Schönheit der Zahlen
Baugeometrie - Faszination, Theorie und Praxis am Beispiel der Kathedrale von Chartres
Die Schönheit mancher Bauwerke zieht uns unwiderstehlich an. Seinen Erfahrungsweg zur Entschlüsselung der harmonikalen Geheimnisse schildert der Architekturdesigner Harold Winkel in einem persönlichen Bekenntnis.

An einem staubfarbenen, dürren Juliabend vor einundzwanzig Jahren stieg ich, vom LKW-Parkplatz der Route Nationale 154 kommend, durch das Gassengewirr des Hügels von Chartres empor. Ich war ein junger Student, auf meiner ersten großen Hitch-hiking-Tour durch Frankreich, fast ohne Geld, angewiesen auf die Gastfreundschaft der Fermiers und auf Verdienstmöglichkeiten als bäuerlicher Hilfsarbeiter - immerhin war Erntezeit.
An diesem Tag war auf der Straße kein Weiterkommen gewesen. Ich war es gewohnt, Städte nur tags zu besuchen und mich für die lauen Nächte in ländliche Gebüsche zu verziehen (stets auf der Hut vor Gendarmen, die den Landstreicherei-Paragraphen manchmal sehr eigenwillig interpretierten). Hier in der Stadt Chartres hängenzubleiben, stellte mich vor allerlei - auch finanzielle - Probleme.
Also mal sehen, wo eine billige Bleibe zu finden wäre. In den 2-CV-breiten Gassen suchte ich nach der Bar Tabac, in der ich mich nach einer Privatunterkunft erkundigen könnte.
Dass ganz oben auf diesem Stadthügel eine größere Kirche steht, hatte ich von weitem schon sehen können, fand jedoch nichts besonderes daran - in fast jedem französischen Ort ist irgendsoein Steinungetüm, in Orléans, von wo ich gekommen war, in Blois, in Tours, in Poitiers ... alles recht langweilig; es riecht nach säuerlich frömmelndem Katholizismus.
Angekommen auf einem weiten Platz - ich hatte die Ausdehnung des Hügels überschätzt - blickte ich ins Freie:
Und da war sie.
Irgendwann verblasste der rötliche, fast volle Mond hinter Dekorationen, die vom Quatorze Juillet übergeblieben waren; Amseln klagten, die ersten Mauersegler spitzten den Himmel mit ihrem Geschrei.
Ich hätte tags zuvor noch jeden ausgelacht, der behauptet hätte, man könne sich in ein Gebäude, ein so altes noch dazu, verlieben.
Das Geliebte verstehen
In meiner Wiener Studentenheim-Enge, im Herbst nach dieser Tour de France, kam mir ziemlich bald das Werk ?Das Geheimnis der Kathedrale von Chartres? von Louis Charpentier in die Hand. Zunehmend entrüstet und erbost musste ich da nachvollziehen, wie mit eingeweiht-wichtigtuerischer Miene unkorrekte geometrische Verhältnisse, falsche Bauabmessungen, verzerrte Sternkarten und abstruse geodätisch-astronomische Beziehungen hergestellt wurden; das Ganze noch verquickt mit einem Schuss Templer-Romantik. (Nicht zu Unrecht sagt Umberto Eco in seinem ?Foucault?schen Pendel?, dass jeder wahnumflorte Apologet des Mittelalters früher oder später mal seine Referenz auf die Templer aus dem Ärmel zieht.) Jean Villette hat bereits 1976 mit einem kleinen, eleganten Artikel in ?Pelerinage de Chartres? die Spekulation des Monsieur Charpentier von jeglicher spiritueller Anmaßung und erkenntnishafter Exaktheit entkleidet.
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