Die Identität eines Hauses

Über die Arbeit mit dem Genius Loci am Beispiel eines Hotel-Projekts auf der Ostseeinsel Rügen

von Hans-Jörg Müller erschienen in Hagia Chora 3/1999

Rügen - Deutschlands größte Insel gilt zugleich als die schönste. Flache Sandstrände, steile Hochufer, stille Seen, dunkle Buchenwälder, Moore und Dünen prägen das Naturparadies. Werk und Biografie großer Persönlichkeiten wie Caspar David Friedrich, Theodor Fontane, Philipp Otto Runge, Alexander von Humboldt oder Johannes Brahms haben zur Bekanntheit Rügens beigetragen. In diesem Jahr wurde hier das Hotel "Solthus" eröffnet, dessen Gestaltung von Hans-Jörg Müller, Künstler und Geomant, maßgeblich betreut wurde.

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Schon immer war Rügen Anziehungspunkt des begüterten Adels und des Großbürgertums. Später wurde die Insel zum Ferienrefugium für die Nomenklatura und die Staatsfunktionäre des ehemaligen deutschen Arbeiter- und Bauernstaates, und heute gehört sie zu den bevorzugten Lagen für hochwertigen Tourismus. Berühmt sind die Ostseebäder Binz, Baabe und Göhren mit ihren Kurhäusern und Strandpromenaden. Sicherlich wird sich Rügen rasch zu einem "Naherholungsgebiet" der neuen Hauptstadt Berlin entwickeln. In den letzten Jahren hat ein eher ungezügelter Bauboom die Behörden zu sehr restriktivem Verhalten gegenüber Baumaßnahmen veranlaßt. Allgemein kann man auch von einer Sättigung in der Bebauung sprechen, so dass kaum mehr größere Projekte realisiert werden können.
Vor diesem Hintergrund bildete das Hotel-Projekt am Selliner See eine seltene Ausnahme: Es konnte sich auf Bestandsschutz in einem ansonsten völlig unbebauten Landschaftsraum berufen. Hier sollte ein Gebäude entstehen, welches einerseits von seiner Form her Aufmerksamkeit erregt, sich aber andererseits in den Kontext von Landschaft und Architekturtradition einpasst.
Das Bollwerk am Selliner See - der Standort des Projektes - liegt am nördlichen Rand der Halbinsel Mönchsgut, das heute zum Unesco-Biosphärenreservat gehört. Die angrenzende Ortschaft Baabe war Fischerdorf, bis im 19. Jahrhundert der Badebetrieb einsetzte. Zahlreiche Denkmäler aus Ur- und Frühgeschichte umgeben den Ort: steinzeitliche Grabanlagen, bronzezeitliche Hügelgräber und slawische Burgwälle.
Das Grundstück des Hotelprojektes befindet sich in Alleinlage mitten in der herrlichen Landschaft des Selliner Sees in einer flachen Talmulde, die im Winter immer wieder von der Ostsee überflutet wird. Das Hotel wurde auf einen künstlichen Hügel gesetzt und ist im Ernstfall nur mit dem Boot erreichbar. Der Standort ist umgeben von einer ringförmigen Anhöhe, von der eine Flanke, das Reddewitzer Höft, als Klippe in das Meer ragt. Gegenüber, auf der anderen Seite des Höhenzuges, liegt Moritzburg. In Richtung Westen öffnet sich die freie Sicht über das Meer.
Das Projekt wurde nach einer vorangegangenen Planungsphase geomantisch optimiert. Das Büro AXIS MUNDI übernahm die künstlerische Oberbauleitung und betreute das Vorhaben bis zum Jahreswechsel 1999. Im Frühsommer 1999 wurde das Hotel eröffnet.
Mit der Beschreibung dieses Projekts sollen nicht nur außergewöhnliche, der Landschaft angepasste Bauformen präsentiert werden. Ich möchte vielmehr auch in das grundlegende geomantische Prinzip der Widmung, der Verbindung von Genius Loci und der Identität eines Projektes, einführen. Mein Anliegen ist dabei, im Zuge neuerer Architekturtendenzen zunehmend wieder vermittelbare Identität im Architekturkörper selbst zu zeigen.

Zunächst wurden die grundlegenden Untersuchungsbereiche realisiert: Radiästhesie, Grundstücksformbetrachtung, Optimierung von Bauformen, Integration von Topographie, Straßen, Flüssen, Umgebungsarchitektur. Unterschwellige Kommunikation der Architektur, optimale Bereichsanordnungen, Präzisierung des Raumschnittes hinsichtlich Lay-Outs, Möblierung, Steigerung der Innenraumatmosphäre. Arbeitsplatzoptimierung nach geomantischen Gesichtspunkten, Lösungen für besondere Aufgabenstellungen, wie Verbesserung von Motivation, Geschäftserfolg, soziale Qualität etc., die Anlage als Organismus.
Resultate sind die Optimierung der Anlage bei der Anordnung von Bereichen und Formen im Detail. Ein kleines Beispiel dieses innovativen Ansatzes sind die polygonen Schreibtischformen der Hotelzimmer - zur Türe hin ausgerichtet - die auf engstem Raum dennoch sinnvolles Arbeiten energetisch unterstützen. Eine weitere Aufgabenstellung war die Verbindung von Landschaft und Innenraum. Formen von Innen- und Außenraum überschneiden sich nun, Materialien wurden zum Teil durchgehend verwendet. Der landschaftstypische Fachwerkbau mit Reetdächern lässt sich im Baukörper wie auch in einzelnen Innenbereichen ablesen. Als übergeordnete Funktionen wurde ein Kaminzimmer, ein Seminarbereich und ein "Raum der Mitte" integriert. Der - räumlich notwendige - trennende Schnitt im Baukörper wurde so durch diese Mitte aufgelöst und damit die Gefahr der sozialen Polarisierung abgewendet. Die Mitte ist zugleich der Ort des Genius, von dem aus alle Wege in die Bereiche Restaurant, Seminarzone, Kaminzimmer, Entree/Foyer und Wellnessbereich führen.
Ein Hauptthema der Arbeit war es, die geringe Wegedynamik vor Ort optimal zum Projekt, speziell zu den einzelnen Eingängen weiterzuleiten und im Innenraum sinnvoll zu verteilen. Die durch die lange, gerade Anfahrt entstehenden "aggressiven" Kräfte wurden transformiert, belebende Dynamik wird über die Fußwege zum Bau geleitet. Dort wird die Aufmerksamkeit über den Empfangsbereich in die anderen Hotelbereiche weitergeführt. Innen- wie Außenraum werden so - neben den übrigen Funktionen - zum "energetischen Motor" der Anlage.

Der Genius Loci
Man kann oft beobachten, dass über Jahrhunderte sich trotz unterschiedlicher Nutzungen immer wieder ein Ortsprinzip realisiert, gewissermaßen als die Summe aller konstanten Einflussfaktoren. Das Angebot geomantischer Arbeit ist, mit dem Prinzip des Ortes zu arbeiten - nicht dagegen -, sich an die geistige Prägung des Ortes in jeweils der Form, die einem Projekt und seiner Zeit angemessen ist, anzupassen.
Das Ziel war, dem Bau eine lebendige Identität zu geben - nicht eine aufgesetzt-konstruierte, sondern eine gewachsene Identität, die mit dem Ort und seiner Geschichte in Verbindung steht, die sich aus dem Strom der Geschichte nährt und die lokale Akzeptanz und Nachvollziehbarkeit erleichtert, die zugleich als Ortsprinzip ihre eigenständige Lebendigkeit und inhaltliche Tiefe erreichen kann. Ziel war, alle Ebenen des Daseins - Geist der Landschaft, Ortsgeschichte, Erlebniswert, Image und Vermarktbarkeit eines Hotelbetriebes - optimal zu verbinden.
Bei der geomantischen Analyse fanden sich neben vielen Faktoren der belebten Natur und strukturierten Landschaft auf dem Grundstück Energiestrukturen wie eine "Ley-Linie" und ein sogenannter einstrahlender Punkt, eine vertikale Energieachse, an welcher der zentrale Landschaftsgenius angebunden war. Dies am Platz einer alten, einzigartig gewachsenen Birke. Sein Prinzip ist die Materialisation, das zum Körperhaften Hinführende. Immer war hier auch ein Platz des Feierns, nicht wenige Kinder der Umgebung wurden hier "zur Welt geholt".
Mit dem Erkennen des Wesentlichen (das, was wesenhaft ist) begann ein lebendiger Prozess der geomantischen Planung. Die Auffindung des Ortsprinzips eröffnete die Frage: Würde der Geist des Ortes mit dem Hotelbau und der zwangsläufigen Fällung der Birke verschwinden müssen? Oder war er nicht gerade die erfolgversprechende Grundlage des Projekts? Ich trat in "Verhandlung" mit dem Genius, ob er nicht bereit sei, sich in einem neu zu schaffenden Kuppelraum der Anlage niederzulassen und so eine neue Wirksamkeit zu entfachen - auf einer höheren, direkt in das Soziale hineinreichenden Ebene. Seine Antwort war bejahend, vorausgesetzt, das Thema des Projektes würde mit ihm in Einklang gebracht. Dies wiederum führte zum historischen Ursprung der Anlage: dem ehemaligen "Solthus".
Am Ort des geplanten Hotels stand ehemals das Salzhaus, wo die Fische, die die Fischer vom Meer brachten, gesalzen und damit - materiell - haltbar gemacht wurden. Dies gab dem Vorhaben den Namen und manifestierte zugleich die Idee der Widmung des Projekts. Das Solthus wurde nun neu erbaut - im Sinne von heutiger Inszenierung - und in den Baukörper integriert. Damit würde der Genius in einem angemessenen Verhältnis zum Charakter des Projekts stehen, und zwar von der Qualität wie von der Größenordnung her gesehen. Auch das Ortsprinzip wurde transzendiert und erkenntnismäßig im "Kunstkonzept Salz" weitergeführt.
Geomatisch galt es nun, präzise zu reagieren: Mit dem Fall des Baumes würde der Genius frei werden, er hätte keine Bindung mehr, keine Verankerung an einen festen Körper. Deshalb entstand das Konzept, diesem Geist in einem kuppelartigen, von Maß und Proportion her geeigneten Raum einen Platz anzubieten. Im dort platzierten Grundstein sind neben der Widmung auch Blätter der Birke enthalten, womit der sympathische Bezug zur ehemaligen Situation hergestellt wurde .
Dieses Vorgehen ist die moderne Form eines bedeutenden Bereichs der europäischen Geomantie, der sogenannten Genealogie, die Arbeit mit - z.T. lokalen - Prinzipien, denen man in der Architektur - wie im antiken Tempel oder bei der Stadtplanung in Form von Brunnen oder Rolandsfiguren etc. - einen Raum gibt. Die grundlegende Idee: Die Stadt selbst wird zum Körper dieses Wesens, die Skulptur zu seinem sichtbaren Fokus. Die historische Stadt erhielt so einen übergeordneten Zusammenhang, erlebte auf diese Weise alle Phasen des Lebendigen: Geburt, Entwicklung, Höhepunkt und Niedergang. Sie wurde damit aber auch getragen durch eine eigenständige Entfaltung von Atmosphäre und organischer Selbstentwicklung. Wir würden heute sagen: Der Stadt wurde eine Identität gegeben - nicht durch Überstülpung einer vermarktbaren Idee, sondern indem dieser Lebensraum von einer übergeordneten Identität durchdrungen wurde, die sinnstiftend, heimatbildend und atmosphäreschaffend wirkt und die in vielen Städten noch heute indirekt für wirtschaftlichen Erfolg und Wohlergehen sorgt.

Das Salz und das Hotel
Zunächst galt es, das Thema in profaner Hinsicht erlebbar zu machen, aber auch zu transzendieren, indem die tiefere Bedeutung des Prinzips freigelegt wurde. Mythos Salz: der erste "Kristall der Erde", das "weiße Gold". Städte wurden reich, Handelswege begründet. Salz taucht auf im Volksbrauchtum zum Schutz, zur atmosphärischen Reinigung von Orten, auch zur Segnung. Das Thema Salz wurde konzeptuell in der Küche, im Wellnessbereich aufgegriffen, das alte Heringsfass im Restaurant platziert. Damit gewann das Objekt auch im Äußeren eine klare Identität. Geistig gesehen ist Salz das fünfte Element, der zur Erde ziehende Äther (Prinzip: Materialisation), das erste Prinzip von Geist (Kristallisation) im Mineralreich.
Die Begehungsachse des Hotels wird durch zwei Skulpturen gerahmt - und damit auch energetisch "gehalten". Zunächst die siebenstufige "Salzsäule", eine vertikale Achse aus 1 x 1 m großen Salzblöcken, welche im Eingangsbereich die Aufmerksamkeit auf sich zieht und dem ansonsten Yin-orientierten Baukörper ein starkes Yang-Element beistellt. Auf einer Stahlröhre werden die Salzblöcke aufgehängt, jeweils mit einer Glasscheibe dazwischen, die in der Nacht von innen beleuchtet ist und somit das Salz illuminiert. Das Element sollte sich bei Nacht im Selliner See spiegeln. Im Lauf der Jahrzehnte werden sich die Salzblöcke durch die Witterung allmählich auflösen, das Salz - wieder dem Prinzip Materialisation folgend - geht zur Erde, auf die dortige Salzwiese. Es tritt ein Licht-Körper hervor, der das Salz nur noch als Idee enthält.
Auf der anderen Seite der Achse das genaue Gegenteil: Eine Skulptur, aufgebaut wie ein Heizungskörper, von innen erwärmt, wird mit Sole überströmt. Das Salz wird hier kristallisieren und sich so materialisieren. Die Kristallisation selbst ist jedoch ein geistiger Prozess, so dass zwischen beiden Enden des Bauwerks ein dynamisches Spannungsfeld zwischen den komplementären Polen Erdbezug und Vergeistigung entsteht.

Strategien der Identitätsfindung
Die Faktoren, welche die moderne Geomantie als "Dienstleistung" einbringen kann, sind die Schaffung der räumlichen und baulichen Grundlagen für Gesundheit und Wohlfühlen und darüber hinaus die gezielte Lenkung von Lebenskraft, eine direkte Form von "Atmosphärenkreation".
Der Prozess der integralen Planung, wobei Architektur, lebendiger Naturraum, Radiästhesie, Formen- und Materialwirkungen, Intentionen des Auftraggebers, das "Was-ist-gewollt" etc. zusammenfinden, ist ein neuer Ansatz, der Planung als Geburts- und Werdeprozess Raum zu geben. Mit der Einbeziehung des Wesenhaften, auch der höheren Intentionen von Projekt und Auftraggeber und ihrer Umsetzung sowie der unbewussten Sprache der Architektur, wird ein Höchstmaß an Authentizität und Individualität geschaffen. Das Bauprojekt wird zu einem wertvollen Marketinginstrument, das zugleich ein energetisches Niveau vermittelt, welches den Ort für den zukünftigen Kunden attraktiv macht.
In diesem Sinne können sich moderne Geomantie und ein zeitgemäßes Projektmarketing gegenseitig bereichern und ein effektiv geplantes wie von seinem authentischen Erlebniswert hochwertiges Projekt ermöglichen.