Wie ausgedehnt sind wir?

Raum, Leib und Bewusstsein

von Jochen Kirchhoff erschienen in Hagia Chora 4/1999

In der Geomantie sieht sich der Mensch meist janusköpfig als Objekt und Subjekt. Als Objekt glaubt er sich "heilsamen" oder "schädlichen" Einwirkungen aus dem Kosmos, aus der Erde, aus seiner technischen Umgebung ausgesetzt. Zum Subjekt macht ihn sein gestaltendes, abwehrendes oder auch heilendes Tun. Ein neues Bewusstsein in der Geomantie führt über bisherige Objekt-Subjekt-Konzepte hinaus. Jochen Kirchhoff nimmt uns mit in eine Meditation über die Beziehung von Körper und Leib zum Raum. Er zeigt, dass wir in die Weite des Kosmos ausgedehnte Raum-Wesen sind, deren Bewusstsein in der Weltseele ankert.

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Zum Wesen der Körper gehört eine bestimmbare Position im Raum und eine messbare Ausdehnung. Von jedem als dreidimensional vorgestellten Körper lässt sich, zumindest theoretisch, angeben, welches Volumen er hat, wieviel Platz er einnimmt. Das gilt auch für den menschlichen Körper, soweit er als Gegenstand der Sinneswelt der Gravitation unterworfen ist; der physische Körper des Menschen ist rundum messbar. Anders steht es mit dem, was wir als Leib bezeichnen. Der Leib ist der beseelte Körper, die Einheit des Außen und des Innen. Jeder Mensch spürt seinen Körper von innen, nimmt aber gewisse Teile auch wie von außen wahr, genauer: als Außen. Ohne Spiegel sind diese Teile in unterschiedlichen Graden perspektivisch verzerrt, wie man leicht bemerkt, wenn man an sich heruntersieht, am wenigsten zum Beispiel die Hände. Visuell sind mir die Hände leicht zugänglich, das eigene Gesicht (ohne Spiegel) gar nicht. Ich fühle mehr vom eigenen Körper, der eben damit zum Leib wird, als ich sehen kann. Vieles kann ich nicht einmal fühlen, jedenfalls nicht direkt und unmittelbar: etwa die inneren Organe oder den Blutfluss in den Adern. Das weist darauf hin, dass Leib und Körper keineswegs deckungsgleich sind. Einerseits ist der Leib weniger (vieles ist prinzipiell unfühlbar), andererseits aber auch mehr, etwa im Falle der sogenannten Phantomglieder (abgetrennte Körperteile, die als vorhanden wahrgenommen werden). Das, was den Menschen als Individualität am meisten kennzeichnet, sein Gesicht, ist ihm unmittelbar gar nicht zugänglich. Nur im Spiegel kann der Mensch das eigene Gesicht betrachten, allerdings seitenverkehrt. Zum wirklichen Gesicht wird die differenzierte Vorderseite des Kopfes erst durch das Angeblicktwerden. Gesichter entstehen dadurch, dass sie als beseelte erblickt werden. Die Vorderseite des Kopfes, ohne dass sie gesehen wird, ist kein Gesicht. Interessant ist die Doppelbedeutung des (deutschen) Wortes "Gesicht": einmal die Vision, Plural: Gesichte, zum andern das Ensemble von Mund, Nase, Augen, Stirn usw., das gesehen wird. Im Grunde ist jedes Gesicht eine Vision. Menschen, die sich wirklich anblicken, jenseits der nur äußeren Maske, lassen ihre Gesichter als wechselseitige Visionen entstehen. Geschieht dies nicht, hat dies etwas Unheimliches, ja Unmenschliches: Der andere wird zum Objekt, zum bloßen Körper.

Von wo aus sehen wir?
Wie wird der Raum wahrgenommen in der Erfahrung des eigenen Leibes? Wir nehmen gemeinhin kaum exakt den Raum wahr, den wir als Körper ausfüllen. Meist fühlen wir den Raum als ein fluidales Um-uns-Herum und Durch-uns-Hindurch, den Raum vor uns grundsätzlich anders als den Raum hinter uns, wieder anders den Raum rechts und links von uns; oben ist anders als unten. Ständig ist eine schwer bestimmbare Aura, eine Psycho-Atmosphäre anwesend. Ständig sind wir durchströmt und umhüllt von einem manchmal sehr genau, manchmal nur vage empfundenen Klima, das bestimmt wird durch unzählige Faktoren: äußeres Klima, Tages- und Jahreszeit, Gemütsverfassung, anwesende oder abwesende Menschen, Tiere, Pflanzen, Gedanken, Bedürfnisse, Sehnsüchte, Ängste, Hoffnungen usw. Wie sehen wir? Besser: Von wo aus sehen wir, und was ist die räumliche Form des Sehfeldes? Eines ist sicher: Wir sehen nicht aus den beiden Augen, eher aus einem großen Auge, das die beiden Augen und einen nicht genau fixierten Teil der Stirn umfasst. Zumindest sehen wir so, als ob es dieses große und einzige Sehorgan gäbe. Das Sehfeld selbst ist ein liegendes Oval mit unscharfen Rändern. Das "Augenwinkelsehen" hat eine ganz eigene, oft als okkult oder übersinnlich gewertete Qualität. Vor uns, in der mittleren Zone des Ovals, können wir das Gesehene entweder scharf stellen, wodurch alles Übrige unscharf wird, oder wir können bewusst ohne Fokussierung sehen, was vom "Glotzen" bis zum meditativen Sehen-ohne-zu-Sehen reicht. Innerhalb des ovalen Sehfeldes ergeben sich verschiedene Grade der Raumtiefe. Wir sehen perspektivisch; im Fluchtpunkt ist die Tiefe des wahrgenommenen Raumes am größten. Von einer bestimmten Entfernung ab rückt die Tiefenempfindung fließend ins Flächenhafte. Tiefe kann imaginativ erzeugt werden, aber nur bis zu einer gewissen Grenze. Tiefenwahrnehmung ist bestimmend für unser Raumempfinden. Was den Raum zum Raum macht, ist die Tiefe, und nur sie. Der Raum ist das ewig uns Umschließende, Durchdringende, das Darin. Der Raum ist von der Leiberfahrung aus das absolute Darin, aus dem es kein Entrinnen gibt. Der Gegenpol zu diesem Darin (als Darinnen-Sein) wäre das Draußen. Dieser Gegenpol ist blind; wir können den Raum nicht verlassen, er zerstrahlt jedes Außen. Man findet keinen Ort, wo der Raum nicht ist; vor dem Raum kann sich kein Wesen verstecken. Oder ist das Ich, das Ich-Bewusstsein raumlos? Genau dies wird in der idealistischen Philosophie, auch in ihren esoterischen Spielarten, zwar unermüdlich behauptet, aber kaum überzeugend vorgeführt. Man kann schnell einsehen, dass das Ich-Bewusstsein (die Seele) kein Ding im Raum ist, deswegen muss es nicht gänzlich raumlos sein; es könnte in einem höheren oder anderen Raum wurzeln, jenseits des sinnlichen. Auch der sogenannte physische Raum ist immer meta-physisch; noch niemand hat den Raum als Raum wirklich gesehen. Innerer und äußerer Raum lassen sich nicht scharf trennen. Das ist essentiell für jede nur denkbare Geomantie. Der pure Orts- und Koordinatenraum der Mathematik ist ein abstraktes Konstrukt, der mit der lebendigen Leiberfahrung und mit transpersonaler Raumerfahrung nichts zu tun hat. Schon auf den untersten Stufen mystischer Erfahrung verlagern sich die Bewusstseinskoordinaten. Am stärksten ändert sich zunächst neben der Zeitempfindung die Wahrnehmung des Darin, des uns umgebenden und durchdringenden Raumes. Der Raum wirkt tiefer, er wird gleichsam mehr Raum, zugleich rückt die Ferne näher heran. Der Raum wird als durch und durch gefüllt erlebt, als atmend und vibrierend lebendig. Mitunter kann das Bewusstsein in den Raum hineinströmen wie eine sich ausbreitende Flüssigkeit. Der Raum wird als ein eigenes und sehr machtvolles Etwas empfunden. Das Darin lebt, und wir leben in ihm als es. Übrigens ist es völlig unerheblich, ob hier im üblichen Sinn Projektionen vorliegen oder ob etwas aus dem Raum herausgeschaut wird, was dort wirklich vorhanden ist. Könnte der Mensch die gesteigerte Raumqualität mittels seiner Projektion selbst hervorbringen, wäre er allein dadurch ein außerordentliches, ein raumschaffendes und raumplastisches Wesen. Der "magische Idealismus" des Romantikers Novalis wäre durch die Erfahrung bestätigt. Die Unterscheidung von projektivem Innenraum und einem Außenraum unabhängig von uns ist müßig. Wir können weder aus dem Raum noch aus dem Bewusstsein aussteigen. Einen archimedischen Punkt gibt es nicht, jedenfalls nicht, soweit unser Bewusstsein unterhalb der Buddhaebene reicht. In transpersonalen Zuständen kann sich die Empfindung einstellen, gleichsam aus dem eigenen physischen Leib herauszuwachsen, was so weit gehen kann, dass dieser weit unten wahrgenommen wird. Man ist dann oben und unten zugleich. Die trennscharfen Konturen des Leibempfindens lösen sich auf, der Leib wächst aus sich heraus, genauer: er expandiert als Leib. Der Leib fließt und weitet sich, verliert aber nicht völlig seine eigene Qualität. Auch in intensiven Momenten der erotischen Begegnung wächst der Leib über sich hinaus. Der Eros weitet den Leib. Wie umgekehrt in Momenten tiefster Depression die eigene Leibwahrnehmung kontrahiert: Man fühlt sich schmerzhaft zusammengepresst zu einer winzigen Kugel, die fast ein Punkt ist. Auch in vergleichsweise normalen Bewusstseinszuständen sind die Konturen des eigenen Leibes niemals völlig scharf gezogen. Man ist immer auch anderswo. Wäre dies nicht so, wären wir isolierte Raumschiffe, die sich nur über grelle Lichtsignale verständigen könnten oder einander nur in der Kollision bemerken. Jeder weiß und fühlt, daß sein Leib eine enorme Ausdehung in den Raum hinein hat. Schon das Sehen ist ein Akt des leiblichen Hinausgreifens, wenn man genau beobachtet, was im Bewusstsein wirklich geschieht, also sich nicht blockieren lässt von dem Wust von Hypothesen, den es zu diesem Thema gibt. Jüngst hat Rupert Sheldrake diesen Punkt wieder aufgegriffen und das Sehen als aktives, ja physikalisch spürbares Wirken gedeutet ("Sieben Experimente, die die Welt verändern könnten").
Lebendiger Raum als Innenraum, ohne den der Mensch gar nicht existieren kann, ist immer Mit-Raum. Schon als Leibwesen sind wir keine blinden Monaden, eingekerkert in das kleine Stück gestalteter Materie, das unseren Körper ausmacht. Wir sind immer hier, im eigenen Leib und der ihn unmittelbar umhüllenden Sphäre, und dort, quasi außerhalb des Leibes, aber in einem höheren und subtileren Verständnis durchaus noch innerhalb des Leibes. Im Hören wird dies vollends deutlich: Im Hör-Raum sind wir in einem Fluidum, das kein Außerhalb, keine Subjekt-Objekt-Gegenüberstellung kennt. Jede tief gehörte Musik, die "von außen" auf uns eindringt, ist innen, geschieht innen, vollzieht sich im lebendigen Wechselspiel von innen und außen.

Wo ist das Ich?
Esoteriker differenzieren die verschiedenen Leiber des Menschen. In der einschlägigen Literatur gibt es subtile Unterscheidungen: etwa die zwischen physischem Leib, Ätherleib und Astralleib usw. Menschen, die mit diesen Begriffen operieren, neigen dazu, die unmittelbare Leiberfahrung zu überspringen, aus der sich, rein phänomenologisch, erstaunliche Einsichten ergeben, wenn man wirklich ein Beobachtender und Fragender bleibt und nicht sofort die (meist angelesenen) Antworten aus dem Tornister holt. Die oben gestellte Frage "Von wo aus sehen wir?" gehört zu den Fragen, die einen nicht mehr loslassen, wenn man sie einmal zugelassen und hereingelassen hat. Die Frage ist eine Art Zen-Koan. Im Kern ist auch die Frage nach dem Ort des Ichs berührt. Wo ist das Ich? Wenn es irgendwo im Raum sein sollte, wo ist es? Ohne das Ich-Bewusstsein gäbe es keine im menschlichen Sinne begriffene Leibwahrnehmung. Wie eine Schnecke z.B. den eigenen Leib wahrnimmt (und die Leiber ihrer Mit-Schnecken), wissen wir nicht, auch nicht, wie das Bewusstsein einer Buche oder Erle beschaffen ist. Hier scheint es eine unübersteigbare Barriere zu geben. Also: von wo aus sehen wir? Und: Wo ist das Ich? Wenn ich mit der Geliebten telefoniere, bin ich auch dort, nicht nur gedanklich und emotional, sondern zu einem Teil wirklich. Meine Leibesorganisation ist wie die Gravitation: sie ist hier und strahlt in die Ferne (Fernwirkung), zugleich ist sie konkret dort (Nahwirkung). Nicht nur zwei leiblose Ich-Wesenheiten begegnen sich im "Ferngespräch" (das immer auch Nahgespräch ist), sondern zwei Leib-Wesenheiten, ausgestattet mit Fühlorganen. Ständig reichen unsere Fühlorgane weit in den uns umgebenden Raum hinein; sie sind immer in ihm. Mittels unserer Fühlorgane sind wir gleichsam eingehängt in den Raum. (Es gibt gute Gründe, den Raum überhaupt als Weltseele zu bezeichnen.) Physisch-leiblich sehe ich "von oben aus"; die Sehorgane sind, bezogen auf das Oben-unten-System des aufgerichteten Leibes, oben (sie sind nicht in der Mitte und nicht unten), wenn auch nicht "ganz oben". Ich blicke "vom Ich aus" auf die Sinnenwelt bzw. in die Sinnenwelt wie in einen Guckkasten hinein. Jeder kennt die so vielfältigen Orte, an denen das Ich sitzen kann. Man hat das Gefühl, dass der Ort des Ichs fast beliebig verschiebbar ist: es kann in der Brust sitzen, in der Stirn, im Geschlecht, in den Händen; es kann hinter mir sein, mich von hinten ergreifen (von wo aus ergreift der Wille den Leib, den er bewegen will?), es kann oben sein, wie eine strahlende Kugel oder Sphäre, mit dem physischen Leib und dem Körper-Ich ganz unten und in der Mitte. Das Ich ist nicht der Leib, aber wir wissen nicht, wie genau der Zusammenhang aussieht zwischen Ich-selbst-Sein und Leib-sein. Offenbar gibt es hier fließende Übergänge. Kann es ein Ich gänzlich ohne Leibesorganisation geben und damit ohne Wahrnehmungsorgane? Was für ein Ich wäre das?

Ist der Leib so weit wie der Raum?
In transpersonalen Weitungen erfährt sich das Bewusstsein wie ausgegossen in den (beseelten und lebendigen) Raum. Dieses ausgegossene Bewusstsein ist nicht gänzlich jenseits des Ichs, auch nicht gänzlich jenseits des Leibes. Es ist nicht einfach "Bewusstsein pur" und ohne Organe. Offenbar sind immer Fühlorgane im Spiel, die wiederum auf eine ihnen zugrunde liegende Leibesorganisation verweisen. Ist also der Leib so weit wie der Raum? Sind wir grundsätzlich - unbewusst - ausgegossen in die Weite des beseelten Raumes? Ist die Seele die Weltseele selbst?
Wie ausgedehnt also sind wir? Darauf gibt es keine schnelle und schon gar keine plakative, formelhafte Antwort. Doch die Frage, tiefer gestellt, öffnet den Geist für die Weite und Tiefe des Raumes. Jeder kennt das Gefühl, wenigstens vorübergehend, dass sich überraschend Weite herstellt. Als ich Mitte der 80er-Jahre für längere Zeit im Himalaya war, beschrieb ich, zurückgekehrt, mein Lebensgefühl als ein solches der Weite. Dieses Weitegefühl hielt für mehrere Wochen an und ging dann zunächst verloren, ehe es auf andere Weise und auf anderer Ebene wiedergewonnen wurde. Ich spürte meine Leibesorganisation, einschließlich aller ihrer Organe, auf bis dahin ungeahnte Art geweitet. Ob dies nun, in esoterischer Terminologie "ätherische" oder "astrale" Ebenen des Leib-Seins berührt, war mir damals und ist mir auch heute von eher zweitrangiger Bedeutung. Zentral wichtig war und ist für mich die Genauigkeit der Beobachtung und Beschreibung dessen, was in der Leiberfahrung geschieht, sowohl im "Normalbewusstsein" als auch in veränderten Bewusstseinszuständen. Alle meine über Jahrzehnte gehenden Erfahrungen und deren philosophische Auswertungen zeigen, dass der Mensch ein Weitewesen ist, dass er zwar eine mehr oder weniger klar konturierte Gestalt im Raum "besitzt" (wer ist der Besitzende?), aber in der Tiefe weit über diese hinausreicht. Die Fühlhörner des empfindenden Selbst als Organe einer leiblichen Organisation sind in unvorstellbarem Maße ausgedehnt. Dass man "der Seele Grenzen" nicht abmessen und ausschreiten kann, wusste schon der altgriechische Philosoph Heraklit. In der transpersonalen oder mystischen Schau ist dies erfahrbar; es ist keine Spekulation. Wer sich der Mühe unterzieht, das gewaltige Erfahrungsmaterial zu studieren, das etwa Stanislav Grof in über vierzig Jahren zusammengetragen hat, wird nicht umhin kommen, die wahrhaft kosmische Dimension der menschlichen Ausdehnung anzuerkennen. Es scheint so, als sei die ursprüngliche (die primordiale) Raumerfahrung des Menschen eben nicht die fötale oder intra-uterine; nicht das ganz Kleine steht am Anfang, sondern das ganz Große, die unermessliche Weite. Viele erinnern sich dieser Weite und Größe als ihrer Herkunft. Zu dieser Weite und Größe gehört das Gefühl, nicht getrennt zu sein. Was nicht bedeutet, als Gestalt zu verschwinden, sich im Unermesslichen wie der berühmte Tropfen im Meer aufzulösen. "Offene Weite, nichts von heilig", lautet die Antwort Bodhidharmas auf die Frage nach dem Wesen der Buddhanatur. Diese offene Weite zerstrahlt nicht die menschliche Gestalt, sondern sie hüllt sie ein und geht von ihr aus. In ihr sind wir wir selbst. Nur in ihr sind wir wir selbst. Als inkarnierte Wesen können wir dem Paradox nicht ausweichen, sowohl ganz klein als auch unmessbar groß, sowohl getrennt als auch verbunden zu sein. Wir sind dieser Widerspruch. Am erschütterndsten wird dies an Neugeborenen erkennbar, die nicht selten ganz alte, wissende Gesichter haben, was sich dann schnell verliert. Zu dem unmessbar Weiten gehört das unmessbar Alte. Auch in der zeitlichen Dimension gilt das über die (räumliche) Ausdehnung Gesagte. Es spricht viel dafür, dass wir in der Tiefe Raum sind, dass wir im anderen oder höheren Raum wurzeln, der sich uns - neben anderem - als universales Bewusstseinsfluidum, als Weltseele darstellt. Wäre der höhere oder andere Raum, den wir in der "Anderswelt-Erfahrung" erahnen oder dessen Vorhöfe betreten, nicht selbst die Weltseele, dann wäre das Bewusstsein strukturell raumlos. Diese Raumlosigkeit lässt sich postulieren, beweisbar ist sie nicht. Alle Empirie deutet eher auf das Gegenteil: die Raumqualität des Bewusstseins und des Selbst. Ein im absoluten Sinn raumloses, also unausgedehntes Subjekt wäre gestaltlos. Leben ist nur im Raum möglich. Das als raumlos behauptete Selbst hat die Tendenz, sich allen existenziellen, ökologischen und kosmischen Mit-Räumen zu verweigern, sich gegen diese Mit-Räume zu definieren und damit auch gegen die geomantische Dimension des Menschseins. "We have to re-own the body", sagt Ken Wilber ("Wir müssen uns den Körper wieder aneignen"). Genauso wichtig, vielleicht gar noch wichtiger, wäre dies; "We have to re-own the space" ("Wir müssen den Raum wiedergewinnen, uns den Raum wieder aneignen"). Und das heißt auch: den sogenannten äußeren Raum, den uns die Mainstream-Naturwissenschaft als tote Leere vorführt. Diese tote Lere ist eine Projektion des raumlosen, raumvergessenen Subjekts.
Es gehört zu den großen Bewusstseinsaufgaben der nächsten Jahre, zu einem ganz neuen und existenziellen (und damit lebbaren) Verständnis des Raumes zu gelangen. Als Raumlose oder Raumvergessene haben wir nicht den Hauch einer Chance, die große Krise zu bewältigen. Wie ausgedehnt sind wir? - Schon wenn wir die Frage in ganzer Tiefe und Intensität wirklich zulassen, wohnt ihr eine Kraft inne, die das Bewusstsein öffnet, es an das erinnert, was es ist. Bewusstsein ist Raum-Bewusstsein. Seele ist Weltseele-Bewusstsein.