Die Seele des Hauses

Möglichkeiten zu einer geomantischen Neuorientierung

von Lars Christoph erschienen in Hagia Chora 3/1999

Eine zeitgemäße Geomantie sieht die menschliche Entwicklung als den zentralen Angelpunkt für jegliche Überlegungen oder Maßnahmen an. Der Geomantieberater Lars Christoph unternimmt im folgenden Beitrag den Versuch, das Selbstverständnis einer ganzheitlichen Herangehensweise zu sikzzieren. Es ist ihm ein Anliegen, den fachlichen Austausch über dieses Thema in Gang zu bringen.

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Übersetzt man Geomantie nicht nur als "Weisheit der Erde" oder "Erdweissagung", sondern auch als "die Seele des Ortes", so leitet sich daraus ein bestimmtes Verhältnis und damit eine entsprechende Herangehensweise an den zu untersuchenden Ort ab. Die Seele eines Ortes, konkret einer Wohnung, eines Hauses, zu erfassen, ist ein komplexer und spannender Prozess. Er verlangt vom Untersuchenden zum einen, die Bewohner und Auftraggeber dahin zu bringen, sich mit dem Ort auseinanderzusetzen, was oft unbequem ist, und zum anderen, die Vielfalt der Ebenen aufzuzeigen und miteinander zu verbinden. Letzteres bezieht sich auf das analoge Verknüpfen, dem das senkrechte Denken zugrunde liegt. Auf diese beiden Punkte möchte ich hier besonders eingehen. Außerdem soll dabei eine Arbeitsweise zur Analyse und zur Heilung eines Ortes umrissen werden.
Wie nähere ich mich als Untersuchender dieser Seele eines Ortes, eines Hauses, einer Wohnung?
Hilfreich ist hier die Analogie zum Menschen. So wie beim Menschen die Seele über Manifestation auf verschiedenen äußeren Ebenen erkennbar wird, so können wir uns diesem Phänomen der Geomantie von außen nähern. Beim Menschen sind dies z.B. Gesten, Körperhaltung, Sprache, Schicksalsschläge, Krankheiten, Träume, Ängste, Beziehungen zu anderen Menschen, ... . Bei Orten entspricht dies z.B. der Topologie, Geologie, Vegetation, Hydrologie, Baumaterialien, Farben, Beziehung zu den Himmelsrichtungen, die Bebauung, der kulturelle Raum, die Geschichte, das Klima, die Mythen . Beide Aufzählungen sind so unsortiert wie unvollständig. Eine Analogie hierzu: In der traditionellen Medizin verschiedener Kulturen wird die Krankheit nicht über das Zerlegen des Körpers diagnostiziert, denn man glaubt nicht, hier auf das Wesentliche zu treffen. Der Heiler muss die Krankheit anhand der sichtbaren und erfühlbaren Manifestation am Körper (Iris-, Puls- oder Antlitzdiagnostik) bestimmen. Denn er weiß, dass das Eindringen in den Körper lediglich einen anderen äußeren Ausdruck zu Tage bringt, jedoch nicht das Prinzip, welches zu dieser Krankheit geführt hat. Für die Geomantie ist dies durchaus ein passendes Gleichnis.
Die Wechselbeziehung und die Erlebnisse der Menschen am jeweiligen Ort spielen in der Geomantie eine wesentliche Rolle. Der Mensch geht unterschiedliche Beziehungen zu einem Ort ein und möchte darüber sich selbst erfahren.

Der Ort - Spiegel zur Selbsterkenntnis
Eine geomantische Arbeit kann in zwei Arbeitsschritte unterteilt werden. Der erste und wichtigste Schritt ist die Analyse des Ortes, da seine Bewohner dabei erfahren sollten, mit welchem Wesensanteil sie hier besonders in Kontakt kommen. Dabei gibt es Archetypen, die von allen Menschen erkannt werden. Individuelle Empfindungen hingegen weichen voneinander ab, stehen jedoch auf der Analogieebene wiederum in Verbindung. Ein Vulkan (Feuer) oder eine Seenlandschaft (Wasser) sprechen z.B. bei allen Menschen die gleichen archetypischen Grundmuster an, die persönliche Resonanz und Reaktion ist dabei sehr differenziert, - das wirkende Prinzip, welches dahinter steckt, ist jedoch immer das gleiche.
Dieser erste Schritt stellt die größte Herausforderung an den Geomanten dar: Er muss die Bewohner mit ihrem Ort konfrontieren und sie aus der Passivität herausführen. Viele Menschen, die ihren Lebensort als problematisch begreifen, möchten mit der geomantischen Untersuchung die Verantwortung abgeben. Das funktioniert so wenig wie bei der Suche nach Selbsterkenntnis. Der Geomant kann zwar das Ungleichgewicht eines Ortes harmonisieren, aber die Begegnung bleibt ohne Folgen, wenn die Bewohner nicht erkennen, welcher Seelenanteil sich durch das Problem des Ortes sichtbar macht. Sie werden an der nächsten Hausecke mit dem gleichen Prinzip erneut zusammenstoßen. Sicherlich hat eine geomantische Beratung nicht den Anspruch einer Therapie. Es geht vielmehr um die Begegnung mit sich selbst, oft mit bislang unbekannten Seiten der Persönlichkeit.
Der zweite Schritt, die "Therapie" des Ortes, kann nur so verstanden werden, dass im Grunde kein Ort therapiert werden muss, sondern Veränderungen geschaffen werden, so dass der Ort für den Menschen ein ausgewogenes Gegenüber bildet. Besser ist hier der Begriff Heilung, sprich Versöhnung der Polaritäten oder Befreiung aus der Einseitigkeit. Die Heilung eines Ortes hat nur im Zusammenhang mit der Anwesenheit des Menschen Bedeutung. Die Erde schafft sich auf Grund ihrer Intelligenz und Beseeltheit das Gleichgewicht immer wieder selbst, jedoch in anderen Dimensionen als der des menschlichen Daseins. Der Mensch ist darauf angewiesen, dass ein recht eng begrenzter Raum ihn mit relativ ausgewogenen und vitalen Energien versorgt.
Eine wesentliche Aufgabe bei der Ortsheilung ist, wie gesagt, zu erkennen, welches Prinzip der Ort in sich trägt, denn bereits dies bewirkt, dass der Ort als "ein anderer" empfunden wird. Wie selbstverständlich führen die Bewohner dann Veränderungen herbei, welche die Energien des Ortes aus ihrer Einseitigkeit herausführen. Der geomantische Berater, der als Außenstehender einen unverstellten Blick hat oder haben sollte, kann hier wichtige Impulse geben. Gewisse Veränderungen kann selbstverständlich nur der Geomant selbst herbeiführen, z.B. das Umleiten oder Unterbrechen von Erdstrahlungen, die den Ort mit einer stark einseitigen oder krankmachenden Energie belasten.

Senkrechtes Denken in der Geomantie
Wie gesagt möchte ich die Analyse und die Ortsheilung selbst unterscheiden. Bei der Analyse geht es darum, auf verschiedenen Wahrnehmungsebenen Baustein für Baustein zusammenzutragen und diese zu einem klaren, aussagefähigen Bild zusammenzufügen. In diesem Zusammenhang skizziere ich eine Arbeitsweise:
Es hat sich als praktisch erwiesen, vom Großen zum Kleinen hin zu arbeiten. Die ersten Bausteine sind großräumiges Kartenmaterial, Luftbilder, Aussagen zur Geologie, überregionale energetische Beziehungen, die geschichtliche Entwicklung, die Mythen der Region, die typischen architektonischen Ausdrucksmittel, Sitten und Bräuche und der ursächliche Archetyp der Landschaft. Über Zwischenstationen nähert man sich der kleinen Einheit Haus: Die Erlebnisse und das Befinden der Bewohner, die Geschichte des Hauses, die Baumaterialien, der städtebauliche Kontext, die Gebäudeformen, die technischen Felder, der konkrete Verlauf von Erdstrahlungen zum Gebäude, Pflanzen in und außerhalb des Hauses, die Einrichtung etc.
Die Qualitäten der Himmelsrichtungen, mit denen auch die westliche Geomantie arbeitet, können als Grundmatrix verwendet werden. Dieses komplexe System berücksichtigt alle Bausteine, um ein schlüssiges Gesamtbild der Energieverteilung des Ortes zu erhalten. Das Abbild ist kein statisches Ergebnis, sondern ein dynamisches. Veränderungen, die am Ort vorgenommen werden, lassen sich gut in das System integrieren. Ein Beispiel einer solchen Analogiekette für den Norden: Erde - Winter - Schlaf - Lehm - Sandstein - Lapislazuli - Blei - Saturn - Eiche - Einöde - Gruft - Schlangen - Zwerge - Unterwelt - Schwangerschaft - Traum - Melancholie - Vertrauen - Ahnen - Meditation - Unbewußtes - Kälte - Schutz - . Diese Aufzählung entzieht sich unseren gewohnten Mustern, Begriffe zu strukturieren, sprich Überbegriffe, wie Steine, Pflanzen, Tiere, Planeten etc., zu suchen. Es geht um das Prinzip, das hinter diesen Begriffen wirkt. Aufgrund unseres einseitig waagerechten Denkens, das mit dem Rationalen verknüpft ist, schaffen wir uns eine enge Wirklichkeit, weit entfernt von einem umfassenden Weltverständnis.
Um auch hier das Gleichgewicht wieder herzustellen, müssen wir uns um das analoge Denken, welches der weiblichen aufnehmenden Seite und dem senkrechten Weltbild zugeordnet ist, bemühen.
In der Analogiekette klangen bereits Elemente an, welche für die Ortsheilung verwendet werden können. Hier noch ein vereinfachtes Beispiel:
Eine Wohnung mit einer starken Südenergie - die Fenster zeigen nach Süden, es wurde mit luftigen und hellen Materialien und Farben gearbeitet, die Geologie weist ein trockenes und leichtes Gestein auf, eine geologische Bruchlinie verläuft unter dem Haus. Die Menschen an diesem Ort haben ihre Not, zur Ruhe zu kommen, dagegen findet ein reger geistiger Austausch statt. Die Energien sind ungeeignet für Erholung und Schlaf. Daher sollten die Rückzugsbereiche, besonders die Schlafplätze, eine Veränderung erfahren. In der Ruhephase benötigt der Mensch eine ausgewogene Energie. Die weiblichen Kräfte, welche im Norden und Osten zu finden sind, könnten hier gestärkt werden. Vor allem auf der Nordseite wäre hier im konkreten Fall zu arbeiten - wiederum mit Analogien. Das sind z.B. Formen, die mit Schutz verbunden sind (Höhle), archetype Zeichen, wie die nach unten geöffnete Mondsichel, Materialien, wie Lehm und Naturstein, Naturfarben wie Umbra gebrannt, indirektes oder Kerzenlicht, Meditationen, fließende Raumenergien etc.
Wie gesagt ist dies ein stark vereinfachtes Beispiel. Was hier so schablonenhaft wirkt, ist in der Praxis ein durchaus komplexer, kreativer Prozeß, bei dem Einfühlungsvermögen und Intuition des Geomanten gefragt sind.