Die himmlische Stadt

Eine geomantische Sicht auf die historische Entwicklung der Städte

von Dipl. Ing. Stefan Brönnle erschienen in Hagia Chora 2/1999

Unsere nomadischen Ahnen lebten eingebunden in die Zyklen der Natur. Wie ein Kind im Mutterleib lebten sie von dem, was die Erde ihnen gab. Doch wie der Mensch in seiner Entwicklung sich von seiner Mutter abgrenzt, um sich zu individualisieren, so mußte sich die Menschheit in ihrer Kollektiventwicklung von "Mutter Natur" abgrenzen, um sich individualisieren zu können. In diesem Prozeß der Menschheit spielt noch immer die Stadt die zentrale Rolle. Stefan Brönnle betrachtet die Elemente von Stadtplanungen aus geomantischer Sicht.

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Irgendwann einmal - vermutlich zeitgleich mit der Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht - muß sich der Mensch erschreckend bewußt geworden sein, daß er von der Natur getrennt ist, daß er selbständig zu denken und zu handeln befähigt ist und er - wenngleich mit ihr verwoben - der Erde gegenübersteht. In dieser ersten Verlorenheit muß das Bedürfnis nach einem neuen Bezugspunkt, einer Mitte, überwältigend gewesen sein. Wie wichtig uns unsere Beziehung zu einer geistigen Mitte ist, zeigen Wörter wie "Medi-zin" oder "Medi-tation". Die geistige Mitte, der Mythos vom Omphalos (Nabel der Welt) war geschaffen.
Um diese eigene neue Mitte jedoch leben zu können, bedurfte es einer klaren Abgrenzung von der Natur. So schuf der Mensch einen magischen Schutzkreis um sich und trennte so das Innen vom Außen. Für den berühmten Religionswissenschaftler Mircea Eliade haben so auch die ersten Wälle, Palisaden und "Stadtmauern" zuallererst magische Funktion. Sie schützen die menschliche Gemeinschaft vor der "wilden Natur", mit den in ihr wirkenden Geistern und Kräften. Aufbauend auf der neuen geistigen Mitte, dem "Nabel", dem Bezugspunkt zum Ort und der Schutz gewährenden Umhegung, konnte nun der Mensch sich seine eigene Ordnung schaffen.
Grundlage für die Ordnung der Städte waren stets geometrische Formen wie Kreis und Rechteck. Diese kommen aber - abgesehen von kristallinen Formen im Schnee oder, seltener mit bloßem Auge zu beobachten, in Mineralien - in der Natur nicht vor. So schuf sich der Mensch ein eigenes Umfeld nach menschlichem Maß. Die ersten Schritte zu einer der Philosophie, in welcher der Mensch beginnt, über den Menschen nachzudenken, sind in den ersten Städten zu suchen. Denn alles ist hier menschengemacht. Selbst Bäume wachsen dort, wo sie der Mensch pflanzt.
Mitte, Umgrenzung und Ordnung der Stadt sind die Grundlagen, auf denen die Individuation des Menschen fußt. Im indischen Städtebau wird dies offenkundig: Bezugnehmend auf die heilige Mitte, den "Nabel", wird ein Mandala auf den Boden gezeichnet - das Vastu Purusha. Es ist quadratisch begrenzt und trennt das wilde Außen vom geistig-kuturellen Innen. Bezugsystem ist der Mensch, der als liegende Gestalt in das Vastu-Purusha-Mandala gezeichnet wird. Die Mitte, der Nabel, ist dem höchsten Schöpfungsprinzip Brahma geweiht. Von hier nimmt die Heiligkeit schrittweise nach außen ab. Naturkräften wird am Rande Platz gegeben. Das Vastu Purusha ist in bis zu 81 Teilquadrate unterteilt (die Padas), die Götterprinzipien verkörpern. Mitte (Nabel), Grenze (Mandalarand) und Ordnung (Padas) sind die Grundlagen der Stadtplanung und Individuation. Ein indischer Urmythos beschreibt die Entstehung des Mandalas: In ihm erkennen die Götter, daß es etwas außerhalb ihrer selbst Existierendes gibt. Sie werfen sich auf dieses Etwas, das versucht, Himmel und Erde zu trennen, "be-greifen" es, fixieren es am Boden (in Raum und Zeit) und geben ihm einen Namen. Besser kann man die Bewußtwerdung des eigenen Ichs kaum beschreiben!
Aus der zentralen Stellung der Stadt im Individuationsprozeß und der Wichtigkeit der Abgrenzung der Natur wird auch verständlich, daß die zentralen vitalenergetischen Organe des Erdkörpers meist außerhalb der Altstadt gelegen sind. Mit zunehmender Entfremdung von der Natur bald vergessen und überbaut, bilden sie heute eines der größten geomantischen Probleme, die z.B. durch Marko Pogacnik in zahlreichen Stadtheilungsprozessen angegangen werden. Selten hält er sich dabei innerhalb des Altstadtkerns auf.
Ähnlich wie im indoeuropäischen Wurzelland Indien zeigt sich auch die Stadtplanung in China: Ausgehend vom Thron des Himmelssohnes in der Mitte der Stadt gab es mehrere Umhegungen. Die innerste wurde "Purpurne Stadt" genannt, denn nach altchinesischer Auffassung schimmert das Zentrum der Welt und der Polarstern purpurn. Sie bildet die geistige Mitte. Darum herum bauen sich die gelbe Stadt (die weltliche Mitte) und die weltliche Stadt des gemeinen Volkes auf. Der Thron des Himmelssohnes lag dabei auf der Kreuzung der mittleren Straßen eines Straßenrasters. Auch die Stadtgründungsrituale der Etrusker und der Römer, ebenso wie die Siedlungen der Kelten und Germanen folgen diesem Urprinzip aus Mitte, Umhegung und Ordnung.

Eine kurze Geschichte über die Stadt
In der Merowinger- und Langobardenzeit erlöschen die römischen Civitates. Völkerwanderung, Normanneneinfälle und Sarazenenstürme lassen den Unterschied von Stadt und Land verschwinden und stören die bestehende Ordnung der Städte. Im 10. Jahrhundert gab es so auch ausgedehnte Obstplantagen in den Städten. In dieser Zeit des Umbruchs entstandene, germanische Gründungen nach dem Fluchtburgprinzip sind heute noch durch die Endung "-wik" (= Weichen) erkennbar, z.B. Schleswig oder Braunschweig. Erst im 11. und vor allem 12. Jahrhundert beginnt sich die neue Ordnung durchzusetzen. Viele geistige Einflüsse fließen dabei ein: Römische, z.B. durch das "Corpus agrimensores romanorum" aus dem 6. Jahrhundert, biblische, wie die Visionen des Hesekiel oder die Vorstellung vom "himmlischen Jerusalem", sowie neuere christliche Elemente. Kathedrale und Stadt werden als ein und dasselbe Abbild verstanden. Die Entstehung der Bauhütten für die Kathedralen und die Hochblüte des Städtebaues fallen zusammen. Um 1091 gründete Konrad von Zähringen Freiburg im Breisgau. Die Verbindung des Geschlechtes der Zähringer zu den Zisterzienser-Mönchen, dem Bruderorden der Tempelritter, brachte es mit sich, daß diese die Zähringer bei ihren Stadtgründungen vor allem bei der Be- und Entwässerung berieten. Die Zisterzienser galten als Meister des Wasserbaus und waren von daher auch radiästhetisch gut bewandert.
Interessant ist, daß es sich bei den Zähringergründungen (1119 Villingen, 1120 Freiburg, 1157 Freiburg in Uechte, 1191 Bern) um erste mittelalterliche Planstädte handelte, deren Bauschema wie das der gotischen Kathedralen von Anfang an feststand und kaum eine Entwicklung erfuhr! Das Achsenkreuz der Städte schloß sich nirgendwo an bereits vorhandene Straßenkreuzungen an, sondern wurde neu ausgesteckt. Die Umhegung war meist oval oder halboval (mit Ausnahme des viereckigen Rottweil). Es ist daher anzunehmen, daß andere als profane Überlegungen die Stadtgestalt bestimmten. Entscheidend für die Gestalt war vor allem der Rang eines Ortes. Wie im indischen Vastu war damit bereits bei Planungsbeginn der Charakter, der Genius der Stadt, vorgegeben und als unveränderlich gedacht.
Im 13. Jahrhundert kam es zu einer zunehmenden Betonung der Vertikalen im Stadtgesicht. Dem Geist wurde deutlich Vorrang vor der Materie eingeräumt, und die den Omphalos bezeichnende Kirche beherrschte das Stadtbild. Die Ordnung wurde zunehmend rechtwinkliger, und auch radiästhetisch läßt sich nun zunehmend der Einbezug der Gitternetze in die Bauplanung nachweisen. Das Globalnetz erhielt als eine Ordnungsstruktur für die als chaotisch gedachte Materie erneut zunehmend Bedeutung.
Im späten Mittelalter wurde so auch die "Kristallfassung des Stadtjuwels" propagiert und durch die geometrischen Formen Quadrat, Vieleck und perfekter Kreis die Entfremdung von der Natur immer starrer und stärker. 1516 entwirft Thomas Morus sein "Utopia", sein Bild des idealen Stadt-Staates. Häuser werden hier zur bloßen Unterkunft, die alle zehn Jahre gewechselt werden soll. Eine Verortung des Menschen findet nicht mehr statt, und niemand soll mehr heimisch werden. Die Naturentfremdung geht einher mit der starken Patriarchalisierung. Mit den Stadtvorstellungen wandelte sich auch die Vorstellung vom Krieg. Dementsprechend wurde im 16. Jahrhundert der Städtebau Angelegenheit der "Festungs-Ingenieur-Offiziere" und lag damit fest in militärischer Hand. Beispiele sind die Idealstadt Daniel Specklins aus "Architektura von Vestungen" oder die von Vincenzo Scamozzi 1593 erbaute Stadt Palma Nova im Venezianischen.
In der barocken Stadtplanung wird schließlich - unter anderem durch die neue Art der Kriegsführung - die Enge des Mittelalters aufgebrochen, die Wallanlagen werden geschliffen, und der Weg in die Unendlichkeit der Ebene wird frei. Andererseits kristallisiert die Ordnung mehr und mehr und greift dadurch über auf die "wilde Natur". Damit wird das Denken auf eine neue Ebene gehoben: Der Mensch ist nun Herr über die Natur und muß sich nicht mehr vor ihr schützen. Existierende Leys werden durch endlose Achsen sichtbar gemacht und fixiert.
Die Stadtentwicklung und die Menschheitsentwicklung zeigen sich so bis heute als Spiegel: Die erste Abgrenzung, der Aufbau eigener Ordnungen, das Aufbrechen dieser festen Ordnungen und die Interaktion mit äußeren Ordnungen gehen einher mit der Entwicklung selbständiger und sozialer Wesen, deren Entfremdung von der Natur andererseits zu krebsgeschwulstartigen Auswucherungen der modernen Städte und der Verbreitung der Zivilisationskrankheit Krebs führten.

Die Standortwahl
Erster Schritt der Stadtgründung war stets die Begutachtung und Auswahl eines Ortes. Im indischen Vastu begutachtet ein Priester das Baugebiet aufgrund der Farbe, des Geschmacks und des Geruchs des Bodens, der Geländeneigung sowie dem Wuchs der Pflanzen. Besonderes Glück verheißt ein Osthang mit Wasser in Ost- oder Nordostrichtung, zumal wenn es sich von Ost nach Nordost bewegt. Bei den Etruskern, so wird berichtet, sah der Augur das "templum", die Umrisse der zukünftigen Stadt, am Himmel schweben. Er suchte das Zentrum auf und beurteilte das Gelände. Wuchsen hier schwarze Beeren, Dornensträucher oder Pflanzen mit blutroten Zweigen, so galten diese Pflanzen als schlechtes Prodigium. Eichen, Hasel, Birne, Apfel, Kornelkirsche u.a. dagegen galten als gute Vorzeichen. Mit besonderen Bäumen, die den unterirdischen Göttern unterstanden, z.B. Wegdorn, Blutkornelkirsche, Farn, Schwarzfeige, Pflanzen mit schwarzen Früchten, Stecheiche, wilder Birnbaum oder Brombeerstrauch konnten üble Prodigien verbrannt werden. Diese Standortbestimmungen waren als "Ostentarium arborium" bekannt.
Die Zähringer suchten sich für ihre Stadtgründungen gerne Orte, deren Ansprüche dem indischen Vastu gerecht werden würden, was einmal mehr den engen Bezug Mitteleuropas zum indischen Raum betont. Bevorzugt wurden topografische Situationen, die einem sogenannten Drachenrücken entsprechen: Langsam ansteigende Höhenrücken, die nach Erreichen des Gipfels rasch abfallen. Hier wurde zumeist eine Kirche oder, wie im Fall Berns, eine Burg errichtet. Der Bergsporn ragte meist nach Osten und wurde von einem Fluß östlich entgegen dem Uhrzeigersinn umflossen. Auch Städte wie Lübeck oder Wasserburg am Inn entsprechen diesem Archetyp. Durch die Umströmung des Stadtzentrums wurde - physikalisch gesprochen - ein offener Schwingkreis geschaffen, der die Stadt vom Umland abgrenzte, die Mitte zentrierte und eine starke energetische Achse schuf, die vom Kirchturm auf dem höchsten Punkt des Drachenrückens meist noch überhöht und gestärkt wurde.
Im chinesischen Feng Shui existieren klare Richtlinien zur Beurteilung der Position von Städten an Fließgewässern. Als positiv galt die Stadt des "Metalls" (nach den 5 Wandlungsphasen), die vom Wasser in gekrümmter Form umflossen wurde - ähnlich den Zähringerstädten. Auch die "Wasser"-Stadt, bei der das Wasser "in der Unklarheit gebogen und krumm" fließt, galt als positiv. Als neutral wurde die "Erd"-Stadt angesehen, die vom Fluß in einem korrekten Quadrat oder einem gleichmäßigen Kreis umflossen wurde. "Holz"- und "Feuer"-Standorte galten als ungünstig für den Städtebau, denn das "Holz" wird repräsentiert durch einen geraden, steilen Fluß des Wassers, das "Feuer" hingegen durch Gekrümmtheit und Zerissenheit des Flußlaufs (Klassiker vom Wasserdrachen).

Der Omphalos
Der Mythos vom Weltnabel, vom Omphalos, ist einer der zentralen Mythen der Völker der Welt. Stets ist die Mitte verbunden mit der Vorstellung von der Weltachse (axis mundi), einem Himmel, Erde und Unterwelt verbindenden Kanal. Der etruskische Augur suchte den "Umbilicus" (Omphalos) zu finden, der als Grube später das Zentrum der Stadt bilden sollte. Im Mythos von der Gründung Roms hebt Romulus den "Mundus" aus. Hierhinein werden von seinen Gefährten Erdschollen ihres Heimatortes geworfen. Dieser Mundus war die Kultstätte der Di Inferi, der Götter der Unterwelt. Ursprünglich wurde sie dreimal im Jahr als Tor zu den Göttern (also als axis mundi) geöffnet, später blieb sie, einmal versiegelt, bis zum Ende der Stadt verschlossen.
Der lapis niger, der schwarze Stein, der ursprünglich als Sitz der Göttin Kybele galt, übernahm die Rolle des Omphalos als Kennzeichnung des Grabes des Romulus. Die logische Fortsetzung dieser Linie war wiederum das Grab des Petrus in Rom, der selbst der "Fels" war. Nach jüdisch-christlicher Überlieferung tötete Jahwe die Urschlange (= Göttin) Rahab und begrub den Kopf im Zentrum der Welt. Dieser Ort wurde zu Adams Grab. Hier waren die vier Enden der Welt befestigt, und an diesem Ort soll auch Christus gekreuzigt worden sein (Golgatha = Schädel-des-Adam-Stätte), wo durch das Kreuz eine axis mundi entstand.
Auf solchen Urmythen beruhten die mittelalterlichen Stadtgründungen. Im Mitteleuropa des 15. Jahrhunderts galt als eine solche heilige Mitte die Stadt Bamberg. An den vier Enden des Reiches bildeten die Hofmarken Kleve, Schwarzburg, Cilli und Savoyen die vier Fixpunkte mit Bamberg als ideeller Mitte. Die Mitte Bambergs wiederum war durch die Tattermanns-Säule gekennzeichnet, die 1779 abgebrochen wurde. Bei den Karolingern gingen die Grafschaften von einem Kerngebiet in der Stadtmitte aus, wo die Pfalz und später das Münster stand. In Bern wurden Rechtssprüche in der Mitte der vier Viertel gesprochen, wo einst ein Richterstuhl stand. Angebunden an die axis mundi der Mitte, war der Richter mit den Engelwelten, ja Gott selbst verbunden.
Der Omphalos wurde dabei in der Stadt unterschiedlich markiert. Bekannt sind die Steine (ich erinnere an den lapis niger in Rom). So wurde die Mitte Nimwegens durch einen "Blauen Stein" markiert. Ebenso in Köln, Leiden und Mainz. In Horn gab es einen "Roten Stein" und in Worms den "Schwarzen Stein" als Fixierung der heiligen Mitte. Dabei mußte der Stein nicht zwangsläufig im geometrischen Zentrum der Stadt liegen. Oft bezeichnete der Randbereich der Stadt ein geistiges Äquivalent zur Mitte. Wie es die Bibel sagt: "Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein (= der zentrale Stein!) geworden".
Im frühen Mittelalter kennzeichneten oft Marktkreuze die heiligen Zentren. Sie symbolisierten den vom König garantierten Frieden. Oft lag die Kirche diagonal zur Kreuzung, auf der das Marktkreuz stand, um Fernblicke nicht zu stören. Die Diagonale, die durch Kirche und Marktkreuz gekennzeichnet wurde, war dabei von größter symbolischer Wichtigkeit. Meist waren die Marktkreuze auf einem kleinen Stufenberg errichtet, der radiästhetisch der Funktion eines Hornstrahlers oder eines frequenzselektiven Mikrowellenselektors gleicht und bestimmte Frequenzen zu verstärken imstande war. In Hansestädten wurde das Marktkreuz meist durch Rolandstatuen ersetzt. Roland ist dabei ein Symbol der Freiheit der Stadt. Das Rolandslied jedoch weist darauf hin, daß ein enger Bezug zwischen Roland und dem "Blauen Stein" besteht, auf dem der Sage nach der König Marsilies schlief (also die Mitte).
Und wiederum gibt es bei der Gestaltung der Stadtmitte einen starken Bezug zur indoeuropäischen Wurzel: Im Vastu ist der Nabel des Vastu Purusha das Zentrum der Stadt. Die vornehmen Kasten durften näher am Zentrum und höher als niedere Kasten bauen. Dadurch entstand in der Stadtgestalt das Symbol des Weltberges. Auch in Europa wurde diese Form übernommen! Der Dom oder das Münster übernahmen die Rolle des Omphalos, und durch die Höhenbauvorschriften wurden die Vorstellungen des Weltberges städtebaulich verankert.
Diese Mythen sowie diverse Gründungslegenden legen nahe, was sich geomantisch bestätigt findet: Die Mittelpunkte bilden Anknüpfungspunkte für hohe geistige Kräfte und Wesenheiten.

Die Umgrenzung
Wie schon anfangs geschildert, bildet die Umhegung oder Umgrenzung eines der zentralen Grundelemente des Städtebaus. Der magische Aspekt der Umhegung wird deutlich, wenn man sie durch die Brille der Sagen betrachtet: In Bremen soll die Umkreisung durch einen Lahmen der Stadt ihre Freiheit gesichert haben. Aus Dank ist dieser zu Füßen der Rolandsstatue (sic!) dargestellt, wodurch auch der unmittelbare Bezug von Stadtmauer und Mitte hergestellt wird. In Bamberg umspann Kunigunde die Stadt mit einem Seidenfaden als magischen Schutz.
Im etruskischen Ritus wurde der Raum der zukünftigen Stadt mit einem Pflug, der von einem weißen und einem schwarzen Rind gezogen wurde, umpflügt. Nur dort, wo die Stadttore sein sollten, wurde der Pflug angehoben. Diese Stellen bildeten die energetische Verbindung zum Umland und mußten später durch Schutzsymbole und magische Zeichen gesichert werden. Wie eng Stadtgrenze und Stadt sinnverbunden sind, zeigt die Tatsache, daß das deutsche Wort "Zaun" mit dem englischen "Town" etymologisch verwandt ist. Geomantisch wurden Stadtmauern oft energetisch auf unterirdischen Flußmäandern plaziert oder mittels polarisierter Steine so errichtet, daß eine Strahlungsquelle (z.B. eine Leyline oder ein Großräumiges Gitter) ihre "Energie" in die Mauer einspeiste, so daß sie dort zirkulierte. Geistig wurde die Mauer oft durch Bauopfer (Tiere, aber auch Menschen!) gesichert, die fortan die Grenze der Stadt beschützen sollten.

Ordnungsstrukturen - Die Urbs quadrata
Eines der stärksten Ordnungsschemata in der Stadtgestalt ist weltweit die Vierteilung. Viergeteilte Städte finden wir bei den Etruskern, den Römern, den Germanen, im gesamten europäischen Mittelalter, in Indien, Ceylon, Burma, Thailand, Kambodja, sowie in Afrika. So wurde im Mittelalter das Kreuz im Kreis zum Symbol der Himmlischen Stadt Jerusalem und später zum Symbol für Stadt schlechthin. Auch die ägyptische Hieroglyphe für "Dorf" ist ein Kreis mit Kreuz.
Uns am bekanntesten ist die römische Vierteilung durch die Hauptstrassen Cardo und Decumanus, wobei sich "Decumanus" von "decussis" (Schnittwinkel) herleiten läßt, welcher beim Auftreffen der Decumanus auf die Cardo entsteht: Es entsteht ein Kreuz X, römisch für 10 (deca). Für die Römer war so die Stadt in das Weltgefüge eingespannt. Wie Vitruv schreibt: "Die Natur hat den einen Cardo der Weltachse hinter den Großen Bären über Erde und Meer gesetzt - also in den Norden, den anderen, gegenüberliegenden, unter die Erde in den südlichen Regionen."
Oft wurde über die Decumanus der Sonnenaufgang des Gründungstages der Stadt angepeilt. Dies geht auf einen Rinderritus aus dem Zweistromland zurück, der von den Etruskern übernommen worden war: Damals (4300-2200 v.Chr.) lag der Frühlingsäquinox im Stier. Im Zeitalter des Stieres war die sakrale Richtung der Norden, Sitz des Gottes Anus. Im Zeitalter des Widders wurde dies der Osten als Sitz des Gottes Marduk. Diese beiden Hauptrichtungen blieben in der römischen und später mittelalterlichen Stadtplanung als Cardo und Decumanus erhalten.
Auch bei den Stadtgründungen der Zähringer wurde, wie in Bern, Villingen, Wiener Neustadt u.a., die Stadt durch vier Hauptstraßen in vier Viertel geteilt. Nur diese galten als Straßen, alle anderen wurden "Gassen" genannt. Bei römischen wie auch hochmittelalterlichen Gründungen ist oft eine Berücksichtigung der Gitternetze feststellbar, die der Stadt Ordnung verleihen.

Das Symbol
Nach dem Raster stellt das Makro-Symbol, dem sich eine Stadt unterstellt, eine Überhöhung des Ordnungsgefüges dar. So ist schriftlich überliefert, daß Bamberg 1007 "in modum crucis" (in Form eines Kreuzes) erbaut wurde. Die Kirchen St. Stephan, St. Gangolf, St. Michael und St. Jakob bildeten mit dem Dom bzw. der Tattermannssäule in der Mitte das christliche Kreuz über der Stadt ab und heiligten den Raum damit der christlichen Ordnung. Damit steht Bamberg aber nicht allein: Im Buch Mulling aus dem 9. Jahrhundert wird das Kirchenkreuz als Anweisung für den Klosterbau beschrieben. Ähnlich wurde auch in Fulda, Chester, Utrecht und Paderborn gebaut. In späterer Zeit wurden Städte auch anderen Symbolen untergeordnet, wie Karlsruhe (Zirkel bzw. Pentagramm) oder Washington (Tatzenkreuze).
Über die geomantische Ortsfindung, die Gestaltung der Mitte, die Umhegung und die bestimmte Ordnung wurde die Stadt fest in den Ort einbezogen - verortet. Detaillierte geomantisch konzipierte Gestaltungen wie typische Hausformen, vorherrschende Materialien oder Farben taten das übrige, um die Stadt in die kosmische Ordnung einzufügen und dem Genius Loci zu entsprechen. Die Stadt wurde so zu einem Pendant des Himmels, zur "Himmlischen Stadt" und somit zu einem Weg der Individuation des Menschen.