Experimentieren und sich wohlfühlen

Das Öko-Seminarhaus Oberhausen als geomantisches Erfahrungsfeld

von Wolf-Dieter Blank erschienen in Hagia Chora 3/1999

Seminarhäuser, die schon bei ihrer Anlage als geomantisches Erfahrungsfeld konzipiert wurden, findet man nur selten. Der Architekt Wolf-Dieter Blank hatte die Möglichkeit, in Zusammenarbeit mit der Hans-Sachs-Kollegschule in Oberhausen einen solchen Ort zu schaffen. Er beschreibt die geomantischen und baubiologischen Aspekte des Projekts.

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Selten können öffentliche Gebäude nach baubiologisch-ökologischen und geomantischen Kriterien erbaut werden. Die Chance hierfür bot ein Seminarhaus in Oberhausen, das auf dem Gelände der Städtischen Hans-Sachs-Kollegschule als ein von der EU gefördertes Projekt errichtet wurde. Das Besondere an diesem Projekt: Es wurde - in Zusammenarbeit mit einigen externen Fachleuten wie Architekten, Statiker und sonstige Berater - von den Schülern und Lehrern selbst erstellt.

Grundlagen des Entwurfs
Als Bauplatz des Gebäudes war der Schulhof vorgesehen, ein ehemaliges Zechengelände, das allerdings mit Überresten von Mauern, Betonfundamenten, Schutt und Asche aufgefüllt war. Das Haus wurde deshalb leicht erhöht nur auf Streifenfundamenten als Holzfachwerk-Ständerhaus errichtet. Die Streifenfundamente wurden in ihren Zwischenräumen mit speziellem Schotter aus Kalkgestein ausgefüllt, um den Boden, dessen vorangehende radiästhetische Untersuchung starke Störfelder erbrachte, möglichst zu "homogenisieren". Als Standort wurde ein Platz zwischen drei vorhandenen Bäumen gewählt, der energetisch das positive Feld zwischen den Bäumen nutzte. Der Baukörper wurde in seiner Gestalt so angepasst, dass sich das Gebäude harmonisch in die vorhandene Situation einfügt. Den Hintergrund und Rahmen bildet dabei das bestehende Schulgebäude in ausreichendem Abstand, das in seiner streng viereckigen Form von ausschließlich geraden Linien und Kanten dominiert wird.
Das neue Gebäude sollte deshalb mit seinen fließenden Formen und Gewölben einen Gegenpol zu dem alten Schulbau schaffen und geistig-seelische Qualitäten wie Wohlbefinden, Harmonie, Öffnung zum Kosmos, Integration in die Natur erzeugen, darüber hinaus aber auch ein Beispiel für den Einsatz baubiologischer Materialien und Konstruktionen sowie modernster Bauökologie in der Haustechnik geben. Eine Reihe von integrierten Messsonden in Dach und Wand machen bauphysikalische Werte für Forschung und Schulungszwecke ablesbar. Das Gebäude setzt ein Beispiel für eine ganzheitlich orientierte Architektur, die den Menschen mit seinen Bedürfnissen in den Vordergrund stellt und über die Integration der Gesetze von Raum-Form und Maß eine lebensfördernde positive Wirkung im Umfeld der Schule und dem gegenüberliegenden Einkaufszentrum erzeugt.

Details und ihre Umsetzung
Das von seiner "fließenden" Dachkonstruktion "behütete" und geprägte Gebäude erwächst aus einem quadratischen Grundriss, der gedreht und in den Ecken seiner rechten Winkel "beraubt" wurde und sich dafür in Gewölbe und Bögen an drei Seiten auflöst. Das Hauptgewölbe, das den "Meditationsraum" oder "Raum der Stille" wie eine schützende Hand umschließt und außenseitig bis an die Glasdachpyramide zum Licht hinaufstrebt, sowie das über dem Eingangsbereich angedeutete, kleinere Gewölbe mit dem "Auge" bilden zwei gegenüberliegende Pole. Äußerlich betrachtet zeigt das "Auge" in seiner abgeschrägten Lage eine Kreisform, ist von seiner Formgebung her jedoch ein Herz.
Das Haus gliedert sich in einen Eingangsbereich mit außenseitig liegenden Nebenräumen (Küche, Humus-Toilette, Abstellraum etc.), in den zentralen Innenraum mit Empore, der an zwei gegenüberliegenden Seiten in die energetisch bedeutsamen kleinen Außengewölbe und oben über die gesamte Gebäudehöhe in das Pyramidendach hinein mündet, sowie in den äußeren Umlauf, der zum Biotop und Regenwassersammler hinführt.
Das Dach spiegelt in seinem vielfältigen Aufbau die Elemente wider:
• das Feuerelement, vermittelt durch die Pyramidenform und die Farbe der roten Biberschwanzeindeckung,
• das Erdelement als "Gründach" vermittelt Lebendigkeit durch die zahlreichen Pflanzen und das Erdsubstrat,
• Luft/Äther durch die Pyramidenverglasung, die Spiegelung des Himmels im Innenbereich mittels einer holografischen Lichtfolie sowie der zum Himmel strebenden Symbolik des Außengewölbes,
• das Wasserelement durch die sich bei Regen aktivierenden Wasserspeicher, die das Biotop speisen.
Einige weitere Symboliken und geomantische Besonderheiten wurden in das Haus teilweise versteckt integriert, z.B. ein Bergkristall im Zentrum oder die Schlange als Hüter des Weges im Bereich des Zugangs. Viel Wert wurde auf den Bereich des Fußbodens gelegt: In einen reinen Holzboden wurde ein spezielles Mandala aus unterschiedlichen Gesteinen (Marmor, Granit) eingelegt; dieses bildet das Zentrum unter der Pyramidenspitze. Energetisch läßt es sich über vier in die Himmelsrichtungen ausgedehnte "Pfade" speisen und verstärken, die im Bereich der Gewölbe bzw. im Meditationsraum enden. Darüber hinaus wurden im Boden versteckt "künstliche Wasseradern" in unterschiedlichen Linienführungen und Kreuzungen integriert, die mittels eines regulierbaren Wasserstroms zahlreiche Effekte subjektiver Erfahrungen und objektiv-messtechnischer Art zulassen. Der übrige Bodenbereich wurde aus Robinienholz hergestellt, sodaß auch der Wechsel zwischen Holz- und Steinboden die unterschiedlichen Qualitäten zutage fördert.

Ökologische Haustechnik
Die Haustechnik basiert auf einer Wärmekraftkopplungsanlage, Fußleisten-Strahlungsheizung (obwohl durch hervorragende Dämmung und Speichermassen die Energie der Besucher genügt, das Gebäude zu heizen!), einem modernen Installations-Bus-System (EIB) mit 24 V Gleichspannung der Bedien- und Steuerungselemente (nur die eigentlichen elektrischen Verbraucher werden über den Bus mit einer 230V Wechselspannung versorgt). Das HC (statt WC) nutzt menschliche Fäkalien und Abfälle aus der umgebenden Bepflanzung und Küche für die Produktion von Kompost.

Wirkung und Ziel-B!
Das Muster-Seminarhaus war als ein ausgewogenes Wechselspiel der Elemente und ihrer Kräfte in einer versteinerten und asphaltierten Umwelt gedacht. Dieser "energetischen Optimierung" des Bauwerks, die insbesondere den geistig-seelischen Bereich des Menschen anspricht, dienen die bewährten Baustoffe Holz, Kalk und Lehm (alle Innenwände bestehen aus einem mehrlagigen Kalk- oder Lehmputz mit Perlmutt in rötlichen und blauen Farben, auf Lehmsteinen zwischen den Gefachen aufgezogen) sowie
• die Baumaße und Proportionen des Gebäudes nach harmonikaler Berechnung,
• der Wechsel von Yin- und Yang-Elementen, wie z.B. eckige und gebogene Formen, helle und dunkle Farben, weiche und harte Materialien (Grasdach und Biberschwanz),
• das Lichtspiel im Inneren des Gebäudes durch das Tageslicht und die holografische Lichtstreuung,
• Symbole und Formen.
Seit seiner feierlichen Einweihung im Sommer 1999 (u.a. durch Mitglieder des europäischen Parlaments, den Oberbürgermeister und Behörden- und Kirchenvertreter) steht das Haus allen Menschen offen. Es dient als Tagungs-, Schulungs- oder Seminarhaus, Meditations- oder Clubhaus für kleine Gruppen und Feste.
Der Wunsch des Architekten ist es, dass das Haus allen Besuchern einen Geist der Freude, Harmonie und Inspiration vermitteln möge und damit seinem Ziel gerecht wird, Material, Form, Mensch und Natur in Einheit zu verbinden.