Kulturfaktor Öko-Bau

Baubiologie als Katalysator zur Sanierung unserer Gesellschaft

von Anton Schneider erschienen in Hagia Chora 3/1999

Die Zeit zeigt Zeichen einer Wandlung von der Industriegesellschaft in die nachindustrielle, ökologisch geprägte Gesellschaft. Die Phase der Neuorientierung, naturgemäß mit Krisen und Fehlschlägen verbunden, scheint bereits begonnen zu haben. Unter den vielen Ideen für die Gestaltung der Welt von morgen sind realistische, idealistische und utopische. "Utopien sind dazu da, um verwirklicht zu werden!" Unter diesem Motto wurde Dr. Anton Schneider zum Pionier für Baubiologie und Ökologie. In diesem Artikel stellt er die konzeptionelle Grundlage seiner Arbeit dar.

Baubiologie und Baukultur sollten eine Einheit bilden. Wie das Leben, die Biologie des Menschen zur Vollkommenheit strebt, so soll auch die gebaute Umwelt eine Veredelung und Höherentwicklung der menschlichen Fähigkeiten im Sinne von Humanität, Ästhetik, und Ethik zum Ausdruck bringen.
Den meisten Menschen geht die Umkehr zu langsam. Das ist verständlich, denn es ist viel Sand im Getriebe. Die alten Lehren, Gewohnheiten, Privilegien und Machtpositionen werden nur zögernd aufgegeben. In der Industriegesellschaft dreht sich alles um das "goldene Kalb" Industrie: Ökonomie, Profit, Wirtschaftsmacht, Arbeit, Rationalisierung, Massenkonsum, Massenproduktion und berufliche Position. Bereits in der Grundschule werden unsere Kinder für das Leistungs- und Konsumleben dressiert, um in weiterbildenden Schulen für einen schmalen Arbeitsbereich spezialisiert zu werden. Das gesamte Wirtschaftsleben tendiert zu einem Kampf aller gegen alle, wobei die Schwächeren der Gesellschaft trotz sozialer Marktwirtschaft ausgebeutet werden.
Das rein Menschliche, die natürliche Lebensordnung und die Umwelt bleiben auf der Strecke. Wie kann es auch anders sein, da unsere Ausbildungsstätten selten eine Bildung zu menschlichen Werten vermitteln, gekennzeichnet durch Prinzipien wie Ehrlichkeit, Moral, Ehrfurcht vor dem Leben, Verantwortung, Naturverbundenheit, Spiritualität, gesunde Lebensführung, ökologisch-ganzheitlich und sozial geprägtes Bewusstsein. Solange allzu häufig Führungspositionen in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Verwaltung mit Personen besetzt sind, denen diese humane Qualifikation abgeht, ist an eine rasche Änderung der Situation nicht zu denken. Wenige sind reif für unsere Technik und für die Erhaltung des Gleichgewichtes in der Natur. Hier liegen die tieferen Ursachen für die großen Krisen bezüglich Umwelt und Gesundheit. Und hier ist der Ansatz für die Neuorientierung, für eine ökosoziale und humane Revolution zu finden.

Macht euch die Erde untertan?
Ein Jahrtausende alter Nachholbedarf lässt sich von dem falsch verstandenen, einseitig manipulierten biblischen Urauftrag, "Macht euch die Erde untertan!", zur Erklärung des ökologisch-technischen Irrwegs eruieren. Dieser aus dem Zusammenhang genommene Satz der Genesis rechtfertigt in keiner Weise die Zerstörung und Vergewaltigung unserer natürlichen Basis. Der Mensch als "Krone der Schöpfung" würde sich sonst den Ast absägen, auf dem er sitzt. Das vollständige Zitat lautet schließlich: "Bewahrt die Erde und macht sie euch untertan". Der meist unterschlagene erste Satzteil ist entscheidend! Er weist hin auf unsere Verantwortung und Sorgfaltspflicht gegenüber der "Mutter Erde". Andernfalls würde die falsche Auslegung und ihre Anwendung den ganzen Schöpfungsplan und dem Postulat des christlichen Glaubens bezüglich Liebe, Frieden, Ethik etc. völlig widersprechen.

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