam es zu Entfremdung und Zerrissenheit, denn der Mensch lebte als integraler Bestandteil in der Natur und war von den Naturkräften abhängig. Plätze für Siedlungsgründungen oder Hausbau wurden in langwierigen Verfahren ausgesucht. Der Einfluß der menschlichen Bautätigkeit auf die Natur wurde beobachtet, um Schäden zu vermeiden oder auszugleichen. So ist es zu verstehen, daß bedeutsame Städte des Altertums, wie z.B. Troja, nach mehreren Kriegseinwirkungen immer wieder an demselben Ort aufgebaut wurden, obwohl es sicherlich einfacher und billiger gewesen wäre, sie an anderer Stelle völlig neu zu errichten. An heiligen Orten, wie z.B. Delphi, gelang den Griechen mit ihrer Einfühlsamkeit in den Ort die Versöhnung von Mensch und seinem Eingriff in die Natur besonders deutlich. Und heute? Siedlungen und Städte wuchern ohne Bezug zur umgebenden Landschaft und der in ihr wirkenden natürlichen Kräfte ins Maßlose. Architektur und Städtebau haben vielfach den Bezug zum Menschen und dessen Sehnsucht nach einem individuellen Ort des Wohnens verloren. Technische Infrastruktur wie Stromleitungen oder Sendeanlagen überlagern und verfälschen zudem die natürlichen Energiemuster und wirken auf Mensch und Natur ein. Ist es nicht eine ureigene Aufgabe des Landschaftsplaners, sich für die Versöhnung von Mensch und Natur einzusetzen? Sicherlich wird dies vielfach versucht, meist jedoch intuitiv. Solange das unsichtbare Wesen des Genius loci und ganz besonders die Bedeutung besonderer Orte nicht bewußt einbezogen werden, kann diese Versöhnung nur unzureichend gelingen. Der Ort mit seiner "Seele" und seinen besonderen Wesenskräften will erkannt sein. Die beseelte Ökologie, die beseelte Planung ist gefordert!

Hier können Sie einen neuen Kommentar zu diesem Artikel verfassen





Bitte lösen Sie die untenstehende Rechenaufgabe und tragen Sie das richtige Ergebnis ein. Sie helfen damit, den Missbrauch dieses Online-Formulars und Spam zu verhindern. Herzlichen Dank.

sechs minus vier =